Ärzte Krone 23/11
Sind kardiale Biomarker bei Diabetes mellitus sinnvoll?
Diabetes mellitus ist eine schwerwiegende und ernst zu nehmende Erkrankung, welche mit einer Vielzahl an Komplikationen assoziiert ist. Erstrebenswert wäre eine Selektion von Hochrisikopatienten.
Kardiovaskuläre Folgeerscheinungen stellen die schwersten Komplikationen des
Diabetes dar und sind für den größten Verlust an Lebensjahren verantwortlich.
Generell kann man davon ausgehen, dass die Diagnose Diabetes einen Verlust an
Lebenserwartung von zehn bis 15 Jahren mit sich bringt. In den USA ist Diabetes
mellitus mittlerweile die 7. häufigste Todesursache. Eine Metaanalyse aus 37
prospektiven Studien errechnete ein altersabhängiges Risiko für fatale
kardiovaskuläre Ereignisse von 3,69 (CI 2,64–5,15) bei Frauen und 2,16 (CI 1,77–2,64)
bei Männern. Abhängig von den verschiedenen Regionen waren in etwa 10% der
Myokardinfarkte bei den Männern und 19% der Myokardinfarkte der Frauen ausschließlich
der Erkrankung Diabetes mellitus anzulasten. Die aktuellen Richtlinien zur
Abschätzung des kardiovaskulären Risikos konzentrieren sich nach wie vor auf
etablierte Risikofaktoren wie Hypertonie, Rauchen, Alter, Geschlecht,
Mikroalbuminurie und Dyslipidämie. Generell lässt sich mit diesen Modellen die
Entwicklung und die Progredienz der kardiovaskulären Erkrankung nicht exakt
evaluieren. So können mit den derzeitigen Risikofaktoren 20–50% der kardialen
Ereignisse nicht antizipiert werden. Daher ist eine präzisere Erfassung des
kardiovaskulären Risikos notwendig, welche mithilfe verschiedenster Biomarker
erreicht werden kann.
Die gängigen Risikofaktoren geben keinen
direkten Rückschluss auf die myokardiale Zellschädigung, die linksventrikuläre
Dysfunktion, Niereninsuffizienz und subklinische Entzündung. Daher verspricht
man sich von der Bestimmung der Biomarker, welche die erwähnten
pathophysiologischen Vorgänge direkt erfassen, eine Verbesserung der
kardiovaskulären Risikostratifizierung. Zu den heute etablierten Biomarkern
zählen NT-proBNP, die Mikroalbuminurie, CRP bzw. hochsensitives CRP, Cystatin C
und die Troponine. Darüber hinaus gibt es eine Reihe zusätzlicher Biomarker wie
Endothelin-1, Copeptin, atriales natriuretisches Peptid (ANP), YKL-40, Fetuin A,
Harnsäure und GDF-15, welche ebenfalls zur kardiovaskulären
Risikostratifizierung verwendet werden können.
NT-proBNP, die Mikroalbuminurie, CRP bzw. hochsensitives CRP
Hochsensitives CRP (hsCRP) als Marker der subklinischen
Inflammation ermöglicht eine präzise Vorhersage von Myokardinfarkt, Insult und
Tod bei gesunden Männern und Frauen. Es korreliert mit dem Ausmaß der
Hypofibrinolyse und der gestörten Glukosetoleranz. Aufgrund der derzeitigen
Datenlage ist allerdings davon auszugehen, dass der prognostische Wert von hsCRP
in bestimmten Subpopulationen (z.B. ältere Menschen) abnimmt. Gerade die
beginnende Atherosklerose bei Patienten mit relativ kurzer Diabetesdauer lässt
sich durch das hsCRP am besten vorhersagen. Beispielsweise überstieg bei den
gesunden Teilnehmerinnen der „Women’s Health“-Studie der prädiktive Wert des hsCRP
den prädiktiven Wert der Lipide.
Neben den inflammatorischen Biomarkern existieren zahlreiche morphologische
Biomarker, welche die subklinische kardiovaskuläre Erkrankung widerspiegeln.
