Ärzte Krone 23/11
Altersepilepsie: diagnostische und therapeutische Herausforderung
Stürze, Anfälle mit Bewusstlosigkeit und anfallsartig auftretende neurologische Symptome sind ein häufiges medizinisches Problem bei älteren Patienten. Epileptische Anfälle stellen eine der möglichen Ursachen hierfür dar, wobei die Häufigkeit von epileptischen Anfällen und Epilepsien mit zunehmendem Lebensalter steil ansteigt.
Epidemiologie,
Ursachen, klinische Symptomatik und Differenzialdiagnose: Die Epilepsie ist mit einer Prävalenz von 7 bis 8/1.000 eine
der häufigsten neurologischen Erkrankungen. Die altersabhängige Inzidenz (Neuerkrankungsrate)
zeigt einen 2-gipfeligen Verlauf mit einem ersten Maximum in der Kindheit (ein
Drittel der Epilepsien beginnt in der Kindheit) und einem zweiten Maximum im
höheren Lebensalter (ein Drittel der Epilepsien beginnt nach dem 60.
Lebensjahr!). Die Inzidenz steigt mit zunehmendem Lebensalter deutlich an: So
beträgt die jährliche Inzidenz über alle Altersgruppen 80,8/100.000, im Alter zwischen
65 und 69 Jahren 85,9/100.000, im Alter von über 80 Jahren hingegen schon mehr als
135/100.000.
Grundsätzlich können somit gealterte Epilepsiepatienten (mit einem
Erkrankungsbeginn in der Kindheit oder im frühen Erwachsenenalter) von
Patienten mit neu auftretenden Epilepsien im höheren Lebensalter unterschieden
werden. Epilepsien im höheren Lebensalter stellen ein ernst zu nehmendes
medizinisches Problem dar. So haben ältere Patienten mit Epilepsie eine 2–3- mal
höhere Mortalität als die Allgemeinbevölkerung. 30% der akut symptomatischen
Anfälle bei älteren Patienten präsentieren sich als Status epilepticus mit
einer Mortalität von 40%. Erstmals im höheren Lebensalter auftretende Anfälle
bedeuten ein 3-fach erhöhtes Schlaganfallrisiko.
Die wichtigsten Ursachen von neu auftretenden Epilepsien beim älteren Menschen
sind zerebrovaskuläre Erkrankungen (30–40%), Demenzen (10–20%),
Schädel-Hirn-Traumen (20%) und Hirntumoren (10–30%). Bei 25–50% der Patienten
bleibt die Ursache unklar.
Die klinische Anfallssymptomatologie unterscheidet sich oft von der bei
jüngeren Patienten, die vorherrschenden Beschwerden bestehen oft in unklaren
Bewusstseinsstörungen, Verwirrtheitszuständen und Gedächtnisstörungen. Dies
führt häufig zu differenzialdiagnostischen Schwierigkeiten, sodass bei nahezu
der Hälfte der Patienten zunächst eine andere Diagnose (Verwirrtheitszustand, Synkope,
zerebrovaskuläre Störung, Schwindel, Gedächtnisstörung, Demenz etc.) vermutet
wird. Zusatzuntersuchungen: Die beiden entscheidenden apparativen Zusatzuntersuchungen sind
– wie bei jeder Epilepsie – die Elektroenzephalographie (EEG) und die
Magnetresonanztomographie (MRT). Im EEG kann durch die Dokumentation
epilepsietypischer Veränderungen die klinische Diagnose einer Epilepsie
bestätigt werden. Allerdings ist zu beachten, dass das Fehlen von
epilepsietypischen Veränderungen im EEG eine Epilepsie keinesfalls ausschließt.
Zudem finden sich bei älteren Menschen in einem hohen Prozentsatz unspezifische
EEG-Veränderungen, die per se keine erhöhte Assoziation mit Epilepsie haben. Die
MRT ist die Bildgebung der Wahl und in ihrer Sensitivität der kranialen
Computertomographie (CCT) klar überlegen. Allerdings ist zu bedenken, dass sich
im höheren Lebensalter sehr häufig vaskuläre Läsionen in der MRT nachweisen
lassen, ohne dass ein ursächlicher Bezug zu den Anfällen bestehen muss.
Behandlungsrichtlinien: Die Aufklärung des Patienten und seiner Angehörigen ist beim
älteren Epilepsiepatienten von ganz entscheidender Bedeutung, da die Erkrankung
insbesondere in dieser Altersgruppe zu einer massiven Einschränkung der
Lebensqualität, Verlust der Selbstständigkeit und Mobilität sowie zu einer
Verminderung des Selbstwertgefühls führen kann. Es ist ausdrücklich darauf
hinzuweisen, dass die Epilepsie keine Geisteskrankheit und im Alter zumeist gut
behandelbar ist. Nur so kann ein Verständnis und eine Akzeptanz der Erkrankung
und letztlich eine gute Compliance erreicht werden.
