Hohe Akzeptanz für Fortbildungspflicht

ARZT & PRAXIS: Frau Dr. Oberhauser, seit September 2014 sind Sie Bundes­ministerin für Gesundheit, seit Juli 2016 Bundesministerin für Gesundheit und Frauen. Inwiefern wirkt sich Ihr Background als Ärztin auf die Art und Weise aus, wie Sie Gesundheitspolitik ­betreiben?

Dr. Sabine Oberhauser: Meine Erfahrung als Ärztin hat natürlich auch Einfluss auf meine Gesundheitspolitik. So zum Beispiel beim Thema Zeit: Als Ärztin weiß man, dass sich Patienten Zeit vom Arzt wünschen und vice versa. Eines meiner primären Anliegen als Ministerin ist also, diesen Zeitfaktor verstärkt zu berücksichtigen und in diesem Bereich Verbesserungen umzusetzen. In der Reform der Primärversorgung etwa spielt der Faktor Zeit eine ganz zentrale Rolle: Durch die Zusammenarbeit mehrerer Gesundheitsberufe soll dem Arzt mehr Zeit für das Gespräch mit den Patienten und für die Behandlung bleiben.

 

 

Welche gesundheitspolitischen Agenden sind Ihnen besonders wichtig?

Österreich hat eines der besten Gesundheitssysteme der Welt. Als Gesundheitsministerin setze ich alles daran, die hervorragende medizinische Versorgung für die Zukunft zu erhalten und gezielt weiterzuentwickeln. Dabei haben für mich ein solidarisches Gesundheitswesen und die Zusammenarbeit mit allen Partnern des Gesundheitswesens obers­te Priorität. Unser Ziel lautet: den ­Menschen in Österreich die Sicherheit geben, im Krankheitsfall die bestmögliche Behandlung zu erhalten, Transparenz schaffen, Probleme erkennen und ansprechen, gemeinsam Lösungen erarbeiten. Ganz besonders wichtig ist mir, dass es in der Gesundheitspolitik nicht nur um die sogenannte Reparaturmedizin, sondern um Gesundheitsförderung, Gesundheitserhaltung und Prävention geht. Gesundheitsfragen müssen in unserer Gesellschaft stärker verankert und von den Schulen über die Betriebe bis hin zu den Gemeinden präsent sein.

Prävention ist ein zentraler Baustein im Gesundheitswesen. Auf welche ­Maßnahmen im Bereich der Gesundheitsprävention sind Sie besonders stolz?

Der wirksamste Ansatz, Krankheiten zu verhindern, ist die Verringerung von Krankheitsursachen. Ein großer Teil der Krankheitsursachen liegt in den Lebensbedingungen der Menschen. Um diese Bedingungen zu verbessern und die Anzahl der gesunden Lebensjahre in Österreich weiter zu steigern, haben wir die österreichischen Rahmen-Gesundheitsziele geschaffen. Diese umfassen alle Lebensphasen und alle wesentlichen Lebensbereiche – Familie, Kinderbetreuung und Bildung, Arbeitsplätze, Umweltschutz, Ernährung und Bewegung und natürlich auch das Gesundheitswesen. Wir werden mit Partnern aus allen Politikbereichen in den nächsten 15 Jahren kontinuierlich an der Verbesserung dieser Bereiche arbeiten.
Besonders stolz bin ich darauf, dass wir im Rahmen der Gesundheitsreform konkrete Instrumente dafür geschaffen haben: zum einen die nationale Gesundheitsförderungsstrategie, die den Rahmen für eine zielgerichtete Gesundheitsförderung in Österreich vorgibt. Dafür stehen in den sogenannten Landesgesundheitsförderungsfonds jährlich ca. 15 Mio. Euro zur Verfügung. Zum anderen die Vorsorgestrategie des Bundes: Hier werden pro Jahr ca. 3,5 Mio. Euro für bundesweit akkordierte Maßnahmen im Bereich Gesundheitsförderung ausgegeben. Ein Beispiel für ein Projekt der Vorsorgemittel-Strategie sind die „frühen Hilfen“: Hier werden Netzwerke zur Unterstützung von Familien in belastenden Situationen aufgebaut, um ein gesundes, glückliches Aufwachsen von Anfang an zu unterstützen.

Ad Prävention: Das Motto des Österreichischen Impftags 2017 lautet: „Gesunde Gesellschaft – gehört Impfen (noch) dazu?“ – Wie sehen Sie das?

