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Ärzte Krone 15 und 16/10

Burn-out: Die neue Epidemie?

Psychische Erkrankungen: Beruflicher Stress und Belastungen gelten als Ursache für deren rasche Zunahme. Auch Ärzte selbst sind schwer betroffen. Therapeutische und volkswirtschaftliche Konsequenzen wurden in Alpbach diskutiert.

500.000 Menschen sind in Österreich von Burn-out betroffen, bis zu einer Million sind gefährdet. Diese Zahlen, veröffentlicht von der Ärztekammer Wien, prägten einen der Schwerpunkte der diesjährigen Gesundheitsgespräche in Alpbach. Ärztekammerpräsident Dr. Walter Dorner warnte im Anschluss dann auch, dass die Ärzte selbst zu den schwer gefährdeten Gruppen zählen, ein Burn-out zu erleiden. 50% gelten als Burn-out-gefährdet, bis zu ein Fünftel zeige bereits Symptome von Burn-out. In kürzlich erfolgten Umfragen, so berichtete Dorner, meinte bis zu ein Drittel der Befragten, den Arztberuf rückblickend nicht mehr ergreifen zu wollen. Und mehr als die Hälfte gab an, am Ende des Tages „völlig erledigt“ zu sein.
Psychische Erkrankungen, das Aufspüren ihrer Ursachen, und Wege, wie die Gesundheitssysteme diese Welle an neuen Erkrankungen bewältigen können, standen im Mittelpunkt der Gesundheitsveranstaltung im Tiroler Bergdorf. „Das ist ein Krankheitsbild, das behandelt gehört, im Sinne der Patienten und nicht zuletzt im Sinne der Volkswirtschaft“, versuchte Pharmig-Präsident Dr. Robin Rumler aufzurütteln. Denn psychische Erkrankungen, so sagte Rumler voraus, würden für unsere Gesellschaft in den nächsten Jahren zusammen mit Alzheimer, Diabetes und onkologischen Erkrankungen aus therapeutischer und volkswirtschaftlicher Sicht zu den größten Herausforderungen gehören. „Ist Burn-out eine Epidemie?“ fragte denn auch die in Alpbach anwesende Expertin Dr. Beate Schulz von der Universität Zürich. Noch ist Burn-out nicht als eigenes Krankheitsbild anerkannt. Das Phänomen ist aber, da waren sich die anwesenden Wissenschafter einig, eine gefährliche Vorstufe zur Depression, die wiederum im schlimmsten Fall mit Suizid enden kann.
Univ.-Prof. Dr. Gabriele Fischer von der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Medizinischen Universität Wien, schloss sich diesen Warnungen voll an. Zwischen 1997 und 2004 seien z.B. unter Angestellten in Deutschland die Krankenstandstage aufgrund psychischer Erkrankungen um 70% gestiegen, führte sie aus. Hauptsächlich ist davon die Gruppe der 15- bis 34-Jährigen betroffen! Die Krankenstandstage durch Depression hätten um 42% zugenommen, die durch Angststörungen um 27%. Verstärkend kommt hinzu, dass Menschen, die ohnehin schon an einer chronischen Krankheit leiden, ein signifikant höheres Risiko haben, zusätzlich an einer Depression zu erkranken. Adipositas führe bei 48% der Patienten zu Depression, in gar 56% zu Angststörungen, zu 12% zu Bulimie und bei 22% zu anderen Suchterkrankungen1 – woraus abzuleiten ist, dass die Phänomene gleichzeitig auftreten können. Die Prävalenz von Adipositas unter den 11–15-Jährigen, so führte Fischer aus, liege in Österreich bei 15%.
Wir liegen damit im europäischen Mittel. Man stelle sich vor, was für eine Lawine an psychosozialen Problemen allein daraus in den nächsten Jahren losgetreten wird! Bei Asthma, Arthritis oder Diabetes sind die Zusammenhänge zwischen chronischer Erkrankung und Depression ähnlich. Depression führt noch dazu häufig zu Compliancedefiziten, berichtete sie: So nehmen etwa Patienten mit KHK und Depression ihre Medikation mehr als doppelt so oft nicht oder nicht korrekt ein wie Patienten mit „nur“ KHK2.