Entsprechend der aktuellen Studienlage sollte bei älteren Epilepsiepatienten bevorzugt
eine Monotherapie mit Gabapentin oder Lamotrigin zur Anwendung kommen. Daneben
wird auch Levetiracetam aus pharmakologischen Überlegungen von Experten empfohlen,
wobei hierfür allerdings keine Studiendaten vorliegen. Bei den meisten
Patienten kann bereits mit einer relativ niedrigen Dosis das Therapieziel –
Anfallsfreiheit ohne Nebenwirkungen – erreicht werden. Grundsätzlich sollte
zunächst eine Zieldosis von 50% der im Erwachsenenalter angegebenen Dosen
angestrebt werden. Generell ist die Altersepilepsie zumeist gut behandelbar.
Spezielle Aspekte der Pharmakotherapie
Pharmakokinetik: Im Alter kommt es zu einer Änderung mehrerer pharmakokinetischer
Parameter: Durch eine Abnahme der Serumalbuminkonzentration nimmt der freie
(und somit pharmakologisch aktive) Anteil der Antiepileptika zu. Dies muss bei der
Interpretation von Serumspiegeln berücksichtigt werden, bei denen ja die
Gesamtkonzentration des Antiepileptikums, also der freie und der gebundene
Anteil gemeinsam gemessen wird. Es kann somit bei einem „Serumspiegel im
Referenzbereich“ durchaus zu dosisabhängigen Nebenwirkungen kommen. Dieser Effekt
ist insbesondere bei Antiepileptika mit hoher Plasmaproteinbindung, wie
Carbamazepin, Valproinsäure, Phenytoin und Tiagabin, zu beachten. Zu bevorzugen
sind deshalb Antiepileptika mit fehlender Plasmaeiweißbindung, wie Gabapentin,
Levetiracetam und Pregabalin. Das Verteilungsvolumen für fettlösliche Medikamente
nimmt aufgrund einer Abnahme der Muskelmasse und einer relativen Zunahme des
Körperfettanteils zu. Dies kann bei hochgradig fettlöslichen Antiepileptika wie
Phenytoin zu einer Zunahme der Halbwertszeit führen, was bei Therapiebeginn und
Dosisänderungen eine Verlängerung der Zeitspanne bis zum Erreichen des
Steady-State bedeutet.
Im Alter nimmt die hepatale Metabolisierung ab. So nimmt ab dem 40. Lebensjahr
die Funktion des Cytochrom-P450- Enzymkomplexes alle 10 Jahre um 10% ab, d.h.
im Alter von 70 Jahren findet sich eine Funktionseinschränkung von 30%. Es
empfiehlt sich deshalb die Verwendung von Antiepileptika mit geringer oder
fehlender hepataler Metabolisierung (Gabapentin, Levetiracetam und Pregabalin).
Zudem kommt es im Alter zu einer Abnahme der renalen Clearance um 20–40%. Für
renal eliminierte Antiepileptika (Gabapentin, Levetiracetam und Pregabalin)
muss deshalb eine der Kreatininclearance angepasste Dosisreduktion vorgenommen
werden.
Zusammenfassend können diese multiplen Veränderungen der Pharmakokinetik bei
einem individuellen Patienten äußerst komplex und unvorhersehbar sein, weshalb
die Pharmakotherapie langsam in der Aufdosierung, niedrig in der zunächst
angestrebten Zieldosierung, mit einem hohen Augenmerk auf allfällige
Nebenwirkungen und letztlich individualisiert geführt werden muss.
Pharmakodynamik: Bei älteren Patienten besteht aufgrund von
Änderungen in Rezeptordichte und -eigenschaften eine veränderte Pharmakodynamik
und somit eine erhöhte Empfindlichkeit für Nebenwirkungen. Tatsächlich treten
signifikante Nebenwirkungen, wie kognitive Effekte, Schwindel,
Gangunsicherheit, Sehstörungen und Sedierung bei alten Menschen doppelt so
häufig auf wie bei jungen Erwachsenen. So erhöht bei älteren Patienten die
Einnahme von Antiepileptika das Risiko für Stürze um einen Faktor 2,5. Deshalb
sollten entsprechend nebenwirkungsarme Antiepileptika verwendet werden.
Arzneimittelinteraktionen:
Da alte Patienten oft eine große
Zahl von unterschiedlichen Medikamenten einnehmen, besteht ein hohes Risiko für
unerwünschte Arzneimittelinteraktionen. Das Risiko für
Arzneimittelinteraktionen besteht insbesondere bei der Einnahme von
enzyminduzierenden Antiepileptika wie Carbamazepin, Phenytoin, Phenobarbital
und Primidon, die den Abbau von oralen Antikoagulanzien, Kortikosteroiden,
Antihypertensiva, Antiarrhythmika und Lipidsenkern in der Leber signifikant
beschleunigen können. Umgekehrt kann auch der Metabolismus von Antiepileptika durch
andere Medikamente signifikant beeinflusst werden. So kann z.B. der Metabolismus
von Carbamazepin durch die Zugabe von Makrolidantibiotika, Diltiazem oder
Verapamil signifikant inhibiert werden. Deshalb ist bei der Behandlung der
Altersepilepsie grundsätzlich die Verwendung von Antiepileptika mit niedrigem
oder fehlendem Interaktionspotenzial zu empfehlen.
Univ.-Prof. DI Dr. Christoph Baumgartner
OÄ Dr. Susanne Pirker
Karl-Landsteiner-Institut
für Klinische Epilepsieforschung und Kognitive Neurologie, 2. Neurologische
Abteilung, KH Hietzing mit Neurologischem Zentrum Rosenhügel, Wien
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