Den guten Gesundheitszustand der Bevölkerung verdanken wir auch den steigenden Durchimpfungsraten der letzten Jahrzehnte. Dazu möchte ich das Beispiel von humanen Papillomaviren (HPV) anführen: Wir haben hier eine Impfung, die nicht nur vor Infektionen oder Erkrankungen schützt. Hier geht es auch um die Prävention von Krebs. Ähnliches gilt für Hepatitis B. Andere Impfungen schützen teils vor akuten Erkrankungen, wie die Impfung gegen Masern, Pneumokokken oder Meningokokken. Es ist bekannt, dass es dabei oftmals zu schwerwiegenden Erkrankungen mit lang anhaltenden, teils aber auch dauerhaften Folgeschäden kommen kann, die am Ende des Tages die Gesundheit der Bevölkerung ebenfalls nachhaltig negativ beeinflussen können.
Das sind gute Beispiele dafür, wie wichtig Schutzimpfungen in unserer Gesellschaft nach wie vor sind.
Aber wir dürfen uns keinesfalls zurücklehnen und ausruhen – im Fall von Masern beispielsweise sind wir auf hohe Durchimpfungsraten angewiesen, um Personen zu schützen, die nicht geimpft werden können. Außerdem kann sich das hoch infektiöse Virus schnell ausbreiten, wenn es in ungeschützte Personengruppen eingebracht wird. Impfungen tragen also maßgeblich dazu bei, dass unsere Bevölkerung gesund ist und bleibt – daher dürfen unsere Anstrengungen, die Durchimpfungsraten zu erhöhen, nicht enden.

Ärzte sind eine der wenigen Berufs­gruppen, die zur Fortbildung verpflichtet sind. Warum ist regelmäßige­ Fortbildung­ gerade im Bereich der ­Medizin so ­wichtig?

Eine kontinuierliche Fortbildung ist gerade im Bereich der Medizin unerlässlich, weil sich das medizinische Wissen alle vier bis fünf Jahre verdoppelt. Die Medizin wird immer spezialisierter, daher ist es gerade für Ärzte wichtig, am Puls der Zeit zu bleiben, um „State of the Art“-Behandlungen zu gewährleisten. Darauf haben die Patienten auch ein Recht. Ich nehme bei den Kollegen eine sehr hohe Akzeptanz für die Fortbildungspflicht wahr – weil es erstens hervorragende Fortbildungsangebote und zweitens auch im Hinblick auf Qualitätssicherung und Patientensicherheit eine hohe Sensibilität in der Ärzteschaft gibt. Es gehört zum Selbstverständnis dieser Berufsgruppe, die Fachkompetenz den aktuellen internationalen Standards anzupassen, um das hohe Niveau der österreichischen Medizin zu halten und auszubauen.
Ergänzend muss man aber dazusagen: Der Gesetzgeber verpflichtet alle, die als Experten einer Tätigkeit nachgehen, den jeweiligen Stand der Wissenschaft einzuhalten. Das bedeutet permanente Fortbildung. Ich denke dabei an technische Berufe, die Luftfahrt zum Beispiel. Für Ärzte sowie alle anderen Gesundheitsberufe wird diese Regel insofern nochmals explizit in den Berufsgesetzen verankert, als dort ausdrücklich die Fortbildungspflicht im Detail vorgegeben ist.

Am 1. September 2016 wurde erstmals die Erfüllung der Fortbildungs­verpflichtung überprüft. Die Daten werden an das Gesundheitsministerium berichtet. Bilden sich Österreichs Ärzte in ausreichendem Maße fort?

Wie gesagt, es besteht in der Ärzteschaft eine hohe Akzeptanz dieser Berufspflicht. Wir wissen aus den vergangenen Jahren, dass die Zahl der approbierten Fortbildungen steigt, immer mehr Ärzte nutzen auch Online-Angebote zur Fortbildung. Was die Erfüllung der Fortbildungspflicht mit 1. September 2016 betrifft: Die Überprüfung der Fortbildungsnachweise obliegt der Österreichischen Ärztekammer. Aufgrund von Nachfristen gibt es noch keine Information an das Gesundheitsministerium.

Die Unterstützung von Fortbildungsveranstaltungen durch die Industrie wird immer wieder kritisiert. Wenn die Politik Ärzte zur Fortbildung verpflichtet, sollte sie sich dann nicht auch über die Kosten Gedanken machen, sprich, einen Teil der Kosten übernehmen?

Primär überträgt das Ärztegesetz den Landesärztekammern und der Österreichischen Ärztekammer die Aufgabe, für die ärztliche Fortbildung zu sorgen. Dazu kann sich die Österreichische Ärztekammer auch der Österreichischen Akademie der Ärzte bedienen. Es gibt mittlerweile auch schon viele Online-Angebote, durch die man kostengünstig seiner Fortbildungspflicht nachkommen kann. Die Verpflichtung für regelmäßige Fortbildungen gilt aber, wie gesagt, auch für andere gesetzlich geregelte Gesundheitsberufe.
Zur Kritik an der Unterstützung durch die pharmazeutische Industrie möchte ich noch darauf hinweisen, dass diese strengen rechtlichen Vorgaben unterworfen ist, allen voran durch das Arzneimittelgesetz. Die Österreichische Ärztekammer wie auch der Verband der pharmazeutischen Industrie, die Pharmig, haben darüber hinaus Verhaltenskodizes entwickelt, um mehr Transparenz bei der Zusammenarbeit zu schaffen.

Vielen Dank für das Gespräch!
Fotos: BMG/Jeff Mangione
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Interview mit: Dr. Sabine Oberhauser

Bundesministerin für Gesundheit und Frauen


AutorIn: Dr. Eva Maria Riedmann

A&P 01|2017

Herausgeber: MedMedia Verlag und Mediaservice GmbH
Publikationsdatum: 2017-02-15