Kommunikation mit Krebspatienten: In schweren Zeiten begleiten

„Die Rolle der Allgemeinmediziner ist sowohl im Rahmen der Diagnosestellung als auch während der laufenden Behandlung, zum Beispiel einer Chemo- oder Hormontherapie, und in der Nachsorge nach Abschluss der onkologischen Therapie eine sehr wichtige, vor allem was die Kommunikation mit dem Patienten betrifft“, erklärt Dr. phil. Gabriele Traun-Vogt, Psychoonkologisch-Psychotherapeutische Praxis, Vorstandsmitglied der Österreichischen Krebshilfe Wien und Gründungsmitglied der Österreichischen Plattform für Psychoonkologie (ÖPPO).
In der Phase der Diagnosefindung sollte klar sein, dass für alle Menschen, die mit einem Krebsverdacht konfrontiert sind, sofort die zentrale Frage „Krebs = möglicher Tod?“ im Raum steht. Traun-Vogt: „Die Betroffenen kippen in der Sekunde aus einer unbeschwerten gesundheitlichen Haltung in eine potenzielle Lebensbedrohung.“

Auf individuelle Ängste eingehen

Dramatisch kann es beim meist schmerzfreien Brustkrebs ablaufen, wenn die Frauen zum Screening gehen, eigentlich eine Bestätigung ihrer Gesundheit erwarten und plötzlich mit einem Befund konfrontiert werden, der einer weiteren Abklärung bedarf. „In dieser Situation muss klar sein, dass diese Leute mit ganz massiven Ängsten um ihr Leben konfrontiert sind und gerade überhaupt nicht um die Dimension ihrer Krankheit wissen: Es kann sich als Knoten herausstellen, der schnell behandelbar ist; oder es wird tatsächlich eine lebensbedrohende Situation. Das ist für die Patientinnen natürlich ein großes Thema, und es ist wichtig, auf ihre individuellen Ängste einzugehen.“
Die Furcht vor dem Tod sei bei allen gleich – für manche weniger, für manche mehr intensiv, aber „sie gehen durch denselben Prozess der Bedrohung. Da sind Hausärzte sehr wichtig, um Leute aufzufangen und durch kompetente Information in der Krise zu betreuen.“

Allgemeinmediziner als konstantes Netz

Auch während bzw. nach der Behandlung in einem onkologischen Zentrum, wenn die Patientinnen nur großmaschig alle drei bis sechs Monate zu einer Kontrolle kommen, spielen die Allgemeinmedizinerinnen eine große Rolle.
„Viele psychische Probleme bleiben lange über das Ende einer onkologischen Behandlung relevant, speziell die Angst, ob der Krebs wieder kommen kann, ob man trotzdem daran sterben kann und wie man den Berufs- oder Beziehungsalltag nach der Krebserkrankung bewältigt. Damit werden die Allgemeinmediziner oft konfrontiert.“
Wichtig ist, so betont Traun-Vogt, so einfach wie möglich zu kommunizieren, also wenn möglich ohne Fremdwörter, denn: „Personen, die an Krebs erkrankt sind, werden plötzlich mit Hightech-Medizin und einer Menge von Fachausdrücken konfrontiert, die für sie neu sind. Dazu kommt, dass viele Leute sofort im Internet recherchieren, was häufig große Ängste weckt, weil man natürlich im Internet alles Mögliche und vor allem unkommentiert findet. Eine wichtige Aufgabe des Allgemeinmediziners ist es daher, diese Informationen zu kommentieren und die geweckten Ängste auf ein realistisches Maß zu bringen.“ Generell sei es so, dass das, was bei den Onkologen nicht verstanden wurde, nochmal beim Hausarzt nachgefragt wird.
Studien aus den nordischen Ländern zeigten, dass Betroffene mit guter psychologischer Versorgung besser mit der Angst umgehen können und schneller wieder eigenständig sind. „Man weiß, dass nicht nur die Lebensqualität sondern auch die Behandlung schlechter verläuft, wenn die psychische Situation schlecht ist.“ Außerdem spart man sich durch eine gute psychische Unterstützung viele Kosten, weil die Patienten einfach besser und schneller in einen Arbeitsprozess wieder einsteigen oder sich wieder selbst versorgen können.
„Generell hat der Allgemeinmediziner für mich auch eine wichtige koordinierende Funktion. In Angelegenheit des Nebenwirkungsmanagements – zum Beispiel Obstipation – sind oft die Allgemeinmediziner die ersten Ansprechpersonen. Sie empfehlen auch häufig eine onkologische Rehabilitation, zum Beispiel in Bad Tatzmannsdorf oder Bad Schallerbach. Viele Patienten wissen über diese Möglichkeit noch gar nicht Bescheid.“
Wichtig sei auch, das Umfeld des Patienten einzubinden – wer hilft bei der Pflege und welche Einrichtungen gibt es im Bezirk oder in der Nachbarschaft?

