Klinik 06/10
Aktuell: Round-Table-Diskussion
Welche Qualifikationen brauchen ÄrztInnen?
Neben ihrer medizinischen Qualifikation werden von ÄrztInnen zunehmend auch soft skills wie kommunikative Fähigkeiten und Managementqualitäten erwartet. Ebenso zählen PatientInnensicherheit inklusive Risiko- und Fehlermanagement und vieles mehr zu den Aufgabenbereichen des Arztberufes, um die geforderte Qualität zu gewährleisten.
Eine Round-Table-Diskussion, veranstaltet vom MedMedia Verlag und dem Ärzte Krone-Verlag in Kooperation mit dem Institut für Ethik und Recht in der Medizin, ging der Frage nach, welche Qualifikationen, die über die medizinisch-wissenschaftliche Ausbildung hinausgehen, wünschenswert sind – und wann und in welchem Rahmen (angehende) ÄrztInnen die Möglichkeit haben, diese zu erwerben. Unter der Moderation von Dr. Irmgard Bayer, Ärzte Krone, wurde diskutiert, aus welchen Blickwinkeln Qualität gefordert wird – und auch darüber, welche Wünsche für die Zukunft diesbezüglich bestehen.
Der „Arbeitsmarkt“ in der Medizin
Nach Ansicht von Mag. Martin Mayer, IVENTA Human Resources Consulting, handelt es sich bei den Karrieren von MedizinerInnen in Österreich derzeit um reine „Fachkarrieren“. Allerdings sei im Spitalsbereich in bestimmten Fachbereichen – etwa in der Geriatrie – sowie abseits der großen Spitäler bereits ein eklatanter Mangel an qualifizierten FachärztInnen festzustellen. Aufgrund dieser Situation müsse man sich bei der Suche nach qualifizierten Mitarbeitern auf die medizinischen Fachkenntnisse beschränken und könne soft skills gar nicht in die Anforderungen mit einbeziehen. „Im Vergleich zu Wirtschaftssystemen sind die Anforderungen an den Arztberuf speziell im Krankenhaus sehr komplex und schwierig. Zu den Herausforderungen zählen der mündige Patient, ein System mit Zeit als Mangelware sowie die Aufgabe, Leadership in einem starren System zu entwickeln, in dem vorgegebene Strukturen zu berücksichtigen sind.“ Von den ärztlich Tätigen der Diskussionsrunde wurden die Arbeitsbedingungen der ÄrztInnen im Spital in einem starren System bei hohem Arbeitsaufkommen und relativ schlechter Bezahlung hervorgehoben, die jedoch von der Bevölkerung völlig anders wahrgenommen würden. So führt auch Mayer den Personalmangel in kleinen Spitälern darauf zurück, dass das System keine Möglichkeiten biete, die Arbeitsplätze attraktiver zu gestalten und zusätzliche Anreize zu schaffen.
Breites Spektrum an Qualifikationen gefordert
Entsprechend der Tatsache, dass VertreterInnen unterschiedlicher Berufsgruppen an der Diskussion teilnahmen, waren die Anforderungen hinsichtlich zusätzlicher, nichtmedizinischerQualifikationen breit gestreut. Für OA Dr. Andreas Salat, Universitätsklinik für Chirurgie, Wien, steht etwa die PatientInnensicherheit an vorderer Stelle, weil „der OP zu den gefährlichsten Orten im Spital zählt“. Allerdings sei es bei aller notwendigen Perfektion wichtig, den Patienten als Mensch nicht aus den Augen zu verlieren. Ausgehend vom Erfahrungsbereich von Dr. Gerald Bachinger, Patientenanwalt, sollte die soziale Kompetenz von ÄrztInnen die soft skills Selbstreflexion, Mut zu Wahrheit und Vollständigkeit, exakte und trotzdem verständliche Sprache, Fähigkeit zur Empathie sowie einen partnerschaftlichen Zugang zum Patienten beinhalten. „Werden diese Modelle beherrscht, können sie sehr effizient und ohne zusätzlichen Zeitaufwand angewendet werden“, so Bachinger. Mag. Beatrix Graschopf, Leitung Personalmanagement Vinzenzgruppe, stellt als Anforderung an ÄrztInnen in den Häusern der Vinzenzgruppe den „Orientierungsrahmen Management“ vor, der neben Führungskompetenz auch eine Sozial- und Wertekompetenz beinhaltet. Durch die Kombination von ärztlicher Kompetenz und Führungskompetenz sei es möglich, Fehler in den Strukturen zu erkennen und Veränderungen mitzugestalten. Diesbezüglich bietet die Vinzenzgruppe auch Ausbildungen an. Auf die Frage, ob die Universitäten in der Lage seien, medizinisches Personal mit den erforderlichen Kompetenzen hervorzubringen, meint Ao. Univ.-Prof. Dr. Rudolf Mallinger, Vizerektor für Studium und Lehre Medizinische Universität Wien, dass dies differenziert zu beantworten sei: „Nicht alle AbsolventInnen des Medizinstudiums ergreifen den ärztlichen Beruf. Entscheidend ist das Ergebnis am Ende der definitiven Ausbildung, also etwa des Turnus.“ In eine ähnliche Richtung zeigt auch die Antwort von Prim. Prof. Dr. Peter Fasching, Wilhelminenspital Wien, auf die Frage, wie die „richtigen“ Studierenden für das Fach Medizin ermittelt werden sollten, zumal der Begriff „richtig“ multifaktoriell sei.
