NephroScript 03/11
Focus: Therapie und Management der HIV-Infektion
Durch die moderne antiretrovirale Therapie
ist die HIV-Infektion zu einer gut behandelbaren Erkrankung geworden. Hier ein
Überblick über die Indikation zur Therapie, die Therapieziele und die
empfohlenen Strategien.
Die Hauptindikation der antiretroviralen Therapie (ART) stellt die Behandlung HIV-infizierter Patienten dar. Zusätzlich finden diese Medikamente auch in anderen Situationen Einsatz wie in der Prophylaxe der vertikalen Transmission (Mutter-Kind-Übertragung) oder in der postexpositionellen Prophylaxe nach beruflichen oder außerberuflichen Risikokontakten.
Highly Active
Antiretroviral Therapy (HAART)
Die ART der HIV-Infektion stellt immer eine Kombinationstherapie
aus mehreren Wirkstoffklassen dar, die als „highly active antiretroviral therapy“
(HAART) bezeichnet wird. Unter Monotherapien entstehen rasch Resistenzen, wie
die klinische Erfahrung mit der Behandlung mit Retrovir in den 1990er-Jahren
gezeigt hat. Die Zahl der antiretroviral wirksamen Medikamente ist in den letzten
2 Jahrzehnten massiv gestiegen (Tab. 1).
Die heute in der Klinik eingesetzten Substanzen gehören 4 Gruppen an:
- Nukleos(t)idische Reverse-Transkriptase-Inhibitoren (N(t)RTI), nicht
nukleosidische Reverse-Transkriptase- Inhibitoren (NNRTI),
- Proteaseinhibitoren (PI),
- Entry-Inhibitoren und
- Integraseinhibitoren
(INSTI).
Die Kombination mehrerer Substanzen derselben Wirkstoffklasse bzw. aus
verschiedenen Wirkstoffklassen in Koformulierungen hat durch Reduktion der
Pillenzahl die Einnahme der HAART für Patienten deutlich einfacher gemacht.
Nebenwirkungen: Die häufigsten Nebenwirkungen der HAART sind zu
Beginn der Therapie Übelkeit und Durchfall (PI mehr als NRTI), Hautausschläge
(NNRTI), Hypersensitivitätssyndrome (ABC, NVP), Schlafstörung, Schwindel (EFV),
Hyperbilirubinämie (ATV). Langfristige Nebenwirkungen bzw. Spätfolgen betreffen
das kardiovaskuläre System (erhöhtes KHK-Risiko: PI, ABC), den Stoffwechsel
(Insulinresistenz, Hyperlipidämie: PI), die Nierenfunktion (TDF) und den
Knochenstoffwechsel (TDF). N(t)RTI werden vor allem renal ausgeschieden und
ihre Dosierung muss an die Nierenfunktion angepasst werden, während PI
großteils über die Leber abgebaut werden. Interaktionspotenzial: Von besonderer Wichtigkeit bei multimorbiden Patienten, die
mehrerer Medikamente bedürfen, ist das Interaktionspotenzial der
antiretroviralen Substanzen untereinander als auch mit anderen Pharmaka. Alle NNRTI
und PI werden über Zytochrom P450 metabolisiert und stellen entweder Induktoren
oder Inhibitoren dieses Enzymsystems dar. Wegen der großen Komplexität der zu
erwartenden Interaktionen bieten Datenbanken einen schnellen und aktuellen
Überblick zur Wirksamkeit und Verträglichkeit von therapeutischen Kombinationen
(z. B. www.hiv-druginteractions.com, University of Liverpool). Relevante
Interaktionen und klinische Herausforderungen ergeben sich auch bei der
gleichzeitigen Gabe von Immunsuppressiva wie Cyclosporin A, wobei je nach
Zusammensetzung der ART viel geringere Dosierungen zu sehr hohen Spiegeln
führen können oder deutlich höhere Dosierung zur Aufrechterhaltung eines
therapeutischen Spiegels benötigt werden können (Abb. 1).
Hilfe bei unklaren Interaktionen kann das sogenannte Drug Monitoring bieten, d.
h. das Messen der Plasmaspiegel der potenziell interagierenden Substanzen.
