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Apotheker Krone 19/11

Focus: Von banal bis letal

Die Bezeichnung „Grippe“ wird landläufig für eine breite Palette von Krankheitsbildern verwendet, die von der banalen Erkältung bis hin zur Influenza reichen; Letztere kann zu lebensbedrohlichen Komplikationen wie z.B. Pneumonie und Herzmuskelentzündung führen.

Grippale Infekte können durch eine Vielzahl von Viren wie z.B. Rhino-, Corona- und Adenoviren verursacht werden. Am häufigsten sind Kleinkinder betroffen, weil ihr sekretorisches Immunsystem noch nicht ausreichend entwickelt ist.
Die Symptomatik ist vom auslösenden Virus abhängig, beschränkt sich jedoch im Allgemeinen auf die oberen Atemwege und kann vor allem Schnupfen, Husten und Kopfschmerzen sowie ein beeinträchtigtes Allgemeinbefinden beinhalten. Das Fieber bleibt meist subtil und steigt nur sehr selten über 38° C.
Grippale Infekte können nicht kausal behandelt werden, eine Impfung ist aufgrund der Vielzahl an möglichen verursachenden Viren nicht verfügbar.
Allerdings ist es möglich, den Verlauf und Schwergrad des Infektes durch die frühzeitige Einnahme von Vitamin C und Acetylsalicylsäure (Vorsicht bei Säuglingen und Kindern bis zum 9. Lebensjahr: Risiko Reye-Syndrom!) zu Symptombeginn positiv zu beeinflussen; die rechtzeitige Einnahme ist dabei entscheidend für den erzielten Benefit, der nachweislich über die subjektive Besserung der Symptome hinausgeht. Die Anwendung von Rotlicht ist – ebenfalls am Beginn der Erkrankung – vor allem angezeigt, wenn der Infekt die Nasenschleimhaut betrifft, weil dieses aufgrund der Erwärmung in der Lage ist, die Vermehrung von Rhinoviren zu hemmen.

Influenza ist eine schwere Erkrankung

Die durch Influenzaviren verursachte Influenza (die Bezeichnung „Grippe“ sollte wegen der nach wie vor häufigen Verwechslung bzw. Gleichsetzung unbedingt vermieden werden!) ist eine ernste Erkrankung, die sich bereits durch den Symptombeginn vom grippalen Infekt unterscheidet: Nach häufig vorkommenden, jedoch nur sehr kurz bestehenden Prodromi wie Gliederschmerzen und Schleimhautentzündungen in Form von Konjunktivitis oder Laryngitis bzw. Tonsillitis setzen sehr rasch u.a. hohes Fieber (bis > 39° C), Schüttelfrost, schweres Krankheitsgefühl und Abgeschlagenheit, trockener Husten sowie meist starke Kopf- und Gliederschmerzen ein. Der Schweregrad des Verlaufes ist u.a. davon abhängig, ob es sich um eine Erstinfektion mit dem Influenza-Virus (längere/schwerere Erkrankung) oder um einen wiederholten Kontakt (leichterer Verlauf) handelt. Dies hat sich eindrucksvoll bei dem im Vorjahr kursierenden H1N1-Stamm gezeigt, an dem vorwiegend junge Menschen ohne vorherigen Kontakt mit dem Erreger schwer erkrankten. Prinzipiell betrifft das Risiko einer Influenza-Infektion alle Altersgruppen. Abhängig vom Virus-Subtyp ist es u.U. möglich, dass zwar mehr Menschen aus jungen Altersgruppen erkranken, jedoch die Mortalität bei den älteren Menschen höher ist. Betroffen sein kann jedes dritte Kind und jeder fünfte Erwachsene.

Potenziell tödliche Komplikationen

Neben der schweren Primärerkrankung kann die Influenza auch zu schwerwiegenden Komplikationen wie Pneumonie, Myokarditis und Sepsis führen. Diese können zwar durch das Influenzavirus selbst hervorgerufen werden, häufiger kommt es aber aufgrund der durch die Virusinfektion herabgesetzte Barrierefunktion der Schleimhäute und eine verminderte antibakterielle Immunantwort zu einer bakteriellen Superinfektion. Eine besondere Rolle spielen dabei Pneumokokken, die bei einem großen Teil der Bevölkerung als Besiedelung in Organismus vorhanden sind. Allerdings verursachen Pneumokokken nicht nur Pneumonien, sondern auch schwere Meningitiden und können vor allem bei Kindern häufig eine Otitis media hervorrufen.

Therapie kann Verlauf mildern

In der Behandlung einer bestehenden Influenza haben sich Neuraminidasehemmer bewährt: Sie schwächen den Krankheitsverlauf ab, verkürzen die Erkrankungsdauer und können das Risiko für Komplikationen und die Sterblichkeit deutlich reduzieren. Ihre Wirkung besteht in der Hemmung der Virusvermehrung. Aus diesem Grund sind diese Substanzen nur wirksam, wenn der Therapiebeginn möglichst rasch, jedoch innerhalb von maximal 48 Stunden nach Auftreten der ersten Symptome erfolgt; die beste Wirkung wird innerhalb von 6 Stunden nach Symptombeginn erzielt. Allerdings ist bereits der Beginn einer Resistenzentwicklung zu beobachten. Ebenfalls therapeutisch wirksam ist – wie beim grippalen Infekt – die Kombination von Vitamin C und Acetylsalicylsäure, wobei die Therapieerfolge bei der Influenza weniger deutlich ausgeprägt sind.

