Ärzte Krone 23/11
Insulinresistenz – verstehen und behandeln
Typ-2-Diabetes beginnt schleichend und wird oft erst sehr spät entdeckt. Neben Medikamenten zur Steigerung der Insulinsekretion in der Betazelle u.a. gibt es zwei Wirkstoffe, die die Insulinsensitivität direkt beeinflussen.
Durchschnittlich 4–7 Jahre, bevor sich ein Diabetes mellitus Typ 2 (DM II) manifestiert, sind schon Störungen im Glukosestoffwechsel der betroffenen Patienten nachweisbar. Insofern ist es auch nicht verwunderlich, dass bereits ungefähr 10% der Patienten, bei denen erstmalig ein DM II diagnostiziert wird, an einer diabetischen Retinopathie leiden. Die erste fassbare Veränderung – lange noch bevor es zu erhöhter postprandialer Glykämie und später dann auch zu einer Erhöhung der Nüchternglukose kommt – ist ein Anstieg der systemischen Insulinkonzentration, die zum Teil über Jahre hinweg die bereits vorhandenen Störungen des Glukosestoffwechsels maskieren kann. Dies erklärt auch, warum man bei adipösen Patienten zwar eine durchschnittliche Reduktion der Insulinsensitivität um fast 30% findet, die gemessenen Glukosewerte im Plasma bei diesen Patienten aber noch vollkommen normal sind.
Pathophysiologie
Leber, Skelettmuskulatur und Fettgewebe gelten als
zentrale Organe in der Entstehung von Insulinresistenz: In der Leber kommt es
zu vermehrter Produktion und Freisetzung von Glukose, gleichzeitig ist aber
auch die Aufnahme von Glukose in die Muskulatur vermindert, eine Dysregulation von
Adipozytokinen und vermehrte Freisetzung von Fettsäuren aus dem Fettgewebe verschlechtern
die Insulinsensitivität weiter.
Obwohl die Insulinspiegel beim Diabetiker um das 2- bis 3-Fache erhöht sind,
setzt im Vergleich zu Stoffwechselgesunden die Leber im Nüchternzustand um etwa
25% mehr Glukose aus der Leber frei. Dies ist großteils Folge einer
gesteigerten Glukoneogenese. Z u s ä t z l i c h weisen Diabetiker einerseits erhöhte
Glukagonkonzentrationen auf, andererseits ist aber auch die Sensitivität gegenüber
Glukagon in der Leber gesteigert. Verschärft wird die Situation durch vermehrt zirkulierende
Fettsäuren, die letztendlich eine weitere Steigerung der Glukoneogenese
bewirken. Die genannten Faktoren zusammen führen schließlich zu einer Erhöhung
der Nüchternglukose. Die postprandiale Hyperglykämie ist vor allem Folge der
verminderten Aufnahme von Glukose in die Skelettmuskulatur. Verantwortlich
hierfür ist ein bei Diabetikern vorliegender Defekt im Insulin- Signaling
(Insulin Receptor Substrate 1 (IRS-1)), der letztendlich nicht nur zu einem
verminderten Einstrom von Glukose via Glukosetransporter Typ 4 (GLUT4) in die
Skelettmuskelzelle führt, sondern gleichzeitig auch mit verminderter
Aktivierung der NO-Synthase verbunden ist und zu endothelialer Dysfunktion
führt. Die aus dem verminderten Glukoseeinstrom resultierende Hyperglykämie
führt zu einer gesteigerten Insulinsekretion in der Betazelle. Die Sensitivität
des Mitogen-activated-Protein(MAP)-Kinase- Pathways für Insulin ist im Gegensatz
zum genannten Insulinsignaltransduktionsweg jedoch erhalten, sodass es zu einer
exzessiven Stimulation des MAP-Kinase-Wegs kommt. Dieser steuert zahlreiche
Inflammationsprozesse ebenso wie die Proliferation von vaskulären Muskelzellen
und ist daher maßgeblich mitverantwortlich für die Entstehung von
Atherosklerose bei Insulinresistenz.
Neben Skelettmuskulatur und Leber ist das Fettgewebe ein weiteres wesentliches Organ
in der Entstehung der Insulinresistenz. Bei Adipositas kommt es zu einer Infiltration
des Fettgewebes mit Makrophagen und damit verbunden zu einer Dysregulation von
Adipozytokinen, allen voran Adiponektin und Leptin. Gleichzeitig werden auch
vermehrt proinflammatorische Zytokine (z.B. Interleukin 6 (IL-6)), Tumor
Necrosis Factor (TNF-α) und freie Fettsäuren freigesetzt. Diese wiederum beeinflussen in
direkter oder indirekter Weise das Insulin-Signaling ebenso wie die
Glukoneogenese und die Fettsäureoxidation, was zu einer weiteren
Verschlechterung der Insulinresistenz in Leber und Skelettmuskulatur und auch
zu einer ektopen Lipidakkumulation (z.B. Leber, Skelettmuskulatur, Myokard)
führt.
Therapie
In den letzten Jahren sind zahlreiche neue Medikamente
in der Behandlung des Typ- 2-Diabetes-mellitus hinzugekommen. Diese umfassen
unter anderem eine Steigerung der Insulinsekretion in der Betazelle ebenso wie
eine Suppression der Glukagonsekretion durch die Alphazelle oder auch eine
Modulation der gastrointestinalen Peristaltik und Hemmung der intestinalen
Glukoseaufnahme. Gleichzeitig stehen uns auch 2 Wirkstoffe zur Verfügung, die
die Insulinsensitivität direkt beeinflussen können.