Diese Maßnahme stellt keine Routineuntersuchung dar und ist nicht für alle
antiretroviralen Substanzen etabliert (PI, NNRTI), kann aber auch bei Patienten
mit Complianceproblemen, virologischem Versagen oder unklaren Resorptionsstörungen
(z. B. Diarrhö) hilfreich sein.
Therapiebeginn
Die aktuellen Richtlinien des Department of
Health and Human Services (DHHS) geben 3 gleichwertige Therapieregime für
therapienaive Patienten an, die alle aus einem „backbone“ zweier N(t)RTIs in
Kombination mit entweder einem NNRTI, einem PI oder einem Integraseinhibitor
bestehen (Abb. 2). Die Auswahl der einzelnen Kombinationen sollte
Patientencharakteristika wie Komorbiditäten und Komedikationen (mögliche
Interaktionen), Kinderwunsch (Teratogenität), Compliance und Lebensstil (einmal
tägliche Medikation, morgens oder abends etc.) berücksichtigen. Vor dem Beginn
einer ART ist die Durchführung eine Resistenztestung wichtig. Die Übertragung
resistenter Viren erfolgt zwar nach wie vor nur in einer Minderheit der Fälle
und ist in den letzten Jahren trotz des breiteren Einsatzes der HAART nicht weiter
angestiegen, sie erreicht aber für bestimmte Wirkstoffgruppen doch klinisch
relevante Werte (10–15% primäre Resistenzen, v. a. für NNRTI).
Selbstverständlich muss auch vor dem Einsatz von CCR5-Antagonisten eine
Tropismus-Bestimmung erfolgen, das heißt die Austestung des vom HI-Virus
verwendeten Korezeptors. Denn der Einsatz dieser Substanzen ist nur bei ausschließlich
CCR5-tropen Viren sinnvoll.
Derzeit stellt eine Kombination aus Tenofovir/Emtricitabin oder
Abacavir/Lamivudin die empfohlene „backbone“-Kombination dar. In Einzelfällen
können jedoch auch nicht in den Guidelines empfohlene Therapieregime einen
geeigneteren Therapieansatz darstellen.
Die Empfehlungen zum Zeitpunkt des Therapiebeginns haben sich in den letzten
Jahren mehrmals stark geändert. Während man in den Anfängen der HAART-Regime
(1995/96) für einen raschen bzw. sogar sofortigen Therapiebeginn plädierte,
wurde aufgrund schlechter Verträglichkeit und Resistenzentwicklungen in
weiterer Folge ein Zuwarten zur klinischen Progression oder einer CD4-Zellzahl
unter 200 Zellen/μl bevorzugt. Rezente Studien zeigten jedoch nun doch einen Vorteil
eines früheren Therapiebeginns, der durch verbesserte Verträglichkeit und
dauerhafte Wirksamkeit der aktuellen Kombinationspräparate auch praktikabel
ist. Verlässliche Erkenntnisse über Nutzen und Risiken eines frühen
Therapiebeginns erwartet man sich von einer derzeit laufenden Multicenterstudie
(STARTStudie), die randomisiert einen sofortigen Therapiebeginn bei Diagnosestellung
und einer CD4-Zellzahl > 500/μl versus einen Therapiebeginn bei Erreichen
der derzeit gültigen Richtwerte (im Allgemeinen < 350/μl, siehe unten)
vergleicht.
Indikation zur
Therapie Konsens über die
Sinnhaftigkeit einer antiretroviralen Therapie besteht zurzeit bei 1)
symptomatischen HIV-Patienten Stadium B und C (nach CDC) sowie bei 2)
asymptomatischen Patienten mit weniger als 350 CD4- Zellen/μl.
Bei Patienten mit 350–500 CD4-Zellen/μl
sollte bei Vorliegen von Komorbidität(en) wie einer Hepatitis-B- oder
-C-Koinfektion oder einer HIV-assoziierten Organpathologie (z. B. Nierenfunktionsstörung)
ein Therapiebeginn empfohlen, bei Risikofaktoren für eine beschleunigte
Progression (hohe Viruslast, rascher CD4-Zellabfall, Alter > 50 Jahre) oder
dem Vorliegen von erhöhtem kardiovaskulärem Risiko oder Malignomen eine Therapie
zumindest erwogen werden (Tab. 3). Einen
Sonderfall stellt die Behandlung von HIV-infizierten Schwangeren dar. Hier kann
die Therapie nicht nur in der mütterlichen Indikation, sondern auch in der
kindlichen Indikation (Vermeidung der vertikalen Transmission) begründet sein.
