Schockraumsperre

Das Lorenz-Böhler-Unfallkrankenhaus (LBK), eines der beiden von der AUVA betriebenen Unfallkrankenhäuser Wiens, muss seit April den Schockraum an den Wochenenden per Anordnung sperren, konkret von Samstag- bis Dienstagfrüh. Schwerstverletzte, schockraum­pflichtige Fälle müssen somit am Wochenende bei Anfragen der Rettung abgelehnt und dürfen nicht mehr im LBK behandelt werden – sie müssen ins Unfallkrankenhaus Meidling oder in ein anderes Wiener Spital umgeleitet werden.
Die Belegschaft ist empört und geht seit Wochen auf die Barrikaden. Die Hintergründe für diese dienstrechtliche Anordnung sind unklar, alle möglichen Konzepte und Pläne stehen im Raum, vielfach nur als Gerücht, kommuniziert wird mit der Belegschaft offenbar wenig. Die Schockraumschließung ist unter Androhung disziplinarrechtlicher Konsequenzen angeordnet.
Schrittweise soll offenbar das LBK heruntergefahren werden.

Gravierende Unterversorgung ­befürchtet

Die Wiener Ärztekammer unterstützt mittlerweile den Protest und warnt vor einer unfallchir­urgischen Unterversorgung in Wien. Dr. Thomas Szekeres hat in seiner Funktion als Wiener Ärztekammerpräsident der Belegschaft vor Kurzem seine volle Unterstützung zugesagt. Er bezeichnet die Schockraumschließung „eindeutig als falschen Weg“; es dürfe nicht sein, dass auf dem „Flaggschiff der Unfallchirurgie in Wien“ die Behandlung von Schwerverletzten unter Androhung disziplinarrechtlicher Konsequenzen verboten werde.
Für Dr. Heinz Brenner, Fachgruppen-Obmann für Unfallchirurgie in der Wiener Ärztekammer und Unfallchirurg am LBK, brennt der Hut. Scheibchenweise werde in ein perfekt funktionierendes System eingegriffen. Er warnt vor dem sukzessiven Downgrading eines der in der Akutversorgung effizientesten Häuser und – wie Szekeres – vor einer gravierenden Unterversorgung.
Immer wieder müssten Patienten, wenn etwa in Meidling die Kapazitäten erschöpft seien, in niederösterreichische Spitäler gebracht werden. Und immer wieder öffnen diensthabende Ärzte bei Akutanfragen der Rettung den Schockraum, um Schwerstverletzte nicht abweisen zu müssen – trotz Dienstanweisungen und Drohungen. So etwa am 3. Juni, als der Schockraum in Meidling belegt war und Heinz Brenner den Lorenz-Böhler-Schockraum entgegen der Dienstanweisung öffnete. Durch das rasche Agieren konnte einem Schwerverletzten die Hand gerettet werden.
Am letzten Wochenende im Juni zumindest ging man dann auch von offizieller Seite einen anderen Weg – und hat auch offiziell wieder aufgesperrt. Wegen des Donauinselfestes hatte die Stadträtin die AUVA gebeten, den Schockraum des nahe gelegenen LBK offen zu halten.

Schockraum auf/zu – on-demand …

Doch so einfach ist es nicht, hinter einem „Schockraum“ steht mehr als ein Zimmer, das man nach Bedarf auf- und zusperren kann; dahinter stehen Expertise und Know-how, ein ausgefeiltes logistisches System und Personalkonzept. Denn schließlich muss binnen längstens drei Minuten eine komplette Mannschaft bereitstehen, neben zwei Unfallchirurgen die OP-Schwester, Anästhesist, OP-Gehilfe plus Radiologe und Radiologie-Assistent.
Bei laufenden Einsparungen kämpft man am LBK schon seit Längerem für die Aufrechterhaltung ausreichender Dienstmannschaften. Beginnend mit der offiziellen sogenannten Nachtsperre (von 22 bis 6 Uhr sind offiziell nur Rettungszufahrten erlaubt) und der nun verhängten Wochenend-Schockraumsperre besteht die Sorge vor weiteren Einsparungen personeller Ressourcen.

Warum die Sperre?

Auf Nachfrage verweist der Generaldirektor der AUVA, Dr. Helmut Köberl, darauf, dass die Konzentration der Schockraumfälle am Standort Meidling eine logische Folge des Schwerpunktkonzeptes der AUVA sei. Unter der Dachmarke „Traumazentrum Wien“ soll demnach am LBK der Schwerpunkt rekonstruktive Chirurgie forciert werden, wohingegen der Standort Meidling schon länger ein spezielles Schockraumkonzept verfolge. Dafür sei in den letzten Jahren der Mitarbeiterstab in Meidling auch aufgestockt worden – konkret um 29 zusätzliche Mitarbeiter, so Brenner.