Superinfektionen rechtzeitig erkennen

Um bakterielle Superinfektionen effizient behandeln zu können, ist es essenziell, diese frühzeitig zu erkennen. Ein deutliches Anzeichen für eine bakterielle Superinfektion ist hohes Fieber nach initialer Besserung der Influenza-Symptomatik. Kommen (trockener) Husten und/oder Thoraxschmerzen dazu, ist vor allem bei älteren Menschen sofort an eine Pneumonie zu denken. Beim Verdacht auf eine Sepsis sind hohes Fieber > 39° C und Untertemperatur (35° C) als gleich schwerer Hinweis zu werten.
Bei Pneumokokkeninfektionen sind zwei Altersgipfel – bei Kleinkindern bis 5 Jahre und bei Menschen ab etwa 55 Jahren – zu beobachten, weil das Immunsystem in diesen Altersgruppen bekapselte Bakterien schlechter abwehren kann.
Therapie der Wahl ist die Verabreichung eines Antibiotikums. Aufgrund der günstigen Resistenzsituation in Österreich, wo im Unterschied zu anderen Ländern nur 5% der Pneumokokken eine Penicillinresistenz aufweisen, stehen Penicilline bei der Behandlung von Pneumokokkeninfektionen im Vordergrund.
Zur Vermeidung langfristiger Komplikationen zählt auch, Patienten nach einer durchgemachten Influenza kardial zu untersuchen, weil die Erkrankung nicht selten Arrhythmien auslösen kann. Übergangene Influenza-Infektionen sind für einen Teil der Fälle von plötzlichem Herztod bei Sportlern verantwortlich.

Niedrige Durchimpfungsrate ist unverständlich

Angesichts der epidemiologischen Bedeutung und hohen Letalität der Influenza erscheint es absolut unverständlich, dass die Durchimpfungsrate in Österreich bei unter 10% liegt. Bei einer Größenordnung von weltweit 18.000 Todesfällen und allein in Österreich 40 Todesfällen in der Saison 2010/11, die durch Labornachweis bestätigt auf eine Influenza zurückzuführen sind (Dunkelziffer deutlich höher, ca. 400–600), kann diese Erkrankung keinesfalls als „harmlos“ eingestuft werden, wie dies in der Allgemeinbevölkerung häufig geschieht. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Anzahl der Todesfälle in Österreich nur dank der ausgezeichneten intensivmedizinischen Versorgung nicht deutlich höher liegt. Das Mortalitätsrisiko der Influenza wird bewusst, wenn man bedenkt, dass an einer Meningokokken-Meningitis, die als sehr gefährliche Erkrankung wahrgenommen wird, im vergangenen Jahr 12 der insgesamt 100 Infizierten verstorben sind. Auch erlangen kurzfristig auftretende Infektionen wie SARS oder EHEC-Infektionen weitaus größeres mediales Interesse und Präventionsbereitschaft in der Bevölkerung als eine Erkrankung, die Jahr für Jahr auftritt und zahlreiche Todesopfer fordert.
An dieser Stelle sollen die Hausärzte als erste Ansprechpartner ihrer Patienten daran erinnert werden, diese zur Influenza- Impfung zu motivieren. Gerade Gruppen mit einem erhöhten Risiko, an Influenza schwer zu erkranken (Diabetiker, Asthmatiker, COPD-Patienten) sollten besonders aufgefordert werden, sich einer Impfung zu unterziehen, denn dies ist die einzig wirkvolle Form der Prävention.
Um unrealistische Erwartungen zu korrigieren, sollten die Patienten informiert werden, dass die Impfungen gegen die saisonale Influenza einen etwa 70–90%igen Schutz bieten, die Erkrankung jedoch auch bei unvollständigem Schutz deutlich milder verläuft als ohne Impfung. Auch gegen Pneumokokken sind Impfungen verfügbar, die vor allem den gefährdeten Altersgruppen, aber auch allen anderen Personen die sich schützen möchten, empfohlen werden sollten. Insbesondere der Konjugatimpfstoff zeichnet sich aufgrund einer prägenden Wirkung auf das Immunsystem durch eine hohe Effektivität aus.

Nächste Gefahr droht

Nach der in der vorjährigen Saison verlaufenen H1N1-Pandemie ist das Augenmerk der WHO bereits auf die Entwicklung des aviären Influenza-Virus H5N1 gerichtet. Das hoch pathogene Virus, das vorerst nur Vögel besiedelte, wurde bereits auch in Schweinen gefunden, die Übertragung vom Tier auf den Menschen tritt bei engem Kontakt mit infizierten Tieren auf. Beachtlich ist die hohe Letalität (bis zu 60%) des Virus, die in der Fachwelt zu großer Sorge Anlass gibt. Denn mutiert dieses Virus so weit, dass es von Mensch zu Mensch übertragen werden kann, wird die Pandemie ähnlichen, wenn nicht schwereren Verlauf als die „Spanische Grippe“ zeigen. Die WHO überwacht die Entwicklung während des gesamten Jahres an 180 Beobachtungsstationen weltweit. Ein entsprechender Impfstoff ist bereits vorbereitet und kann daher bei Bedarf rasch produziert werden.

Univ.-Prof. DDr. Egon Marth
Institut für Hygiene, Mikrobiologie und Umweltmedizin, Graz

Redaktion: Mag. Andrea Weiss

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