DOs und DON,Ts in der Kommunikation mit Krebspatienten

„Das Wichtigste ist, dass Allgemeinmediziner die Menschen dort ‚abholen‘, wo sie gerade stehen. Zusätzlich sollen sie näher auf den Patienten eingehen und fragen `Was kann ich für Sie tun?‘, „Wie kann ich Ihnen helfen?“, so Traun-Vogt.
Ein Gespräch mit Krebspatienten braucht Zeit. „Das sind Menschen, die vor allem intensive Ängste erleben. Eine Drei-Minuten-Medizin ist für onkologische Patienten schwierig.“ Bedeutend sei auch die Beobachtung, ob der Patient gut mit der Angst umgehen kann oder ob sich eine psychische Störung entwickelt. Hier empfehle sich eine Kooperation mit psychoonkologisch spezialisierten Psychotherapeuten oder klinischen Psychologen oder auch eine medikamentöse Unterstützung, „wenn man das Gefühl hat, dass die Leute sehr ängstlich oder depressiv sind und keine Entscheidungen mehr getroffen werden können oder wenn die Patienten sehr viel Zeit nur noch im Bett verbringen, nicht mehr aus der Wohnung rausgehen wollen, gedanklich nur noch um die Erkrankung kreisen, sich von ihrem sozialen Umfeld weitgehend abkoppeln, dann müsste man sich wegen des Abrutschens in eine Depression Sorgen machen.“
„Wichtig sind auch die Krebshilfe-Organisationen in jedem Bundesland, die ein bewährter und verlässlicher Partner sind, sowohl für den Zeitraum der Diagnosefindung als auch besonders in der Nachsorge, wenn die psychischen Probleme häufig erst beginnen – und dann ist die Krebshilfe ein bewährter und verlässlicher Partner. Allerdings ist die Krebshilfe chronisch unterfinanziert – vor allem durch Spenden – und die Krankenkasse lehnt eine Kostenübernahme der psychoonkologisch-psychotherapeutischen Betreuung ab. Ich finde allerdings, dass die Öffentlichkeit hier auch eine Verantwortung hat“, meint Traun-Vogt.

 

Tipps zur Kommunikation mit Krebspatienten

  • einfache Formulierungen, keine Floskeln
  • Ermutigungen
  • Ängste bemerken und ansprechen
  • Patienten ermutigen, Fragen zu stellen

 

Was tun bei sprachlichen Barrieren?

Bei sprachlichen Barrieren ist es am wichtigsten, Kinder der Patienten nicht als Dolmetscher zu „verwenden“. „Es ist ein absolutes No-Go, dass sie ihren Eltern eine Krebsdiagnose übersetzen und mitteilen müssen. Da muss für eine andere Möglichkeit gesorgt werden, was sich ein Allgemeinmediziner allerdings oft nicht leisten kann – hier sollte zurück ins Spital überwiesen werden, dort gibt es mehr Möglichkeiten.“ Es ist auch zu beachten, dass es in anderen kulturellen Kontexten zum Beispiel ein Tabu ist, mit einer Frau in Anwesenheit ihres Sohnes über ihre Brust zu sprechen. Eine schwierige Situation ist natürlich auch, wenn Ehemänner darüber entscheiden, ob ihre Frau die Therapie machen darf oder nicht.

Forderung nach mehr Kommunikationstraining in der Ausbildung

Traun-Vogt: „Im neuen Curriculum der Ärzteausbildung sind schon Änderungen vorgenommen worden. Das Bewusstsein, dass sehr viele Kommunikationsfähigkeiten für die Ausübung des ärztlichen Berufes notwendig sind, dürfte unter den jungen Medizinern auch schon verstärkt vorhanden sein. Meiner Meinung nach müsste der Bereich Krisenintervention viel prominenter vorkommen. Auch der Bereich Palliativmedizin und das Gespräch nicht nur mit den Patienten, sondern auch mit den Angehörigen als Ressourcepersonen um den Patienten herum sind wichtig. Und ganz simple Kommunikationstools: „Wie drücke ich einen komplizierten Sachverhalt einfach aus?“ – also ärztliche Gesprächsführung mit einer alltäglichen und klaren Sprache. Zwischen Floskeln wie „Kopf hoch, das wird schon werden“ und Ermutigung wie „Ich weiß, es ist schwer, aber viele Leute haben das vor Ihnen geschafft. Es ist eine schwere Zeit, aber Sie werden das gut durchstehen“ sei es eine schmale Gratwanderung.

 

Alle bisher erschienenen Beiträge der Serie „Gesprächskultur im Gesundheitswesen“finden Sie online auf www.medmedia.at

• Wie das Arzt-Patienten-Gespräch wirkt
• Patientenkommunikation: Beziehung wirkt!
• Neue Medien beeinflussen das Patienten-gespräch
• ärztliche Dokumentation: Transportmittel wertvoller Informationen
• Entscheidungshilfen für das Patientengespräch
• Gesundheitskompetenz in Österreich stärken
• Telemedizin: Potenzial richtig nutzen!
• Stärken der Laienversorgung
• Grundpfeiler der Patientensicherheit
• Wie kann Arzt-Patienten-Kommunikation gelingen?
• Organspende: Zentral ist das Gespräch mit den Angehörigen
• Suizidprävention in Österreich
• Kommunikationsfehler: Lücken in der Patientensicherheit
• Kommunikation nach einem Zwischenfall
• Super-Gau: „Kunstfehlerprozess“
• Die Patienten (mehr) reden lassen
• Kommunikation in der Onkologie
• Selbstwirksamkeit des Arztes
• Kommunikation als Lehrinhalt