Ärzte Krone 13/10
Focus HIV: Aids in Österreich 2010
Die im Vergleich zu Pandemieländern zwar geringe, aber stete Ausbreitung der HIV-Infektion konnte in Österreich noch nicht signifikant reduziert werden. Dafür funktioniert die Zusammenarbeit zwischen HIV-Behandlungszentren und niedergelassenen ÄrztInnen immer besser.
Die HIV-Epidemie hat im Jahr 2009 weltweit wieder zu über 3 Millionen Neuinfektionen geführt, davon rund 500.000 Kinder unter 15 Jahren. Besonders alarmierende Zahlen werden nach wie vor aus dem südlichen Afrika gemeldet, aber auch in Asien ist die Zahl der HIV-Infizierten auf weit über 5 Millionen gestiegen (Länderstatistik: www.unaids.org ). Nach Angaben von UNAIDS leben nun rund 33 Millionen mit HI-Viren infizierte Menschen.
Wandel der HIV-Infektion
Das Bild der HIV-Erkrankung hat sich von einer potenziell tödlichen zu einer behandelbaren, chronischen Erkrankung gewandelt. Die antiretrovirale Therapie konnte in den letzten Jahren aufgrund der Entwicklung neuer Substanzen vereinfacht werden. Eine Reduktion der Einnahmefrequenz und der Pillenanzahl ermöglichen eine bessere Integration der antiretroviralen Kombinationstherapie (ART) in den Alltag der Patienten. Aus der effizienten Suppression der Virusvermehrung resultiert eine protektive Wirkung auf das Immunsystem - AIDS kann verhindert werden. AIDS hat seinen vordergründigen Schrecken verloren, zugleich ist eine Verharmlosung des Problems festzustellen. Der bis jetzt erreichte Erfolg kann nur durch vermehrte Anstrengungen aller in Prävention, Behandlung und Forschung beteiligten Institutionen aufrechterhalten werden.
Bei keiner vergleichbaren Erkrankung wurden in den letzten Jahren so große, auch für den Patienten direkt spürbare therapeutische Fortschritte erzielt wie bei HIV/Aids. Der Grund hierfür ist ein besseres Verständnis der Virusreplikation, die Möglichkeit, virologische und immunologische Parameter sowie Wirkstoffspiegel zu bestimmen, und die in den letzten Jahren immer effektiver gewordene antiretrovirale Kombinationstherapie.
Die medizinischen Herausforderungen von heute sind Resistenzentwicklungen, metabolische Komplikationen und Ko-Infektionen wie Hepatitis oder Tuberkulose. Die soziale und medizinische Problematik erschwert das Leben mit der HIV-Erkrankung und beeinträchtigt die Lebensqualität. Die Stigmatisierung führt zu einer konstanten psychischen Stresssituation, oft auch zu einer wirtschaftlichen Benachteiligung der Betroffenen.
HIV/AIDS wird in absehbarer Zeit nicht geheilt werden können. Ein Hauptproblem ist, dass HI-Viren ihr Erbmaterial nicht nur in aktive, sondern auch in ruhende Körperzellen einschleusen. Aus diesen latent infizierten Zellen kann das Virus offenbar auch nach langfristiger Suppression reaktiviert werden. Die Elimination von HIV aus latenten Reservoiren gilt als äußerst schwierig, auch wenn in Studien erste Teilerfolge berichtet wurden.
HIV-Management in Österreich
Österreich besitzt in fünf HIV-Zentren (Wien [2], Linz, Graz, Innsbruck) eine privat organisierte HIV-Datenbank für die Unterstützung des klinischen Managements von HIV-positiven Patienten. Wie Prof. Dr. Robert Zangerle, Medizinische Universitätsklinik Innsbruck, berichtete, gibt es in Österreich etwa 9.000 HIV-infizierte Menschen. Täglich infizieren sich in Österreich 1 bis 2 Menschen neu mit HIV.
