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Ärzte Krone 14/11

Politik: Arztpraxis am Scheideweg

Immer weniger junge Ärzte wagen den Schritt in die Niederlassung. Mit einer Neupositionierung und Betonung des Haus- bzw. Vertrauensarztes soll den Kollegen eine Niederlassung wieder schmackhaft gemacht werden.

Wird der niedergelassene Bereich nicht ausgebaut und gestärkt, drohen eklatante Versorgungsmängel. In den nächsten zehn Jahren gehen 37% der Allgemeinmediziner und 31% der Fachärzte in Pension. Doch die Nachbesetzung der Ordinationen wird immer schwieriger. Und obwohl die Politik die Verlagerung von medizinischen Leistungen aus den Spitälern in die Ordinationen als wichtiges Ziel erachtet, ist man von einer Lösung des Problems weit entfernt.
Die Gründe für die zögerlichen Niederlassungen sind vielfältig – schlechte Work-Life-Balance, überbordende Administration, überdurchschnittlich viele, nicht honorierte Aufgaben und familienfeindliche Arbeitszeiten sind nur einige von ihnen. Vor allem am Land hat der Beruf des Arztes in den vergangenen Jahren stark an Attraktivität eingebüßt – besonders der des Hausarztes. Nachbarländer wie Deutschland, die bereits unter einem eklatanten Ärztemangel leiden, werben aggressiv um heimische Mediziner – und das mit Erfolg. So arbeiten u.a. bereits über 2.500 österreichische Ärztinnen und Ärzte in Deutschland und über 300 in Schweden. 

Umfrage: Der Haus- bzw. Vertrauensarzt ist von enormer Bedeutung

Gerade mit einer Neupositionierung und Betonung des Haus- bzw. Vertrauensarztes kann eine Niederlassung den Jungmedizinern wieder schmackhaft gemacht werden. Schließlich hat er allen Befragungen zufolge als erster Ansprechpartner einen hohen Stellenwert bei den Patienten. Genau diesem elementaren Bedürfnis kommt das von der Österreichischen Ärztekammer entwickelte Hausarztmodell entgegen. Damit dieses Modell umgesetzt werden kann, bedarf es jedoch einiger Grundvoraussetzungen (s. Kasten).
Es findet sowohl bei der Bevölkerung als auch bei den Medizinern hohen Zuspruch und wird großteils bereits gelebt, zeigt eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Spectra unter der Bevölkerung, Allgemeinmedizinern und Fachärzten. Man ist sich einig, dass die Rolle des Haus- und Vertrauensarztes für ein modernes, patientenorientiertes und ökonomisches Gesundheitssystem, aber auch für den Patienten selbst, von enormer Bedeutung ist. Die Ergebnisse sprechen für sich:

  • 93% der Österreicher haben bereits einen Haus- bzw. Vertrauensarzt, bei den über 50-Jährigen sind es sogar 98%.
  • Zwischen Medizinern und Patienten besteht dabei ein besonderes Vertrauensverhältnis, denn ein Drittel hält ihrem Arzt bereits über 20 Jahre die Treue. Das wurde auch bereits in einer zu Jahresanfang veröffentlichten Gallup-Umfrage bestätigt, der zufolge die Österreicher ihrem Hausarzt am meisten Vertrauen entgegenbringen.
  • 71% der Bevölkerung meinen, dass es Aufgabe der Haus- bzw. Vertrauensärzte sei, die Patienten zu den richtigen Fachärzten zu überweisen und sie über die Befunde zu informieren. Weitere 70% sagen, es gehören auch umfassende Kenntnisse über die Krankengeschichte dazu.
  • Besonders geschätzt werden mit 40% die persönliche Betreuung, Beratung und Information, aber auch, dass sich der Arzt Zeit nimmt. Das ist ein klarer Ruf nach mehr Zuwendungsmedizin.
  • Ein Drittel der Österreicher ist davon überzeugt, dass die Bedeutung der Hausund Vertrauensärzte im heutigen hoch spezialisierten Gesundheitswesen sogar größer geworden ist. Wohnortnahe Versorgung ist gefragt:
  • Für 97% der Befragten ist es sehr wichtig oder wichtig, dass auch in Zukunft eine wohnortnahe Gesundheitsbetreuung durch Haus- und Vertrauensärzte und niedergelassene Ärzte sichergestellt ist bzw. diese gestärkt wird.
  • So würden es auch 64% der Patienten, die einen Haus- bzw. Vertrauensarzt haben, begrüßen, ihre Medikamente gleich in der Praxis erhalten zu können. Mit 72% ist hier der Zuspruch am Land besonders hoch.


