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Ärzte Krone 19/11

Politik: Unsere Ärzte im Ausland

Wertvolle Erfahrung oder riskantes Abenteuer? Was österreichische Mediziner bei Einsätzen in fremden Kulturen erwartet: Absicherung und Bezahlung sind oft ausgezeichnet, ein Restrisiko bleibt aber immer.

Der Fall des österreichischen Arztes Dr. Eugen Adelsmayr hat mit einem Schlag gezeigt, dass ärztliche Einsätze im Ausland nicht nur – je nach Erwartungslage – mit Befriedigung, fachlicher Anerkennung und/oder gutem Einkommen verbunden sind. In Ländern mit fremden Kulturen können Ärzte aus dem westlichen Ausland mit überraschenden und unangenehmen Situationen konfrontiert sein. Die Ärzte Krone ging der Frage nach, mit welchen Risken ein solcher Einsatz verbunden ist und welche Absicherung es dafür gibt. Adelsmayr, 2006 bis 2009 Leiter einer chirurgischen Intensivabteilung im Rashid-Hospital in Dubai, wird vorgeworfen, als Arzt den Tod eines schwer verletzten Patienten verursacht zu haben. Der Strafrahmen dafür reicht in Dubai bis zur Todesstrafe. Der Arzt konnte vor Kurzem nach Österreich zurückkehren. Es heißt, dass der Arzt aber für seinen Prozess nach Dubai zurückkehren will.

„Eines ist klar, ins Ausland geht man auf eigenes Risiko“, stellt Mag. Martin Stickler, Leiter der Pressestelle der Österreichischen Ärztekammer dazu fest. Stickler hatte in den vergangenen Wochen im Auftrag von ÖÄK-Präsident MR Dr. Walter Dorner alles Erdenkliche in Bewegung gesetzt, um den österreichischen Arzt aus Dubai freizubekommen. Die Bemühungen liefen auf diplomatischer Ebene ebenso wie auf fachlicher Ebene. Ein von der Ärztekammer organisiertes Gutachten von Univ.- Prof. Dr. Walter Hasibeder, Primarius für Anästhesie und Intensivmedizin bei den Barmherzigen Schwestern in Ried, hat, so Stickler, aus medizinischer Sicht die Vorwürfe gegen Adelsmayr „als absurd“ ausgewiesen. Die Ärztekammer kann zwar im Krisenfall nach Kräften zu intervenieren versuchen, einen absoluten Schutz für die Kollegen im Ausland gibt es aber nicht. „Wer im Rahmen einer international tätigen Organisation tätig ist, steht im Schutz dieser Organisation.“ Gut möglich, dass heimische Ärzte Einzelengagements, wie sie in Ärztezeitungen immer wieder zu lukrativen Bedingungen abgeboten werden, künftig kritischer sehen.

Allgemeinmediziner als Ärzte ohne Grenzen

Allgemeinmedizinern stehen Spitzenjobs an Kliniken im Nahen Osten oder in Asien samt verbundenen allfälligen Gefahren gar nicht erst offen. Sie zieht es meist mit „Ärzte ohne Grenzen“ auf Auslandseinsatz. Präsident der „Ärzte ohne Grenzen“ in Österreich Dr. Reinhard Dörflinger ist selbst Allgemeinmediziner in Wien und war bereits mehrmals auf solchen Einsätzen, jeweils für einige Monate. Etwa 110 Leute pro Jahr, berichtet er, werden gegenwärtig von Österreich entsandt. Rund ein Drittel davon sind Ärzte. Auch Fachärzte wie Chirurgen, Anästhesisten, Gynäkologen und immer mehr Psychiater und Psychotherapeuten werden gefragt. „Man schaut zunehmend genauer hin“, kommentiert Dörflinger die Entwicklung. Opfer von Flucht und Gewalt wie etwa in der Sahelzone, sollen umfassend betreut werden können. „Ärzte ohne Grenzen“ sichert die eigenen Mitarbeiter bestmöglich ab. Alle Personen auf Einsatz sind bei ihrer heimischen Organisation angestellt und sozialversichert. Im Konfliktfall ist das der erste mögliche Schutz. Darüber hinaus wird für die entsandten Mitarbeiter eine allgemeine Haftpflichtversicherung abgeschlossen. Zusätzlich gibt es seit 2009 eine Versicherung gegen „malpractice“, die die Organisation für Hebammen, Krankenschwestern und Ärzte abschließt. Dörflinger persönlich sind nur drei Fälle bekannt, wo mögliche „malpractice“ überhaupt ein Thema wurde. Aber auch bei einem Einsatz der „Ärzte ohne Grenzen“ gilt „das Recht des jeweiligen Landes“, räumt Dörflinger ein.