Die besten Daten liegen derzeit für NT-proBNP vor, welches in zahlreichen
Studien seinen prognostischen Wert demonstriert hat. In der
Allgemeinbevölkerung ohne spezielle Voraussetzungen lässt NT-proBNP klare
Aussagen über das kardiovaskuläre Risiko zu. In einer Studie von Olsen et al.
waren die NT-proBNP-Spiegel sogar in der Lage, Auskunft über die Letalität
eines Myokardinfarkts zu geben. Waren die NT-proBNP-Spiegel zum Zeitpunkt des
Myokardinfarkts erhöht, so lag die Letalität bei etwa 43% verglichen mit 3,7%
in der Gruppe mit niedrigen NT-proBNP-Werten. Speziell bei Risikopopulationen
wie Patienten mit Diabetes mellitus eignet sich NT-proBNP hervorragend für die
Vorhersage kardiovaskulärer Ereignisse. Wir konnten bei an Diabetes mellitus Typ
2 erkrankten Patienten zeigen, dass NT-proBNP-Spiegel unter 125 pg/ml einen 98%
negativen Voraussagewert für kardiovaskuläre Ereignisse haben. Selbst bei
älteren Patienten (> 75 Jahre) behält das NT-proBNP seinen prognostischen
Stellenwert. Die Mikroalbuminurie als Surrogat für die generalisierte
Schädigung des Endothels sowie die diabetische Nephropathie eignet sich hervorragend
zur kardiovaskulären Risikostratifizierung bei Patienten mit Diabetes mellitus,
aber auch in der gesunden Bevölkerung. In Patientenkollektiven mit Diabetes
mellitus beträgt die Prävalenz der Mikroalbuminurie zwischen 20 und 30%. Jeder
Grad der Albuminurie auch unter den heute gängigen Cut-offs für
Mikroalbuminurie ist als kardiovaskulärer Risikofaktor zu betrachten. Rezente Daten
von 1.000 Patienten mit Diabetes mellitus demonstrieren allerdings, dass
NT-proBNP besser zur Vorhersage kardialer Ereignisse geeignet ist als die
Messung der Mikroalbuminurie.
Cystatin C und
Troponine
Die physiologische Funktion
des Proteins Cystatin C liegt in der Hemmung von lysosomalen
Cysteinproteinasen. Weitere Funktionen sind die Kontrolle der extrazellulären
Proteolyse und die Modulation des Immunsystems. Cystatin C wird in beinahe
allen kernhaltigen Zellen produziert. Im Gegensatz zum Kreatinin wird Cystatin
C weniger stark von Alter, Geschlecht und der Muskelmasse beeinflusst. Mithilfe
von Cystatin C ist in der allgemeinen Bevölkerung, aber auch bei Patienten mit
Diabetes mellitus, eine genauere Bewertung der Nierenfunktion als mit Kreatinin
möglich. Bei älteren Patienten ist Cystatin C ein stärkerer Prädiktor für
kardiovaskuläre Mortalität als das bisher häufiger verwendete Kreatinin.
Die Troponine sind hochsensitive Marker für eine Schädigung der Myokardzellen.
Für Troponin I konnten Zethelius und Kollegen zeigen, dass es in einem
Kollektiv von Männern frei von koronarer Herzkrankheit eine Aussage
hinsichtlich Mortalität und erstmaligem Auftreten eines kardialen Ereignisses
erlaubt. Diese Tatsache unterstreicht die Wichtigkeit der subklinischen myokardialen
Zellschädigung bei der Entwicklung von koronarer Herzkrankheit. Die aktuelle
Datenlage spricht durchaus für den Einsatz unterschiedlichster Biomarker zur
primären kardiovaskulären Risikostratifizierung bei an Diabetes mellitus
erkrankten Patienten. Interessanterweise zeigen gerade jene Studien, welche
neben anderen Risikomarkern NT-proBNP inkludieren, den größten Gewinn an
prognostischer Aussage und unterstreichen damit die prognostische Wertigkeit
des NT-proBNP.
Mithilfe der Biomarker kann gerade bei an Diabetes mellitus erkrankten
Patienten ein Hochrisikokollektiv für kardiovaskuläre Ereignisse verlässlich
selektioniert werden.
Univ.-Prof. Dr. Martin Clodi
Abteilung
f. Endokrinologie und Stoffwechsel, Universitätsklinik für Innere Medizin III, Medizinische
Universität Wien
Die Beiträge auf dieser Homepage sind ausschließlich für medizinisches bzw. pharmazeutisches Fachpublikum bestimmt.







