klinik 01/11
Die Krise kommt in den Spitälern an
Die Ärztevertreter klagen über „inakzeptable“ Budgetkürzungen im AKH und in den Spitälern des KAV in Wien. Sie fürchten um die Versorgung der Patienten.
So einfach ist das: Jahrelang schien es klar, dass der Aufwand der Spitäler zwangsläufig steigen muss. Der medizinische Fortschritt, die im internationalen Vergleich häufigen Spitalsaufenthalte der Österreicher und die vielen Ambulanzbesuche der Versicherten galten als Gründe dafür. Solange die Weichen durch eine echte Gesundheitsreform nicht anders gestellt würden, schien es kein Mittel dagegen zu geben. Jetzt soll in Wien plötzlich alles anders sein. Man hat begonnen, die Budgetzahlen für die Spitäler faktisch nach unten zu korrigieren. Wie das dann im Spitalsalltag umgesetzt wird, ist das Problem der dort Tätigen. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres, Vizepräsident der Ärztekammer Wien und Obmann der Kurie der angestellten Ärzte in Wien, und sein Kollege Prim. Univ.-Doz. Dr. Robert Hawliczek, richteten vor kurzem gemeinsam einen Appell an die Öffentlichkeit: Die Ärzte in den Wiener Spitälern arbeiten schon jetzt in vielen Bereichen am Limit. Wenn nun durch Sparmaßnahmen die Situation weiter verschärft würde, so droht das bald zu Lasten der Patienten zu gehen: „Wir können die Verantwortung dafür nicht übernehmen!“ Szekeres ist am AKH in Wien tätig, die meisten der Ärzte dort werden durch den Bund bezahlt. Hawliczek ist Primarius am Donauspital in Wien und dort Vorstand des Instituts für Radioonkologie. Das Donauspital steht unter der Leitung des KAV, des Wiener Krankenanstaltenverbunds. Die Krise, von der Wirtschaft einigermaßen überwunden, schlägt in den öffentlichen Hauhalten nun offenbar erst jetzt durch. Bund wie Länder, in diesem Fall Wien, versuchen einen Teil jener Mittel, die sie in die Krisenbewältigung investiert haben, durch Bremsen bei den laufenden Budgets wieder hereinzubringen.
Szekeres wie Hawliczek berichten von empfindlichen Kürzungen in ihrem Bereich. Thomas Szekeres über den Universitätsbetrieb: „An der Medizinuniversität wurde durch den Rektor ein Aufnahmestopp für Fachärzte verfügt.“ Szekeres sieht durch das Faktum, dass frei werdende Stellen nicht nachbesetzt werden können, rund 180 Stellen im AKH gefährdet: „Es betrifft hauptsächlich Akademiker.“ Schwestern und Pflegepersonal werden im AKH von der Stadt Wien finanziert. Mittelfristig fürchtet er um das Niveau der bisherigen Patientenversorgung, um die Forschungsmöglichkeiten für die Ärzte, von denen aber ihre weitere Karriere abhängt, und letztlich um die Reputation der Wiener Universitätskliniken. Und er warnt, dass in Zukunft Tausende von Studenten suboptimal ausgebildet werden könnten und auch die Patienten bald leiden werden: „Vor allem in den Fächern Anästhesiologie, Innere Medizin und Chirurgie könnten schon bald ernste Versorgungsprobleme entstehen.“
Reale Kürzung des Budgets für Personal
