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klinik OP 04/10

Laparoskopie: Weniger Zugänge, kleinere Inzisionen

Eingebettet in den Gemeinschaftskongress der deutschen Gastroenterologen und Viszeralchirurgen in Stuttgart im September 2010 fand das 3-Länder-Treffen der laparoskopischen Chirurgen Österreichs, Deutschlands und der Schweiz statt. klinik OP sprach mit Univ.-Prof. Dr. Albert Tuchmann über die Highlights der Tagung, auf der neben der klassischen Laparoskopie auch Möglichkeiten und Grenzen von SILS und NOTES diskutiert wurden.

Während bei NOTES (natural orifice transluminal endoscopic surgery) der chirurgische Zugang über natürliche Körperöffnungen – in der Regel transvaginal – erfolgt, wird bei SILS (single incision laparoscopic surgery) über nur einen einzigen laparoskopischen Zugang gearbeitet. Tuchmann: „Interessant ist, dass führende Experten der Laparoskopie betonen, dass für den Patienten selbst gar nicht die gewählte Methode im Vordergrund steht, dieser beurteilt das Ergebnis lediglich nach dem Schmerz und dem subjektiven Empfinden. Und er will keine Folgeprobleme, z.B. Narbenhernien.“ Zu Narbenhernien kann es prinzipiell beim klassischen laparoskopischen Vorgehen und auch bei SILS kommen, nicht jedoch bei NOTES.

Kleinere Inzisionen – geringeres Narbenhernien-Risiko

Daneben kommen heute auch bereits verschiedene Zwischenformen zur Anwendung: Während bei pure NOTES der Zugang ausschließlich über natürliche Körperöffnungen erfolgt, wird bei hybrid NOTES, unterstützt durch 1–2 dünne Trokare von 3 bis max. 5 mm, durch die Bauchdecke gearbeitet. Diese kleinen Inzisionen machen jedoch keine Fasziennähte erforderlich. Tuchmann: „Man nimmt an, dass nur Zugänge ab 10–12 mm Beschwerden machen können.“
Ein weiterer Trend geht in Richtung Weiterentwicklung der klassischen laparoskopischen Chirurgie mit noch kleineren Zugängen: Diese werden als MILS (minimal invasive laparoscopic surgery) und MIS (minimal invasive surgery) bezeichnet. So werden beispielsweise bei der Galle ebenso 4 Zugänge verwendet, jedoch statt 2 x 10 mm nur 2 x 5 mm und 2 x 3 mm. Mittlerweile, so Tuchmann, sind bereits 1-mm-Optiken erhältlich.
Die Herausforderung besteht jedoch nach wie vor in der Präparatebergung. Tuchmann: „Eine durch Steine oder Entzündung große Gallenblase kann nicht über einen 5-mm-Zugang entfernt werden.“

Transvaginal. NOTES wird derzeit überwiegend transvaginal durchgeführt. Der Zugang über Magen oder Rectum wird derzeit noch intensiv beforscht. Das potenzielle Risiko gilt hier jedoch als größer als beim transvaginalen Zugang, weil ein Aufgehen des Verschlusses ja wie eine Magen- bzw. Darmperforation zu werten ist und einen lebensbedrohenden Zustand erzeugt.

SILS: Umlernen ist notwendig

Die Rationale für diese neuen Methoden liegt in der noch geringeren Invasivität, allerdings werden NOTES und insbesondere SILS als technisch schwierig bezeichnet und müssen als neue Methoden auch eigens erlernt werden. Im Gegensatz dazu ist beim minimierten Zugang mit noch kleineren Inzisionen keine andere Technik erforderlich, betont Tuchmann.

Beeindruckende Ergebnisse zu SILS wurden im Rahmen der Tagung von OA Dr. Walter Brunner vom Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, Salzburg präsentiert. „Diese Abteilung gilt als eines der Zentren mit den höchsten Fallzahlen und enormer Expertise“, so Tuchmann. Besonders beeindruckend waren die Daten zur Colon-Resektion. „Eine Konversionsrate von nur 0,5%, eine OP-Zeit von 136 Minunten und eine Narbenlänge von durchschnittlich 3,4 cm – das sind tolle Ergebnisse für eine Colon-OP!“ Viel Erfahrung mit SILS hat auch Dr. Carus aus Cuxhafen: Bei 100 SILS-Eingriffen kam es zu keiner einzigen Nabelhernie und zu keiner Nabelinfektion. Darunter sind auch 27 Colon-Operationen mit einer durchschnittlichen OP-Zeit von nur 114 Minuten. Diese Eingriffe waren jedoch ausschließlich Links- Resektionen, da man bei SILS, wie Tuchmann erläutert, nicht nähen kann (Hemikolektomie rechts).
Beeindruckende Ergebnisse zu NOTES wurden von Dr. Zerz (St. Gallen) vorgestellt, der nicht nur in der Gallenchirugie große Erfahrungen hat, sondern auch Sigma-Resektionen transvaginal durchführt.