Bei etwa der Hälfte der Patienten wird die Erstdiagnose der HIV-Infektion in einem frühen Erkrankungsstadium gestellt, bei einem Drittel jedoch erst sehr spät. Rund 10% der Neudiagnosen betreffen resistente HI-Viren. In den frühen 90er Jahren betrug die Todesrate pro 100 Patientenjahre noch 40 bis 50%. Die Einführung der antiretroviralen Kombinationstherapie, verschiedener Prophylaxen und einer optimierten Betreuung senkte diese Todesrate auf 4%.
Wenn man das Mortalitätsrisiko für mehr als einen Arzt pro 200 Patienten in einer HIV-Ambulanz gleich 1,0 setzt, dann steigt das relative Risiko bei geringerer Facharztdichte auf 1,4. Das Fehlen eines speziellen Compliance-Programmes erhöht das relative Mortalitätsrisiko von 1,0 auf 4,26, eine kumulative Resistenz gegen nukleosidale Reverse-Transkriptase-Inhibitoren auf 2,61, ein Lebensalter unter 42 Jahren auf 1,8. Bei Patienten mit Multidrug-Resistenz erhöht sich das relative Mortalitätsrisiko auf 3,37, wenn kein spezielles Compliance-Programm angeboten wird.
OÄ Dr. Brigitte Schmied, Präsidentin der Österreichischen Aidsgesellschaft, 2. Interne Lungenabteilung, Otto-Wagner-Spital Wien: „Wichtige Voraussetzungen für einen Behandlungserfolg mit einer antiretroviralen Kombinationstherapie sind Adherence, Wirksamkeit, Verträglichkeit und Vereinfachung des Regimes. Aus den derzeit zur Verfügung stehenden Wirkstoffen können zwar theoretisch mehr als 600 Kombinationen gebildet werden, für den individuellen Patienten stehen vor allem aufgrund von Toxizität und Kreuzresistenz nur zwei bis vier optimale Kombinationen zur Verfügung. Die Motivierung zur Einhaltung einer hohen Therapietreue ist eine ständige Herausforderung, denn eine optimale Unterdrückung der Virusvermehrung kann nur mit einer Adherence von 90 bis 95% erzielt werden."
Aus österreichischer Sicht bestätigte Prim. Dr. Norbert Vetter, 2. Interne Lungenabteilung, Otto-Wagner-Spital, Wien: „Die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse und praxisrelevanten Empfehlungen, wie sie auch auf XVIII Internationalen AIDSKonferenz im Juli 2010 in Wien vorgestellt werden, zeigen, dass das HIV-Management in Österreich auf höchstem internationalem Niveau erfolgt. Dafür sind uns auch unsere Patienten, von denen viele die internationalen Fortschritte im HIV-Management genau verfolgen, sehr dankbar. Große Herausforderungen sind neben Präventionsstrategien und der Früherkennung der HIV-Infektion sowie der Optimierung der antiretroviralen Therapie das Management von Begleitkomplikationen, wie HIV-assoziierte neurokognitive Defizite. Besonderer Dank gilt dem Aids-LifeTeam für seine langjährige großzügige finanzielle Unterstützung im Bereich HIV/AIDS, wie zum Beispiel von HIVmobil, dem Verein für medizinische Hauskrankenpflege für HIV-positive Menschen in Wien."
Betreuungsnetzwerk aus HIV-Spezialisten, Allgemeinmedizinern und Fachärzten
Von besonderer Bedeutung für die hohe Qualität im HIV-Management in Österreich ist auch die Zusammenarbeit von HIV-Schwerpunktzentren und niedergelassenen HIV-Spezialisten mit Allgemeinmedizinern und Fachärzten im niedergelassenen Bereich. Erleichtert wird die Betreuung außerdem durch einen einfachen Zugang für HlV-Infizierte zu Gesundheitseinrichtungen und Beratungsstellen. Einer Ausgrenzung und Diskriminierung von Menschen mit HIV/AIDS wird vielerorts erfolgreich entgegengewirkt.
