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klinik 03/11

Gesundheitspolitik: Spitalskonzepte*, 9. Teil: Musterschüler Ländle

Vorarlberg: Für Landesstatthalter Mag. Markus Wallner ist die Spitalsreform eine Aufgabe, die das Land längst selbst realisiert. Zentralistische Maßnahmen vom Bund lehnt er ab.

Je weiter westlich von Wien, desto weniger drängende Struktur- und Finanzprobleme im Spitalswesen scheint es zu geben. Das jedenfalls war der Eindruck, der klinik im Gespräch mit den zuständigen Landespolitikern vermittelt wurde. Zuerst vom Tiroler Gesundheitslandesrat Univ.-Prof. Dr. Bernhard Tilg (siehe Bericht klinik 2/2011), nun in der Diskussion mit Landesstatthalter Mag. Markus Wallner aus Vorarlberg. Der für das Gesundheits- und Spitalswesen zuständige 44-jährige Landesrat trägt, weil gleichzeitig Landeshauptmannstellvertreter, der Tradition des Ländle gemäß den Titel „Statthalter“. „In Vorarlberg werden bereits seit einigen Jahren Reformbemühungen im Spitalsbereich durchgeführt, wie beispielsweise Schwerpunktsetzungen in einzelnen Spitälern. Diesen bewährten Kurs werden wir auch in Zukunft fortsetzen.“ Der Landeskrankenanstaltenfonds käme alle Jahre mit seinem Budget aus, aktuell sind es 355 Mio. für das Jahr 2011. In den vergangenen Jahren lagen die Steigerungsraten durchschnittlich unter 4%. „Wir hatten hohe Zuwachsraten und haben sie runtergebracht, das ist besser gelungen als österreichweit“, vermerkt Wallner dazu.

Vorarlberger Landesbetriebsgesellschaft

Er schildert eine ganze Reihe von Maßnahmen, die in den vergangenen Jahren gesetzt wurden. In den 1990er Jahren wurden alle bettenführenden Krankenhäuser Vorarlbergs in die Obhut des Landeskrankenanstaltenfonds übernommen. Die Zahl der Spitalsbetten wurde seither in Summe um rund 12% gesenkt. Die Zeit der von Gemeinden gehaltenen Häuser ist auch in Vorarlberg vorbei. Die einzige Ausnahme bildet das Krankenhaus Dornbirn mit zuletzt 282 Betten: „Die Stadt sieht das als ihre Aufgabe an und ist in der Lage, es gut zu führen“, kommentiert Wallner dazu. Das Krankenhaus Mehrerau bei Bregenz, einziges Ordensspital des Landes, wird mittlerweile ebenfalls unter dem Management der Krankenhausbetriebsgesellschaft (KHBG) geführt. Auf rein privater Basis kommen im Vorarlberger Angebot zwei kleine Unfallstationen in Lech und in Schruns hinzu, beide wichtig für die Versorgung der Skiunfallopfer und der Bergtouristen. 1.993 Betten liegen damit in der Hand des Fonds. Und auch mit dem Stadtkrankenhaus Dornbirn, so versicherte Wallner, funktioniere die Abstimmung gut. Innerhalb dieser Spitalslandschaft wurde in den vergangenen Jahren auf Basis der Vorgaben des Regionalen Strukturplan Gesundheit (RSG) und des Österreichischen Strukturplans (ÖSG) kräftig umgebaut. Abteilungen wurden in andere Häuser verlegt oder geschlossen, anderswo wurden Kapazitäten aufgebaut. In den Häusern, die der Landesfonds übernommen hatte, so Wallner, waren fast überall Investitionsstaus und Altlasten vorzufinden. So wurde das KH Bregenz vom Land inklusive Personal und auch inklusive zugesagter Investitionsverpflichtungen übernommen. Heute läuft die gesamte Planung über die KHBG standortübergreifend. „Das ermöglicht eine landesweite Sichtweite und eine Schwerpunktplanung.“ Die eingeschlagene Strategie wurde vom (Landes-)Rechnungshof in einem Prüfbericht im April 2010 bestätigt: „Diese Maßnahmen ermöglichten einerseits eine Qualitätsverbesserung der medizinischen Leistung und führten andererseits zu Einsparungen von jährlich 3 Mio. Euro und zu einem Kostendämpfungseffekt von langfristig 60 Mio. Euro.“ Dass die Kosten trotzdem alle Jahre gestiegen sind, akzeptiert der Rechnungshof: Wesentliche Kostentreiber sind eine verbesserte Diagnostik und Therapie, Fortschritte in der Medizintechnik sowie neue Medikamente und Versorgungsstandards.