Um welche Patientenzahlen geht es?

In den beiden Häusern (Meidling führt etwa 25 Betten mehr als das LBK) werden annähernd gleich viele Patienten behandelt. Mag. Sonja Rosenberger von der Pressestelle der AUVA kann dazu exakte Zahlen zur Verfügung stellen (siehe Tabelle). Grob zusammengefasst waren es also 74.000 am UKH Meidling und 72.000 am Lorenz-Böhler, die im Jahr 2016 ambulant plus stationär behandelt wurden. In Summe ist das knapp mehr als die Hälfte aller unfallchirurgischen Fälle Wiens.
Schwieriger gestaltet sich die Frage nach der Zahl der schockraumpflichtigen Fälle pro Jahr. Laut Brenner waren es im LBK im Jahr 2016 etwa 180 Fälle, in etwa entspreche das auch den Zahlen, die pro Haus vom deutschen Traumaregister erfasst sind.
Anders lautet jedoch die offizielle Antwort der AUVA: „2015 waren am Standort Meidling 158 PatientInnen zwischen Samstag- und Dienstagfrüh im Schockraum; am Standort Lorenz-Böhler im selben Zeitraum 26.“ Warum auf einmal 2015 und nicht 2016 wie bei allen anderen Zahlen? Und warum nur eine Auswertung für einzelne Tage? Zahlen des ganzen Jahres (und nicht nur einzelner Wochentage) sowie der besseren Vergleichbarkeit halber auch von 2016 waren bis zum Druck dieses Heftes nicht erhältlich … Warum hier also nur mit Teilstatistiken gearbeitet wird, lässt sich nicht eruieren, nur mutmaßen.

 

 

Warnung vor Downgrading

Brenner warnt vor einem schrittweisen Herunterfahren und fordert daher auch das Aufrechterhalten einer Intensivstation auf Level II (nur diese garantiere eine 24-Stunde-Präsenz von Anästhesisten – eine Voraussetzung zur Betreuung Beatmungspflichtiger).
Die Belegschaft des LBK hat vor Kurzem in einer Betriebsversammlung, an der alle Berufsgruppen teilnahmen, eine einstimmige Resolution verabschiedet, in der sie fordern, „auch künftig eine uneingeschränkte Versorgung auf höchstem Niveau durchführen zu dürfen“. Neben der Garantie für eine ICU auf Level II und der Rücknahme des Behandlungsverbots Schwerverletzter im Schockraum werden auch die erforderliche Instandhaltung (!) des Hubschrauberlandeplatzes und eine Definitivstellung des immer noch interimistisch bestellten Ärztlichen Leiters gefordert. Dieser wird zwar als glühender „Lorenz-Böhlerianer“ beschrieben, wollte aber dennoch keinerlei Fragen beantworten.

Zukunft des Lorenz-Böhler?

Kein definitiv gestellter Leiter mehr, keine Renovierung des Hubschrauberlandeplatzes – was immer das bedeutet … Welche Pläne gibt es nun konkret für das Lorenz-Böhler? Hier wird ja manches kolportiert, viele Vermutungen stehen im Raum, so etwa die Fusionierung der beiden Häuser. Auf Nachfrage erläutert Generaldirektor Dr. Köberl, dass Meidling und Lorenz-Böhler ab 1. 1. 2018 unter einem Dach als „Traumazentrum Wien“ geführt werden sollen (der Fokus im LBK soll auf der rekonstruktiven Chirurgie liegen). „Eine Zusammenführung an einem Standort ist derzeit nicht geplant“.
Gerüchten zufolge könnte auch ein Spital an einem gänzlich neuen Standort in einem Kofinanzierungsprojekt mit der Gemeinde Wien/KAV errichtet werden. Köberl bestätigt grundsätzliche Gespräche mit dem KAV. „Welche Projekte daraus entstehen könnten, kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantwortet werden.“ Ähnlich antwortet auch der KAV. Gespräche mit der AUVA, wie künftig besser synergistisch kooperiert werden könnte, würden geführt.

 

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AutorIn: Susanne Hinger

Klinik 03|2017

Herausgeber: MedMedia Verlag und Mediaservice GmbH
Publikationsdatum: 2017-07-03