Dass Wunsch und Wirklichkeit nicht immer dasselbe sind, haben aber auch die Patienten bemerkt, daher geben 82% der Politik und Regierung einen klaren Auftrag: Die wohnortnahe Gesundheitsbetreuung durch Haus- und Vertrauensärzte und andere niedergelassene Ärzte soll stärker als bisher gefördert werden. Schließlich sind 57% der Bevölkerung der Meinung, dass bezüglich einer wohnortnahen Gesundheitsbetreuung von der Politik mehr versprochen als getan wurde.

Und was wollen die Ärzte?

Der Druck auf niedergelassene Ärzte ist bereits jetzt enorm hoch. Das spiegelt auch die Spectra-Umfrage wider:

  • So meinen 89% der Allgemeinmediziner und 76% der Fachärzte, der Stellenwert des Hausarztes werde zu wenig gewürdigt.
  • Das spiegle sich in mangelnder Wertschätzung und schlechter Honorarstruktur wider. So würde gerade das, was die Patienten am dringendsten wünschen – ausführliche ärztliche Gespräche und Hausbesuche –, zu wenig honoriert.
  • 63% der Ärzte ist es im Sinne ihrer Patienten wichtig, das Dispensierrecht zu erwirken.
  • 60% sagen, dass die geringen Verdienstchancen und das Missverhältnis zwischen Einsatz und Einkommen der Grund für die Schwierigkeiten bei der Kassenstellen-Besetzung am Land seien.
  • 42% machen die verlangte Einsatzbereitschaft rund um die Uhr mitverantwortlich und 39% den hohen Arbeitsaufwand; wobei diese zwei Punkte bei den Allgemeinmedizinern stärker zum Tragen kommen. Sie sehen das Problem vor allem bei der Schließung der Hausapotheken.
  • 54% meinen, um Planstellen wieder attraktiver zu machen, müssten bessere und fairere Verdienstmöglichkeiten geschaffen werden.
  • 32% betonen, dass die Kooperationsmöglichkeiten und Praxisgemeinschaften forciert werden sollten.

Breite Zustimmung gegeben

  • 86% der Allgemeinmediziner und 94% der Fachärzte begrüßen den Hausarzt als Begleiter durch das Gesundheitssystem.
  • 47% der Allgemeinmediziner und 79% der Fachärzte können sich gut vorstellen, dass auch Spezialisten wie Internisten, Kinderärzte oder Gynäkologen eine hausärztliche Funktion übernehmen. Das ist vor allem für chronisch Kranke wichtig.
  • 87% der Ärzte sprechen sich für eine Verbreiterung und Vertiefung der postpromotionellen Ausbildung aus.
  • 83% begrüßen eine fünfjährige praktische Ausbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin mit mindestens einem verpflichtenden Lehrpraxis-Jahr.

Der Verlust von Haus- bzw. Vertrauensärzten wäre verheerend:

  • 90% vermuten, dass dadurch das Gesundheitssystem verteuert werden würde.
  • Die Kostensteigerungen seien durch vermehrte Besuche der teuren Spitäler und/oder Fachärzte erklärbar. 

Grundvoraussetzungen für Umsetzung des Hausarztmodells  

  • Eine fundierte Aus- und Weiterbildung für Haus- bzw. Vertrauensärzte durch Einführung einer fünfjährigen Ausbildung zum (Fach-)Arzt für Allgemeinmedizin inklusive einem Lehrpraxis-Jahr.
  • Eine adäquate und langfristige Lehrpraxisfinanzierung.
  • Die Registrierung des Haus- bzw. Vertrauensarztes auf der e-Card.
  • Eine verpflichtende Befundübermittlung an den Haus- bzw. Vertrauensarzt.
  • Ein Anreizsystem, das die Patienten motiviert, zuerst ihren Vertrauensarzt aufzusuchen (z.B. durch Reduktion der Krankenkassen-Beiträge, der Rezept- oder e-Card-Gebühren).
  • Unterstützung und Ausbau von leistungsfähigen Zusammenarbeitsformen im ambulanten Bereich wie Gruppenpraxen, Ärzte-GmbHs und Ärzte-Netzwerke.
  • Die rechtliche Absicherung der Funktion des Hausarztes durch eine Vertragspartnerregelung.
  • Die Einführung einer österreichweit für alle Kassen gültigen Verrechnungsposition.
  • Die Einhaltung strenger Datenschutzrichtlinien (Stichwort Vorratsdatenspeicherung).
  • Eine Qualitätssicherung im Rahmen der ÖQMed.

Redaktion: Dr. Hannelore Nöbauer

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