Warnung vor zu häufigem Tranquilizer-Einsatz

Psychische Erkrankungen, so kritisierte Gabriele Fischer, würden viel zu häufig und ungeprüft mit Hypnotika resp. Sedativa und Tranquilizern therapiert. Die Verordnungen dieser beiden Gruppen hätten zwischen 1999 und 2007 stark zugenommen. Die Verschreibungen von Antidepressiva sind dagegen im selben Zeitrum sogar leicht zurückgegangen. Eine Folge des Sparkurses der Kassen? Tranquilizer sind generisch verfügbar und daher billig, neue Antidepressiva oft teuer. Auffallend ist zudem, dass die Antidepressivaverordnungen nicht einmal zur Hälfte an Frauen gehen. Männer werden eindeutig bevorzugt. Besonders ältere Frauen liefen Gefahr, mit Tranquilizern therapiert und deren Langzeitfolgen ausgesetzt zu werden. Da die meisten depressiven Patienten durch Allgemeinmediziner behandelt würden, appelliert sie an diese Ärzte, sich verstärkt der Fortbildung in diesem Bereich zu widmen. Nur wenige Patienten – auch das war Thema in Alpbach – finden nämlich den Weg zu einem Facharzt für Psychiatrie oder kommen in den Genuss einer Psychotherapie. Die Kassen haben wenig Interesse, diese Angebote auszuweiten.

„Erschöpfung – Distanzierung und Zynismus – Berufliche Ineffektivität“

Burn-out sei Vorbote massiver psychischer Probleme stellte schließlich Beate Schulze in ihrem Vortrag „Burn-out-Epidemie oder gesundes Engagement?“ klar. Schulze studierte Soziologie, Psychologie und Volkswirtschaft und ist jetzt Leiterin des Zürcher Empowerment Programms an der Universität Zürich. Exzessives Arbeiten, Dauerstress und dazu vielleicht noch private Belastungen führten viele Menschen immer häufiger zum Zustand des Ausgebrannt-Seins. Gleichzeitig halten aber viele der Betroffenen einen solchen ständigen und totalen Einsatz für attraktiv. Als die 3 Kernsymptome von Burn-out bezeichnete Schulze Erschöpfung („Ich kann nicht mehr!“), Distanzierung und Zynismus („Was soll das alles?“) und schließlich berufliche Ineffektivität („Bring ich’s noch?“) – dann auch schon mit der Sorge um den Verlust des Arbeitsplatzes verbunden. Der Prozess verlaufe stufenweise von Stress über Burn-out zu einer depressiven Symptomatik und schließlich zur klinischen Depression bis hin zu Suizidgedanken. Da Burn-out keine offizielle Diagnose sei, müssten die Ärzte andere Diagnosen verwenden, um ihren Patienten auf Kassenkosten zu helfen. Patienten und Betriebe, so forderte sie, müssten Wege finden, sich und ihre Mitarbeiter gegen ein Übermaß an Stress und Arbeit zu schützen.
Für die Ärzte selbst forderte Dorner mehr Rücksicht und Anerkennung. Sie arbeiteten ständig in einer Situation, die mit dem englischen Ausdruck „High demand/low influence“, also hohe Anforderungen bei gleichzeitig subjektiv erlebtem geringem Einfluss auf die Bedingungen, zu bezeichnen sind. Auch seien für Ärztinnen und Ärzte die Vorgaben des Systems „oft nicht wirklich nachvollziehbar“. Wichtige gesundheitspolitische Entscheidungen würden oft aus anderen als fachlich-medizinischen Gründen getroffen. Und schließlich stelle sich – entgegen dem Klischee der „reichen Ärzte“ – auch für viele Kolleginnen und Kollegen die Frage, inwieweit Verantwortung und Leistung in einem vertretbaren Verhältnis zur Entlohnung stünden.

Dr. Irmgard Bayer

1 Tuthill A. et al.; International Journal of Medicine - Oxford Journals; 2006
2 Gehi, A., Haas, D.; Pipkin, S. & Whooley M. (2005). Depression and Medication Adherence in Outpatients with coronary heart disease. Arch Inter Med, 165, 2508-2513

Ärzte Krone und Krone Gesund widmen diesem Thema eine große Kampagne „Lichtblick – Stopp Suizid“. Erste Beiträge dazu in dieser Ausgabe. 

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