Risken. Die Daten anderer deutscher Abteilungen waren wiederum weit weniger überzeugend. Die Vor- und Nachteile der neuen Methoden wurden daher bei der Tagung in Stuttgart durchaus kritisch diskutiert. So hat u.a. eine Berliner Gruppe bei 101 Fällen von 2 Gallengangsverletzungen berichtet, was sehr kritisiert wurde. Eine Komplikationsrate von 2% sei, so Tuchmann, auch für eine neue, technisch schwierige Methode wie SILS nicht tolerabel. Im Vergleich dazu zeigen Studien aus der Anfangszeit der Laparokopie Gallengangsverletzungen in gerade 0,34%. Heute liegt die Komplikationsrate im Promillebereich oder auch darunter, wie Tuchmann an Daten aus dem eigenen Haus zeigt: Bei etwa 10.000 laparoskopischen Eingriffen kam es zu 6 Gallengangsverletzungen.

Laparoskopie – Von den Anfängen zum Standard

Im Interview: Univ.-Prof. Dr. Albert Tuchmann, Vorstand der Chirurgischen Abteilung, KH Floridsdorf, Wien

In der Anfangszeit der Laparoskopie wurde häufig über die Lernkurve der Methode gesprochen. Sind laparoskopische Eingriffe heute generell Standard?
Univ.-Prof. Dr. Albert Tuchmann:
Dadurch, dass es v.a. die häufigen Operationen wie Hernien- und Gallenoperationen sind, die laparoskopisch durchgeführt werden können, kann die Methode heute als etabliert bezeichnet werden. Eine Lernkurve gibt es natürlich nach wie vor, aber die Laparos - kopie muss heute von allen in Ausbildung stehenden Chirurgen erlernt und letztlich beherrscht werden.

Welche Eingriffe werden heute standardmäßig laparoskopisch durchgeführt?
Die Galle wird heute praktisch ausschließlich laparoskopisch operiert, nur in seltenen Fällen wie z.B. einem Gallenblasenkarzinom offen chirurgisch oder als Umstiegsoperation. Bei den Hernien ist es unentschieden. An meiner Abteilung werden mehr als 50% laparoskopisch operiert, weil wir hier einen Schwerpunkt haben und das daher auch entsprechend nachgefragt wird. Prinzipiell können Hernien genauso gut auch offen operiert werden. Die Entscheidung ist hier individuell zu treffen. Anders ist die Situation bei Narbenbrüchen, die wesentlich schwieriger und aufgrund der hohen Netz-Preise auch teurer sind als Leistenbrüche. Sie werden erst seit kürzerer Zeit auch laparoskopisch operiert. Hier gibt es interessanterweise aber bereits Studien und Evidenz, dass der laparoskopische Zugang dem offenen überlegen ist.

Und wie steht es um die Appendektomie?
Auch diese Frage ist unentschieden, wird aber auch nicht mehr kontroversiell diskutiert, da bei einem schlanken Patienten der Schnitt bei offenem Vorgehen auch nur max. 2–3 cm lang ist. Vorteile hat die laparoskopische Appendektomie bei Adipösen, bei denen der Schnitt bei offenem Zugang relativ groß ausfallen müsste, bei Frauen insbesondere mit unklaren Unterbauchbeschwerden, weil beide Adnexe sehr gut eingesehen wer den, und bei Leistungssportlern, die damit schneller wieder belastbar sind.

Wie ist der Stand bei der Dickdarm-Chirurgie?
In der Dickdarm-Chirurgie sind beide Zugänge möglich. Bei gutartigen Erkrankungen wie Divertikulitis, Mb. Crohn, Colitis ulcerosa geht man sehr stark in Richtung Laparoskopie.

Wird die Laparoskopie bei Colon-Carcinomen noch kontroversiell diskutiert?
Auch in der Colon-Carcinom-Chirurgie gibt es bereits Evidenz, dass sie gleich gut ist wie die offene und dass es bei entsprechendem Vorgehen zu keiner eingriffsbedingten Aussaat von Tumorzellen insbesondere an den Trokarstellen kommt, wie anfangs befürchtet. Entscheidend ist, dass das Präparat nicht eröffnet wird, dass die Trokarstellen mit Wundrandschutzfolie geschützt werden. Wichtig ist die Expertise: Aber wenn diese vorhanden ist, können heute z. B. die gefäßnahen Lymphknoten (Arteria mesenterica inferior, Ligamentum hepatoduodenale) genauso laparoskopisch präpariert werden wie offen.

Die neuen Methoden NOTES und SILS gelten als schwierig. Die Schwierigkeit bei SILS liegt daran, dass über nur einen Zugang gearbeitet wird?
Bei SILS kann nicht mit parallelen Instrumenten gearbeitet werden, man braucht eine Triangulation, d.h. dass die Instrumente gekrümmt bzw. sogar übers Kreuz geführt werden müssen. SILS macht daher ein komplettes Umlernen erforderlich!

Was ist an NOTES schwieriger als an der klassischen laparoskopischen Chirurgie?
Auch bei NOTES ist ein gewisses Umlernen notwendig, erstens weil bei transvaginalem Zugang der Zugangsweg länger ist und zweitens weil der Einblick ein anderer ist. Die Übersichtlichkeit ist laparoskopisch besser.

Vielen Dank für das Gespräch!  

Susanne Hinger

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