 Tab.: Krankenhäuser und Bettenzahlen in Vorarlberg
  1994 19972000
2005
2009
2010
 LKH Bludenz
 180 180 182182
 181181
 LKH Bregenz
 364 327 327275
275
275
 LKH Dornbirn
 302 302 299278
284
284
 LKH Hohenems
 150 150 150150
128
128
 LKH Rankweil
 405 372 364364
378
378
 LKH Frastanz
 64 83 8381
81
81
 LKH Feldkirch
 720 703 671661
606
606
 Gesamt 2.185 2.117 2.076 1.991 1.993 1.993

Feldkirch ist Schwerpunktkrankenhaus

Als Krankenhausschwerpunkt des Landes wurde per Landesgesetz Feldkirch definiert. Das dortige Spital zählte zuletzt 606 Betten und ist das größte des Landes. „Feldkirch hat alles“, beschreibt Wallner die Möglichkeiten dieses Hauses. Es kooperiert als akademisches Lehrkrankenhaus mit der Universitätsklinik in Innsbruck und bietet auch Studenten die Möglichkeit von Praktika. An allen übrigen Standorten wurde gestrafft und umstrukturiert. Einen besonders starken Umbau, so berichtet Wallner, habe Hohenems erfahren. Die dortige Gynäkologie und Geburtshilfe wurde geschlossen, die Chirurgie und die Unfallchirurgie wurden mit Bregenz fusioniert. „Nur eine Tageschirurgie ist geblieben“, schränkt Wallner ein. Im Gegenzug wurde aus Hohenems ein „konservatives Haus“ mit Interner Abteilung und Palliativstation – der einzigen in Vorarlberg. In der Hospiz- und Palliativversorgung setzt das Land auch auf eine Betreuung außerhalb der Spitäler, in den Familien oder in Pflegeheimen. „Wir haben landesweit eine breite Hospizbewegung, und es werden u. a. Hospizbegleitung für Kinder oder mobile Palliativteams angeboten“, bekräftigt Wallner. In Hohenems wird außerdem eine konservative Orthopädie unterhalten, Schwerpunkt Schmerzbehandlung. Auch die Psychosomatik, bisher in Rankweil, werde nächstes Jahr dorthin übersiedelt. So werde das Haus zu einer Sonderkrankenanstalt für konservative Behandlung umgeformt. Eine Generalsanierung des Gebäudes gehe damit Hand in Hand. Hohenems war das größte „Umbauprojekt“, berichtet Wallner. 2006 habe man sich nach intensiver Diskussion mit der Bevölkerung und auch den Spitalsärzten dazu entschlossen. Auch die Stadt habe zugestimmt. Es ist den Menschen „zumutbar“, so Wallner, vor Ort nur eine Grundversorgung zu finden und sich darüber hinaus in das nächstgelegene geeignete Spital zu begeben. Das gilt auch für die Arbeitsplätze. „Die Distanzen sind nicht besonders groß, wir haben gute Verkehrsverbindungen, und die Bereitschaft zu Mobilität ist gestiegen“, meint er. Die Geografie kommt dem entgegen. Das 370.000-Einwohner-Land Vorarlberg ist im Rheintal und im Walgau dicht besiedelt, in kurzer Distanz liegt Stadt an Stadt. Überall im Land, so subsumiert Wallner, gebe es für Notfälle eine entsprechende Infrastruktur. Harte Auseinandersetzungen um einzelne Standorte – wie etwa in der Steiermark – blieben dem Land erspart.
Das Krankenhaus Rankweil, das die psychiatrische Versorgung sichert, sei ebenfalls mit früheren Jahren „nicht mehr vergleichbar“. Die dortige Psychosomatik wird 2012 nach Hohenems übersiedeln. Auch vom kleinen Standort Gaisbühel wurde die Pulmologie in das LKH Hohenems verlagert, das denkmalgeschützte Haus wartet auf eine Nachnutzung. Die früher am Gaisbühel tätige Onkologie ist heute im LKH Rankweil und soll langfristig nach Feldkirch kommen. Das Krankenhaus Bludenz, wichtig für die Versorgung des südlichen Landesteils, umfasst Unfallchirurgie, Chirurgie, Interne und Geburtsabteilung. Die bisherige Urologie wurde nach Feldkirch transferiert, vor Ort bleibt ein Konsiliararzt.