Metformin, inzwischen über ein halbes Jahrhundert bekannt,
gilt derzeit als „First-Line“-Medikament in der antidiabetischen Therapie bei einer
Mehrzahl von Typ-2-Diabetikern. Grund dafür ist das günstige Nebenwirkungsprofil,
die Gewichtsneutralität und der positive Effekt auf die makrovaskuläre
Ereignisrate (UKPDS). Der Hauptwirkmechanismus liegt in einer Verminderung der
hepatischen Glukosefreisetzung durch Inhibierung der Glukoneogenese. Zugleich
wird eine Senkung der intestinalen Glukoseaufnahme durch Metformin diskutiert.
Als Folge der verbesserten Glykämie und damit verminderten Glukosetoxizität
kommt es zu einer gesteigerten Glukoseaufnahme in die Skelettmuskulatur und das
Fettgewebe. Die reduzierte Glukosetoxizität führt gleichzeitig zu einer
verbesserten Insulinsekretion durch die Betazelle. Die klinische Relevanz
dieser Effekte zeigt sich nicht nur tagtäglich in der Therapie von Typ-2-Diabetikern,
sondern konnte auch in einer Langzeit-Diabetes-Präventionsstudie unterstrichen
werden. Über einen Zeitraum von insgesamt 10 Jahren führte eine
Metformintherapie ebenso wie eine Lifestyle-Intervention bei Patienten mit gestörter
Glukosetoleranz oder erhöhter Nüchternglukose zu einer signifikanten Reduktion
der Diabetesinzidenz (Diabetes Prevention Program Outcome Study). Der zweite
insulinsensibilisierende am Markt befindliche Wirkstoff ist Pioglitazon aus der Gruppe der Thiazolidindione. Ebenso wie
für Metformin konnte auch für Pioglitazon ein positiver Einfluss auf die makrovaskuläre
Ereignisrate gezeigt werden (PROACTIVE). Pioglitazon ist ein „Peroxisome
Proliferator-activated Receptor (PPAR)“-y-Agonist. Dieser Effekt führt zu einer
Steigerung der Adiponektinkonzentration, zu einer Reduktion von zirkulierenden
freien Fettsäuren, zu einer Abnahme von intraabdominellem Fett und einer
verminderten ektopen Fettakkumulation in Skelettmuskulatur und Leber. Auf molekularer
Ebene verbessert Pioglitazon damit das intrazelluläre Insulin-Signaling, hemmt
aber gleichzeitig den MAPK-Signaltransduktionsweg, was sich wiederum günstig
auf Inflammation und Wachstum von glatten Gefäßmuskelzellen und damit auch auf
die Atherogenese auswirkt. Ebenso wie für Metformin konnte auch für Pioglitazon
nicht nur eine blutzuckersenkende Wirkung beim Diabetiker, sondern auch ein
präventiver Effekt bei Patienten mit gestörter Glukosetoleranz gezeigt werden.
In der rezent publizierten ACT-NOW- Studie konnte bei Patienten mit gestörter
Glukosetoleranz nach einer mittleren Beobachtungszeit von 2,4 Jahren die
Konversionsrate in einen DM II um mehr als 70% reduziert werden. Abgesehen von
HbA1c, Nüchternglukose und postprandialer Glykämie unterschieden sich die mit
Pioglitazon oder Placebo behandelten Patienten nach mehr als 2 Jahren
signifikant im diastolischen Blutdruck, in den Transaminasen und der Karotis-Intima-Media-Dicke,
einem Surrogatmarker für Atherosklerose. Wie zu erwarten zeigte sich als
nachteiliger Effekt einer Glitazontherapie eine moderate Gewichtszunahme.
Ausblick Insulinresistenz stellt einen ganz wesentlichen pathophysiologischen
Faktor in der Entstehung des DM II dar. Dies ist insbesondere von großer
Bedeutung, als die Prävalenz von Adipositas (und damit auch von
Insulinresistenz) weltweit weiter dramatisch zunimmt, und inzwischen zu einem
enormen gesundheitsökonomischen Problem geworden ist. Wenig verwunderlich ist
daher, dass auf dem Gebiet der medikamentösen Beeinflussung der
Insulinsensitivität mit großer Intensität geforscht wird. Pharmakologische
Angriffspunkte umfassen einerseits das Insulin-Signaling, andererseits auch die
direkte Steuerung des hepatischen Glukose- Outputs. So werden und wurden
Studien zu Insulinmimetika ebenso wie zu Substanzen, die in die
Phosphorylierungskaskade im Insulinsignaltransduktionsweg eingreifen,
publiziert. Mittels antiinflammatorischer Substanzen wird zudem versucht,
direkt die intrazelluläre Wirkung von Insulin zu beeinflussen. Was die
hepatische Insulinresistenz betrifft, wird vor allem an der Möglichkeit einer
pharmakologischen Modulation von Glykogenolyse und Glukoneogenese ebenso wie an
einer Beeinflussung der Glukagonwirkung gearbeitet. Damit könnten möglicherweise
in den nächsten Jahren weitere Substanzen auf den Markt kommen, die nicht nur
die Hyperglykämie beim manifesten Typ-2-Diabetes verbessern, sondern auch in
der Prävention des Typ-2-DM eingesetzt werden können.
Priv.-Doz. Dr. Susanne Kaser
Universitätsklinik
für Innere Medizin I Medizinische Universität Innsbruck
Literatur bei der Verfasserin
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