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Apotheker Krone 15/11

ModernesWundmanagement

In den vergangenen Jahren wurden bei der Lokalbehandlung chronischer Wunden wesentliche Fortschritte erzielt.

Während die Behandlung akuter oberflächlicher Wunden üblicherweise kein Problem darstellt, da die Wundheilung beim Gesunden meist rasch und ohne Komplikationen abläuft, ist die Therapie chronischer Wunden aufwändig, langwierig und nicht selten wenig erfolgreich. Erfreulicherweise wurden in den letzten Jahren bei der Lokalbehandlung chronischer Wunden wesentliche Fortschritte erzielt. Es ist allerdings nicht immer leicht, mit der raschen Entwicklung der Verbandstoffe Schritt zu halten und den Überblick über die gerade aktuellen Behandlungsstandards zu bewahren.

Großer Bedarf an Materialien

Da chronische Wunden häufig sind (ca. 1–2% der Bevölkerung leidet z.B. an einem Ulcus cruris), besteht sowohl großer Bedarf als auch wirtschaftliches Interesse an Materialien zur Wundversorgung. Dementsprechend kam und kommt es zur Entwicklung immer neuer Materialien und Verbandstoffkombinationen. Zusätzlich stehen noch verschiedene medizintechnische/physikalische Verfahren wie Vakuumtherapie, Elektrostimulation, Stoßwellenbehandlung, Niedrigenergielaser und andere zur Verfügung. Diese erfreuliche Entwicklung hat uns die Möglichkeiten zu einer individuellen, auf den jeweiligen Patienten und seine Wund- und Lebenssituation optimal angepassten Therapie gegeben. Andererseits besteht eine zunehmende Unsicherheit hinsichtlich der Frage, wann welche der zahlreichen, teilweise sehr ähnlichen und oft teuren Produkte angewendet werden sollen. Evidenzbasierte Leitlinien fehlen weitgehend, da die Wirksamkeit der Produkte und Verfahren bestenfalls mit Einzelfallbeispielen oder kleinen Fallserien belegt ist. Vermutlich ist eine der Ursachen für dieses Problem, dass im Gegensatz zum Arzneimittelbereich für Verbandstoffe als Medizinprodukte keine klinischen Prüfungen zur Wirksamkeit für die Zulassung erforderlich sind.

Chronische Wunden: umfassendes Behandlungskonzept
So sehr das breite Spektrum an Wundverbänden und lokalen Behandlungsmöglichkeiten für Patienten und Ärzte eine Bereicherung darstellt, darf nicht übersehen werden, dass die Frage der topischen Behandlung einer chronischen Wunde die pathogeneseorientierte Diagnostik und Therapie nicht in den Hintergrund drängen darf. Das lässt sich besonders gut beim Ulcus cruris darstellen, wo je nach Genese völlig unterschiedliche Behandlungsstrategien eingeschlagen werden müssen. Dazu gehören vor allem korrekte Diagnostik, Abklärung und Korrektur der Durchblutungssituation, der Stoffwechsellage und der medikamentösen Therapie. Das häufigste und bekannteste Beispiel ist das venöse Ulcus cruris, bei dem nur durch Kompressionsbandagen und wenn möglich operative Sanierung der insuffizienten Gefäße – weitgehend unabhängig von der Auswahl des Verbandsmaterials – eine Abheilung erreicht werden kann.

Bei Patienten mit chronischen Wunden ist es daher die Hauptaufgabe des behandelnden Arztes, Therapieziele zu definieren, die die individuellen Voraussetzungen und Möglichkeiten des Patienten berücksichtigen (z.B. Wundverschluss, arterielle Rekanalisierung, Schmerzfreiheit, Infektionsbehandlung, Remobilisierung, aber auch Amputation, Pflegeheimversorgung, mobile Pflege zuhause etc.), und einen gezielten Therapieplan zu erstellen (bei dem die Auswahl des Verbandstoffes nur einen kleinen Teilaspekt bildet).