Pionierprojekt: Niedergelassene Ärzte im Spital

Die Pädiatrie von Bludenz mit 10 (schlecht ausgelasteten) Betten wird Ende dieses Jahres geschlossen. Als Ersatz sind Land und Kasse in Verhandlung für ein Pionierprojekt: Zwei niedergelassene Kinderärzte sollen sich im Spital etablieren und mit erweiterten Öffnungszeiten – aber ohne Nachtdienst – die bisherigen Dienste übernehmen. „Das ist eine interessante Strukturbereinigung, die Vorarlberger Kasse spielt mit“, lobt Wallner die Fortschritte des Projekts. Umgekehrt ist das Land bereit, eine gewisse Zuzahlung für diese Versorgungseinrichtung zu leisten. „Das ist ein Musterbeispiel“, zeichnet der Landesstatthalter den anderen Ländern einen Weg auf, um die Spitalsfrequenzen in Griff zu bekommen.
Vorarlberg zählte mit seinen 370.000 Einwohnern bisher 500.000 Ambulanzbesuche pro Jahr. Nach einer Studie könnten 130.000 dieser Besuche vom niedergelassenen Bereich übernommen werden. Dafür überlegt das Land ein Triagesystem nach deutschem und Schweizer Vorbild. Nicht Spitalsärzte, sondern niedergelassene Ärzte sollen damit betraut werden: „Wir versuchen, uns mit Ärzte-Vertretern und der Gebietskrankenkasse darauf zu einigen.“
Bei solchen weit reichenden Plänen stoßen Land und Statthalter allerdings an die realen Schranken des Systems: „Wir fordern die Finanzierung aus einem Topf immer wieder ein!“ Vorarlberg ist bereit, als Modellregion durchzuexerzieren, welche Vorteile diese Finanzierungsform bringen könnte. Planung, Steuerung und Finanzierung sollten in einer Hand liegen, nämlich in der des Landes. Die Reformpläne des Gesundheitsministers sieht er daher zwiespältig. Er begrüsst und unterstützt, dass Gesundheitsziele definiert werden sollen, die allerdings auf Landesebene nochmals zu präzisieren wären. Und er hofft, dass der Minister endlich das Thema Prävention aufgreifen wird. „Bei uns werden nur 1,9% der Gesamtkosten dafür aufgewendet, das ist im internationalen Vergleich beschämend.“ Wallner rechnet vor, dass allein durch die Dickdarmvorsorge pro rechtzeitig erkanntem Krebsfall rund 250.000 Euro an Behandlungskosten vermieden werden können. Die Dickdarmvorsorge läuft in Vorarlberg ganz über den niedergelassenen Bereich, aber unter Zuzahlung des Landes. Prävention über Ernährung und Bewegung, auch für Kinder, sieht er als weitere wichtige öffentliche Aufgaben. Sind solche Einigungen im Land leichter zu realisieren, weil Land und Kasse einheitlich ÖVP-dominiert sind? „Vorarlberg will seine Eigenständigkeit bewahren und selbst gestalten“, nennt Wallner den Grund für die gegenseitige Aufgeschlossenheit. Im Sinne der Eigenständigkeit versteht Wallner daher nicht, warum der Minister ein bundesweites Spitalsgesetz anstrebt. „So konstruiert man Ärger mit den Bundesländern.“ Rahmenbedingungen ja, aber die Ausführungsgesetzgebung müsse bei den Ländern bleiben. „Meine Sorge beim Zentralisieren ist, dass es nicht billiger wird, sondern teurer.“ Wie der Landesratskollege aus Tirol will er nicht für andere Länder büssen: „Für gemachte Fortschritte draufzahlen zu müssen, das kann es nicht sein.“

Ende der Serie

Dr. Irmgard Bayer

*Bisher vorgestellte Bundesländer
Niederösterreich in klinik 2/2009
Oberösterreich in klinik 3/2009
Salzburg in klinik 5/2009
Wien in klinik 6/2009
Steiermark in klinik 1/2010
Burgenland in klinik 2/2010
Kärnten in klinik 4/2010
Tirol in klinik 2/2011

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