klinik OP 02/11
Herzchirurgie: Kunstherz statt Transplantation
Vor 25 Jahren wurde das Wiener Kunstherz erstmals implantiert. Ursprünglich als Überbrückung bis zum Zeitpunkt einer Herztransplantation eingesetzt, ist ein Kunstherz mittlerweile auch eine dauerhafte Option für schwer herzkranke PatientInnen. Seit mehreren Jahrzehnten nimmt eine Forschungsgruppe der Medizinischen Universität Wien und der Ludwig-Boltzmann-Gesellschaft bei Innovationen auf dem Gebiet der Kunstherzen weltweit eine führende Rolle ein.
Nicht größer als ein Daumen ist eines der modernen Kunstherzen, mit denen die Wiener WissenschafterInnen arbeiten. Dieses wird in den linken Ventrikel des geschwächten Herzens eingesetzt und übernimmt den Großteil der Pumpleistung. „Das unterstützte Herz und der gesamte Organismus können sich so wieder erholen“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Georg Wieselthaler, Chirurg und klinischer Leiter des Kunstherzprogramms an der MedUni Wien, der sein Know-how seit 25 Jahren bei der Entwicklung von Kunstherzen einbringt. „So können wir auch schwer kranke und geschwächte Patienten auf eine Herztransplantation vorbereiten und den Zeitraum bis zur Transplantation überbrücken.“ Vormals todkranke Menschen können damit ein weitgehend normales Alltagsleben führen, moderaten Sport ausüben und oft auch an den Arbeitsplatz zurückkehren. Einzig an einer Batterietasche an der Hüfte erkennen Insider die KunstherzträgerInnen.
Mehr als Überbrückung: dauerhafte Therapieoption
Anfangs lediglich Überbrückung bis zur Transplantation wird das Kunstherz heute zunehmend zu einer dauerhaften Therapieoption. Prof. DI Dr. Heinrich Schima, technischer Leiter des Wiener Kunstherzprogramms, erläutert: „Wir haben Regelungssysteme entwickelt, die sich an den physiologischen Bedarf des Körpers anpassen, und es ist uns gelungen, die Wechselwirkung zwischen der verbleibenden Herzfunktion und dem Implantat kontinuierlich zu beobachten. In einer von uns geleiteten Multicenter-Studie untersuchen wir die Anwendungssicherheit und Benutzerfreundlichkeit dieser Systeme.“ Daneben werden auch Kanülen mit besonderer Blutschonung für zukünftige Systeme, die minimalinvasiv implantiert werden können, entwickelt.
Insgesamt hat sich das Überleben und die Lebensqualität dieser Patienten extrem verbessert. Während vor 10 Jahren eine Transplantation zwingend notwendig war, da weniger als 50% der PatientInnen zwei Jahre überlebten, liegt das Zweijahresüberleben in Wien derzeit bei 85% – das gilt weltweit als Spitzenwert.
Pionierleistungen in Wien
Aktuell sind 35 PatientInnen von den ExpertInnen der Medizinischen Universität Wien mit Kunstherzen versorgt. Insgesamt wurden hier bisher mehr als 300 derartige Implantationen durchgeführt, einige davon als Pionierleistungen: Der erste Einsatz des selbst entwickelten „New Vienna Heart“ 1986 war zugleich die erste erfolgreiche Überbrückung bis zu einer Transplantation in Europa. Das New Vienna Heart war mit einer pulsierenden Membran und Klappen einem Herzen nachempfunden und wurde als Totalherzersatz anstelle des Herzens implantiert. 1999 wurde in Wien weltweit erstmalig ein Patient mit einer Rotationsblutpumpe, die einen gleichmäßigen Blutfluss erzeugt, nach Hause entlassen. 2006 wurde in Wien weltweit erstmals eine Rotationsblutpumpe mit hydromagnetischer berührungsloser Lagerung implantiert. Die jüngsten Innovationen sind eine automatische Regelung, die die Pumpenleistung an den physiologischen Bedarf anpasst, und die Entwicklung einer Technologie, mit der die verbleibende Herzfunktion kontinuierlich überwacht werden kann.
Zusammenarbeit als Erfolgsfaktor
Als entscheidender Erfolgsfaktor wird die interdisziplinäre Zusammenarbeit gewertet. Der Ludwig-Boltzmann-Cluster für Kardiovaskuläre Forschung vereint PhysikerInnen (Zentrum für Medizinische Physik und Biomedizinische Technik), ChirurgInnen (Universitätsklinik für Chirurgie) und KardiologInnen (Universitätsklinik für Innere Medizin II und Wilhelminenspital), die sowohl in Grundlagenforschung als auch Klinischer Forschung zusammenarbeiten. Darüber hinaus kooperieren die ExpertInnen der MedUni Wien mit den weltweit führenden Zentren und Herstellern und sind federführend an den neuesten Entwicklungen beteiligt.
Susanne Hinger
(Quelle: Festsymposium 25 Jahre Kunstherz in Wien – 5 Jahre Ludwig-Boltzmann-Cluster für Kardiovaskuläre Forschung, 27. 5. 2011; Öffentlichkeitsarbeit MUW: Mag. Johannes Angerer und Ing. Klaus Dietl)
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