Stolperstein Aufnahmeverfahren?
So wurde auch von mehreren Diskussionsteilnehmern die Relevanz des Aufnahmetests für das Medizinstudium als Eignungsfeststellung für den ärztlichen Beruf in Frage gestellt, weil dabei, wie etwa Fasching hervorhebt, die Selektion anhand naturwissenschaftlicher Kriterien erfolgt und soft skills unberücksichtigt bleiben. „Derzeit ist noch nicht bekannt, wie sich Absolventen dieses neuen Studiensystems in der Praxis bewähren“, so Fasching. Nach Ansicht von Dr. Thomas Szekeres, Kurienobmann Angestellte Ärzte, ÄK Wien, ist der Aufnahmetest „nicht valide für die geforderten soft skills“. Allerdings hält er auch die in den USA geübte Praxis von Auswahlmittels persönlicher Interviews für keine befriedigende Alternative, weil diese sehr subjektiv sei. Derzeit werde der Aufnahmetest in Österreich hinsichtlich Verbesserungsmöglichkeiten evaluiert, auch um den Anteil der Frauen anzuheben. Aufgrund des großen Andranges zum Medizinstudium sieht Mallinger unbedingt den Bedarf für ein Aufnahmeverfahren, räumt aber auch ein, dass es derzeit kein Verfahren gibt, um die soziale Kompetenz zu testen. Beim derzeitigen Modus müsse man „darauf setzen, dass eine genügend hohe Anzahl der Absolventen die erforderlichen Kompetenzen hat“.
Können die Qualifikationen angewendet werden?
Auf die Frage, ob die Qualifikationen in der Praxis ausreichend angewendet werden können, unterscheidet Salat zwischen habilitierten pragmatisierten MitarbeiterInnen und solchenohne sichere Anstellung: „Ärzte ohne Absicherung haben keine Möglichkeit für Flexibilität bei der Arbeit, sie erleben modernes Sklaventum.“ Bachinger bezeichnet Stress als den „Killer der soft skills“ und kritisiert, dass in der Vergangenheit zu wenig Wert auf eine „Kultur der soft skills“ gelegt wurde, wie dies etwa in der Vinzenzgruppe der Fall ist. Graschopf berichtet, dass soft skills innerhalb des Personals der Vinzenzgruppe stark kommuniziert werden, um diese für sich selbst und für die PatientInnen nutzen zu können. So werden etwa sowohl die PatientInnen als auch die MitarbeiterInnen nach ihren wichtigsten Anliegen gefragt. An den dabei aufgedeckten Defiziten werde gezielt gearbeitet. Nachwuchskräfte werden im Rahmen eines Programms, das allen Berufsgruppen offen steht, in diese Richtung ausgebildet.
Chancen und Wünsche
Befragt nach den Chancen und Wünschen, um die bestehenden Strukturen aufbrechen und verbessern zu können, relativieren die DiskussionsteilnehmerInnen einen Teil der Kritik und betonen, dass bereits ein Trend in die richtige Richtung zu verzeichnen sei. „Die Situation ist nicht ganz so schlimm, wie sie in der Diskussion überzeichnet dargestellt wurde“, sagt etwa Szekeres. Als größte Probleme, die daran hindern, seine Ideale und Qualifikationen in die Praxis umzusetzen, nennt er Personalengpässe und begrenzte finanzielle Ressourcen. Mayer sieht ebenfalls das größte Problem in der Überlastung insbesondere des Mittelbaues, weil dies auch die Schlüsselpersonen für die Ausbildung der jungen ÄrztInnen sind. Allerdings sieht auch er positiv, dass vermutlich alle Beteiligten das gleiche Ziel verfolgen. Bachinger wünscht sich, den Bedarf an soft skills auf bestimmte Bereiche einzugrenzen und genau zu definieren, diese dann aber verpflichtend zu fordern. Auch Mallinger wünscht sich eine genaue Definition der erforderlichen Qualifikationen entsprechend jeder Ausbildungsstufe und betont, dass diese auch noch postgraduell im Sinne einer continuous medical education zu erlangen sind. n „Innerhalb des Personals der Vinzenzgruppe werden soft skills stark kommuniziert, um diese für sich selbst und für die Patienten nutzen zu können.“
Mag. Andrea Weiss
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