Auch bei den Spitälern der Gemeinde Wien, so führten die beiden Ärztevertreter aus, wurden nun die Mittel für das Personal gekürzt. Ursprünglich sei eine Erhöhung der zur Verfügung stehenden Beträge um 1,7% geplant gewesen, nun seien plötzlich nur mehr 0,7% Steigerung vorgesehen. Bei einer Inflation von rund 2% ist das ein glattes Minusgeschäft. Selbst ein Plus von 1,7%, so Hawliczek, hätte nicht ausgereicht, um den bisherigen Personalstand zu halten. Er sieht rund 30 Stellen für Turnusärzte in Wien in unmittelbarer Gefahr, auch bei den Schwestern müsse reduziert werden; was dazu führen wird, dass auf allen Stufen das entsprechend qualifizierte und daher teure Personal gegen weniger qualifizierte und damit billigere Kräfte ausgetauscht würde. Hawliczek über die Stellungnahme des KAV dazu: „Der Generaldirektor hat uns mitgeteilt, das könne doch kein Problem sein.“ Beim Sachaufwand des KAV werde gegenüber der ursprünglichen Planung um 2% zurückgefahren. Der angesprochene Generaldirektor des Wiener Krankenanstaltenverbunds, Dr. Wilhelm Marhold, beharrt auf diesen Vorgaben: „Wir haben keine Einsparungen. Unser Ziel ist eine gewisse Effizienzsteigerung. Das kann man auch von den Ärztinnen und Ärzten verlangen.“ Die Ärzte erachten nun aber die Einhaltung der gesetzlichen Wochenarbeitszeit von 60 Stunden im Schnitt für immer schwieriger. Leistungskürzungen, so ihre Sorge, werden die logische Konsequenz sein. Marhold gibt an, dass der Sachaufwand nominell um 2,5 bis 3 Prozent erhöht werde. Dazu sagen die Ärzte, dass beim Sachaufwand die Potenziale eben weitgehend ausgeschöpft seien.
Stellen werden nicht nachbesetzt
Die Ärzte sehen sich und ihre Abteilungen nun an den Grenzen der Leistungsfähigkeit. Hawliczek schildert es so: „Es werden jene Stellen gestrichen, die unmittelbar am Krankenbett sind!“ So würde etwa bei der Karenz einer Ärztekollegin eine Position eben ein halbes Jahr lang nicht nachbesetzt. Szekeres sekundiert: „Überall dort, wo zufällig Stellen frei werden, wird es zu Engpässen kommen.“ Sinnvolle Planung findet nicht statt. Wegen Personalmangels, so Hawliczek, würden weiters auch Stationen aus Urlaubsgründen gesperrt: „Wenn das ganz ohne Probleme möglich wäre, hätte man das ja auch schon in den vergangenen neun Jahren machen können!“ Gleichzeitig würden die Ambulanzen gestürmt. Hawliczek: „Es werden immer mehr Leistungen in immer kürzerer Zeit erbracht, jedoch ohne jegliche strukturelle Anpassung der Häuser.“
Der Kostenanstieg in den Spitälern, den man jetzt einzubremsen versucht, hatte aber triftige Gründe, führt Szekeres an: „Wir können heute Dinge, die wir früher nicht konnten.“ Das AKH habe sich zum größten Transplantationszentrum Europas entwickelt. Klar sei das mit Mitteln früherer Jahre nicht zu bewältigen. Hawliczek schildert, dass die Wartezeit auf eine Strahlentherapie nach einer Krebsoperation in Wien bereits heute inakzeptable 8 Wochen betrage: „Länger als 4 Wochen sollte die Frist aber nicht sein.“ Auf anderen Abteilungen dürfte sich Ähnliches zusammenbrauen.
Die Politik versucht vorläufig, sich aus dem Thema herauszuhalten. Warum sie nicht die zuständige Gesundheitsstadträtin mit diesen Sorgen konfrontiert hätten, werden Szekeres und Hawliczek gefragt. „Dort sagt man uns, das sei Sache des KAV“, muss Szekeres darauf antworten. Die Ärzte verlangen nun einen runden Tisch mit allen Beteiligten. Detail am Rande: Gelänge es, den Anteil der Klassepatienten in den Wiener Spitälern von jetzt 5 auf 25% zu erhöhen, wie gesetzlich erlaubt und vorgesehen, wären alle Finanzprobleme gelöst.
Dr. Irmgard Bayer
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