Das kann zwischen Ländern wie Simbabwe und Indien beispielsweise große Unterschiede aufweisen. In einigen Einsatzländern ist die Verwaltungssituation katastrophal, siehe etwa Somalia. Formelle Gerichtsverfahren finden dort kaum statt. Mitarbeiter von „Ärzte ohne Grenzen“ können aber die Sicherheit haben, so Dörflinger, dass eventuelle Ansprüche immer an die Organisation und nicht an den Einzelnen gerichtet werden. Mit jedem Staat, wo ein Einsatz stattfinden soll, wird ein entsprechendes Memorandum abgeschlossen.
Bei Konflikten ist es Aufgabe des Einsatzleiters vor Ort, zu vermitteln. Geht das Interesse unserer Ärzte durch den Fall Adelsmayr zurück, sich an einem Auslandseinsatz zu beteiligen? „Nein“ ist seine Antwort darauf. Die Motive der interessierten Ärzte reichen von Helfen-Wollen bis zum Erleben einer spannenden Situation in einem Team im Ausland. Finanzielle Ziele können es kaum sein. Die Entlohnung für einen Arzt beträgt durchschnittlich 900 Euro im Monat. Zuzüglich werden alle nötigen Versicherungen bezahlt.

Spitzenpositionen an Kliniken

Engagements, die über die Medical University of Vienna International GmbH (MUVI), den Auslandsarm der Medizinischen Universität Wien, oder über den Spitalserrichter und -betreiber VAMED laufen, bewegen sich in anderen Dimensionen.
Es handelt sich fast ausschließlich um medizinisches Führungspersonal, das auf diesem Weg zum Einsatz kommt. Mag. Elisabeth Chalupa-Gartner ist kaufmännische Geschäftsführerin der MUVI, einer 100%igen Tochter der Medizinischen Universität Wien. Ca. zwölf Ärzte hat die MUVI zurzeit „draußen“, berichtet sie. Sie werden von der MUVI unter klar definierten Rahmenbedingungen entsandt. Andere Ärzte verhandeln ihre Anstellung und ihre Bedingungen selbst. Das wird von der MUVI in Einzelfällen auch ermutigt und unterstützt. „Wir sind keine Vermittler, wir sind Manager und Operator“, grenzt sie eigene Aktivitäten davon aber ab. Wer von der MUVI entsandt wird, ist auch bei ihr angestellt.
Die MUVI-„Packages“ umfassen Gehalt und „Allowances“ für Wohnung, Auto und Reisen samt aller nötigen Versicherungen. Darüber hinaus sind die Ärzte sowohl über MUVI als auch die lokalen Spitäler im Sinne einer umfangreichen Medical Malpractice versichert. Ein „Rundum-Service-Paket“ nennt Chalupa-Gartner diese Bedingungen. Diese „sehr interessanten Packages“ sollen Incentive für einen kürzeren oder längeren Auslandsaufenthalt sein. Die Universität ist bei den nötigen Karenzierungen großzügig, weil sie selbst Interesse daran hat, dass ihre Mitglieder Erfahrungen und Renommee im Ausland sammeln. Oft ist ein solcher Aufenthalt nach der Rückkehr Sprungbrett für eine Bewerbung für ein Primariat.
Organisatorischer Partner der MUVI für Spitäler im Ausland war von Anfang an die VAMED, die medizinische Verantwortung liegt bei gemeinsamen Projekten bei der MUVI bzw. bei den von ihr entsandten Experten. So ist man gegenwärtig gemeinsam für das Al Ain Hospital in Abu Dhabi tätig, in einem Spital in Malaysia, in Kasachstan und – theoretisch – auch in Libyen. Aufgrund der Situation dort ist der Vertrag aber derzeit „inaktiv“. Al Ain ist ein Beispiel dafür, wo die Medizinische Universität Eigenengagements von Ärzten ermutigt und unterstützt hat. Der Markt in den Emiraten erscheint verheißend: „Es gibt dort einige hundert Kliniken, die versuchen, in der ganzen Welt Ärzte zu gewinnen.“ Das Gehaltsniveau in Dubai schildert Chalupa-Gartner als „extrem hoch“, der Steuersatz beträgt 0%. Bei einer Direktanstellung könnte man im Krisenfall allerdings auf sich allein gestellt sein.
Auf kulturelle Unterschiede und verbundene Gefahren, so Chalupa-Gartner, werden die MUVI-Experten explizit hingewiesen. Absolutes Alkoholverbot beim Fahren in den Emiraten etwa, die unterschiedliche Stellung von Frauen in islamischen Ländern. „Männliche Gynäkologen würden wir für klinische Tätigkeiten nicht entsenden, da haben wir nur Frauen“, trägt man dem Rechnung. Gefahren aber, weist sie darauf hin, gibt es für Ärzte überall: „ Man hat jeden Tag mit Leben und Tod zu tun.“

Dr. Irmgard Bayer
i.bayer(at)medmedia.at

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