Die Komplexität des Krankheitsbildes und das schnell wachsende Wissen über das antiretrovirale Management, Intoxikationen, Interaktionen und Komorbiditäten erfordert in regelmäßigen Abständen eine Beratung, Spezialdiagnostik und Therapieüberprüfung in einem HIV-Schwerpunktzentrum oder bei einem HIV-Spezialisten. Diese Kontrollen finden in der Regel je nach Gesundheitszustand und Immunlage der Patienten im Abstand von ein bis sechs Monaten statt.
Für die medizinische Betreuung zwischen diesen Kontrollen ist die Zusammenarbeit mit niedergelassenen Allgemeinmedizinern und Fachärzten von großer Bedeutung. Hauptaugenmerk gilt dabei der Früherkennung von Komplikationen, der Behandlung von nicht-HIV-assoziierten Erkrankungen sowie der Unterstützung beim Management von neurologischen, gynäkologischen, kardialen und vielen anderen Krankheitsbildern. Ein solches Netzwerk aus HIV-Spezialisten, Allgemeinmedizinern und Fachärzten funktioniert vielerorts durch persönliches Engagement aller Beteiligten und regen Informationsaustausch immer besser.
AIDS-Erkrankungen in Österreichvon 1983 bis 1. April 2010: 2.782, davon 1.516 verstorben derzeit 1.266 AIDS-PatientInnen Übertragungswege: 21,1% Frauen (34,8% Drogen, 47,4% heterosexuell)
HIV-Infektionen Medizinisch betreute HIV-Infizierte 2009 AKH Wien: 961 (betreute Pat.) / 799 (behandelte Pat.) (ÖGNÄ-HIV = niedergelassene HIV-erfahrene ÄrztInnen) Behandlungszentren in Österreich WIEN SMZ Baumgartner Höhe, Otto-Wagner-Spital OBERÖSTERREICH AKH Linz SALZBURG Landeskrankenanstalten Salzburg STEIERMARK LKH Graz-West KÄRNTEN LKH Klagenfurt TIROL Univ.-Klinik Innsbruck Niedergelassene HIV-Ärzte in Österreich (ÖGNÄ-HIV): Dr. Bernd Gmeinhart Dr. Judith Hutterer Dr. Horst Schalk Quelle: Österreichische AIDS-Gesellschaft, www.aidsgesellschaft.at |
10-Jahres-Jubiläum von HIVMobil
Der Verein für HIV-spezifische medizinische Hauskrankenpflege und Langzeitpflege sowie Sozialbegleitung für Menschen mit HIVAIDS (HIVmobil) in Wien betreut und begleitet HIV-positive Menschen unabhängig von Alter, Religion, Herkunft, sozialer Stellung und sexueller Orientierung ohne moralische Bewertung seit einem Jahrzehnt.
Das Betreuungsangebot von HIVmobil umfasst unter anderem Körperpflege mit vorbeugenden Maßnahmen bei geschwächtem Immunsystem, Wundmanagement, Infusions- und Injektionstherapien, Medikamenten-Management, Ernährungs- und Schmerztherapie, Palliative Care, Unterstützung von Angehörigen und Freundeskreis, Koordination mit anderen Diensten und Information über begleitende Möglichkeiten, zum Beispiel psychologische Beratung, Yoga, Meditation, Akupunktur und Aromatherapie.
Seit Dezember 2007 besitzt HIVmobil als anerkannte Einrichtung der Gemeinde Wien nach umfassender Prüfung einen Leistungsvertrag mit dem Fonds Soziales Wien für medizinische Hauskrankenpflege und Langzeitpflege. Über all die Jahre erfolgte die größte emotionale und finanzielle Unterstützung durch AIDS LIFE.
Dr. Wolfgang Steflitsch
Ärztlicher Leiter HIVmobil HIV-Experte & Lungenfacharzt; 2. Interne Lungenabteilung, Otto-Wagner-Spital, Wien
Website:
www.hivmobil.org
www.oegwa.at
www.aroma-med.at
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HIVmobil-Büro: c/o Aids Hilfe Wien |
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