Kontinuierliche Weiterbildung

Eine kontinuierliche Weiterbildung und kritische Sichtung der wissenschaftlichen Literatur und der Herstellerinformationen ist für die Behandlung chronischer Wunden unerlässlich. Paradoxerweise kann manchmal die sachliche Beurteilung verschiedener Aspekte des modernen Wundmanagements durch die zahlreich angebotenen Fortbildungsveranstaltungen und -medien noch weiter erschwert werden. Expertenmeinungen, die in Übersichtsarbeiten und Büchern, bei Fortbildungen und Kongressen publiziert werden, sind häufig nicht durch objektive Daten belegt, sondern als Wiederholung und Verstärkung aus Mythen und Vermutungen entstanden und so zu „Therapiestandards“ geworden, die oft sehr kurzlebig sind. Ein typisches Beispiel ist die Silbertherapie, die zur Keimreduktion an der Wunde dienen soll und in vielfältigen Formen angeboten wird, für die aber keine echten Indikationen definiert werden können und deren Wirksamkeit bei chronischen Wunden durch keine relevanten Studien belegt ist.

Fazit für die Praxis

Die Anwendung moderner Verbandstoffe bringt für Patienten mit chronischen Wunden oft große Vorteile hinsichtlich Schmerzarmut, Erhaltung der Mobilität und besserer Lebensqualität. Kenntnisse der Prinzipien der modernen Wundbehandlung und der verfügbaren Palette an Verbandstoffen sind daher unverzichtbar und können durch ein breit gefächertes Fortbildungsangebot erworben werden. Die Österreichische Gesellschaft für Wundbehandlung (www.a-w-a.at) und andere nationale und internationale Fachgesellschaften bieten diesbezüglich sowohl für Ärzte als auch Pflegepersonal ein unabhängiges Angebot mit einschlägigen Kongressen und Publikationen. Eine begrenzte Auswahl von erstattungsfähigen Verbandstoffen nach qualitativen und ökonomischen Kriterien finden Sie in der Tabelle. Die große Fülle der anderen Materialien kann zwar möglicherweise für selektierte Patienten sinnvoll sein, ihr Einsatz sollte aber spezialisierten Abteilungen und Ambulanzen überlassen werden.

Zukunftsperspektiven

Wie in allen anderen Bereichen der Medizin wird auch zur Wundheilung intensive Grundlagenforschung betrieben, die laufend neue und interessante Erkenntnisse liefert, die hoffentlich in neue Behandlungskonzepte für die Zukunft münden werden. So konnte erst kürzlich erstmals beim Menschen gezeigt werden, dass die Heilung akuter Wunden durch lokale Anwendung des Zytokins TGFß3 wesentlich verbessert wird. Diese und ähnliche Studien berechtigen zu der Hoffnung, dass es bei zunehmendem Verständnis der Pathophysiologie chronischer Wunden möglich sein wird, auch chronische Wunden durch maßgeschneiderte pharmakologische Maßnahmen zu beeinflussen.

Tabelle: Auswahl und Kurzbeschreibung von Basismaterialien zur feuchten Wundbehandlung
Material Beschreibung

Anwendungs-hinweise

Wundgitter

durchlässige vaselinegetränkte oder silikonisierte Gitter

verhindern das Verkleben der Wunde mit Baumwollkompressen

Hydrokolloide

selbstklebende semiokklusive Platten und Folien, zuschneidbar

primärer Wundverband oder zur Fixierung anderer Materialien

Schaumstoffe

unterschiedlich dicke, stark saugende semiokklusive Polyurethanschaumplatten mit/ohne Kleberand, je nach Produkt evtl. auch zuschneidbar

meist als primärer Wundverband

Alginate/Hydrofasern

Fasern nehmen Sekret unter Gelbildung auf

für Wundhöhlen und sezernierende Wunden, benötigen Sekundärverband zur Fixierung

Wundgele

geben Feuchtigkeit an die Wunde ab

für Wundhöhlen und trockene Wunden, benötigen Sekundärverband

Superabsorber

stark saugende Polyacrylate in Sachets

als Primär- oder Sekundärverband bei sehr starker Sekretbildung

Wundspüllösungen

Wasser, isotone Elektrolytlösungen,

je nach Ausmaß des Infektionsrisikos,

PVP-Jod, Octenidin/Phenoxyethanol, Polihexanid 

der bakteriellen Besiedelung und bei Weichteilinfekten 

Wissenschaft: Prim. Univ.-Prof. Dr. Franz Trautinger
Karl-Landsteiner-Institut für Dermatologische Forschung, Abteilung für Haut- und Geschlechtskrankheiten, Landesklinikum St. Pölten

Redaktion: Hannelore Mezei

Die Beiträge auf dieser Homepage sind ausschließlich für medizinisches bzw. pharmazeutisches Fachpublikum bestimmt.

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