Besteht keine Indikation zur Behandlung der Mutter per se, so sollte eine ART
nach dem ersten Trimenon, spätestens jedoch in der 28. Schwangerschaftswoche
begonnen werden, um zum Zeitpunkt des größten Risikos einer vertikalen
Transmission – der Geburt – eine virologische Suppression erreicht zu haben.
Ziel der
antiretroviralen Therapie
Ziel der ART ist eine konstante Suppression der Virusreplikation und damit in weiterer Folge eine Immunrekonstitution (Wiederanstieg, Stabilisierung bzw. Normalisierung der CD4- Zellzahl). Regelmäßige Kontrollen des Therapieerfolgs und der Verträglichkeit sind indiziert. Das erreichbare Ausmaß der Immunrekonstitution sowie der Zeitrahmen, der zum Erreichen normaler CD4-Zellzahlen nötig ist, wird maßgeblich durch die CD4-Zellzahl zu Beginn der Therapie bzw. den CD4-Nadir (tiefster im Laufe der HIV-Infektion jemals gemessener CD4-Zellwert) bestimmt. Aber auch andere Faktoren wie das Patientenalter, die Dauer der Infektion, Koinfektionen und Komorbiditäten, aber auch noch nicht identifizierte Ursachen beeinflussen diesen Vorgang. Rezente Studien zeigen, dass es auch nach Normalisierung der CD4-Zellzahl im Blut nicht zu einer kompletten Wiederherstellung aller Immunfunktionen kommt und z. B. schon im Rahmen der akuten HIV-Infektion gesetzte Schäden im Bereich des lymphatischen Systems im Gastrointestinaltrakt (MALT) nicht mehr korrigiert werden können. Weiters bleiben, wenn auch im Vergleich zur unbehandelten HIV-Infektion geringer ausgeprägte Zeichen einer chronischen Immunaktivierung bestehen. Die im Rahmen der Immunrekonstitution wiedergewonnenen T-Zellen sind jedoch funktionstüchtig. Der beste Hinweis hierfür ist, dass gewöhnlich nach Überschreiten definierter CD4-Werte prophylaktische antimikrobielle Therapien abgesetzt werden können, die bei Patienten mit stark reduzierter CD4-Zellzahl zur Vermeidung von opportunistischen Infektionen (PCP, Toxoplasmose, MAC) gegeben werden müssen.
Nephro Spot
Mit keiner der derzeit vorhandenen Therapien ist eine Heilung der HIV-Infektion möglich. Grund dafür ist das sogenannte latente Reservoir – schlafende HI-Viren in ruhenden Immunzellen, die durch die ART nicht angegriffen und eliminiert werden können. Dieses Reservoir bleibt über viele Jahre stabil, setzt immer wieder in geringer (meist unter der Nachweisgrenze liegender) Menge Viren frei und wird bei kontinuierlicher erfolgreicher ART nur sehr langsam kleiner. Theoretische Berechnungen haben ergeben, dass dieses Reservoir erst etwa nach 70 Jahren Therapie eliminiert ist. Auch wenn die HIV-Infektion eine chronische Krankheit bleibt, so ist sie doch zu einer gut behandelbaren Erkrankung geworden. Der Erfolg der ART lässt sich deutlich an der gesteigerten Lebenserwartung der infizierten Personen zumindest in Ländern mit uneingeschränktem Zugang zu Therapie ablesen. Der immer größer werdende Anteil an älteren Patienten sowie die lange Krankheitsdauer stellen den Behandler allerdings vor neue Herausforderungen. Damit wird es auch immer wichtiger, die HIV-Infektion als Systemerkrankung mit Auswirkungen auf fast alle Organsysteme zu erkennen und rechtzeitig mit der Behandlung zu beginnen.
Priv.-Doz. Dr. Katharina Grabmeier-Pfistershammer
Klinische Abteilung für Immundermatologie
und Infektiöse Hautkrankheiten, Universitätsklinik für Dermatologie, Medizinische
Universität Wien
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