PharmAustria 02/11
Serie: Die Player im Gesundheitssystem: „Value for Money“
Univ.-Prof. Dr. Markus Müller ist Leiter der Univ.-Klinik für Klinische Pharmakologie an der Medizinischen Universität Wien am AKH Wien und Vorsitzender der Heilmittelevaluierungskommission. Pharmaneuentwicklungen bringen seiner Ansicht nach längst nicht immer einen echten medizinischen Fortschritt.
Als Mediziner und Forscher hat er eine Blitzkarriere hingelegt, in Sachen neue Medikamente ist er für ein gemäßigtes Tempo: Univ.-Prof. Dr. Markus Müller, 43 Jahre alt und schon seit 2002 Leiter der Univ.-Klinik für Klinische Pharmakologie am AKH in Wien, ist der aktuelle Vorsitzende der Heilmittelevaluierungskommission (HEK). In dieser Funktion ist er einer der wichtigen „Player“ im österreichischen Gesundheitssystem. In der HEK werden die Entscheidungen getroffen, ob Medikamente in den Erstattungskodex (EKO) aufgenommen werden oder nicht. Müller gehört diesem Gremium bereits seit seinem Amtsantritt als Leiter der Klinischen Pharmakologie an, wenn auch mit Unterbrechungen. Die HEK hat den Chefs der österreichischen Pharmaunternehmen in den vergangenen Jahren so manche Nuss aufgegeben. In den Augen der Industrie hinkt Österreich anderen europäischen Ländern hinterher, wenn es um die Erstattung neuester und daher meist teurer Medikamente geht. Müller steht zu dieser abwartenden Strategie: „Neu heißt nicht immer automatisch gut für den Patienten.“ Durch die vorsichtige österreichische Haltung blieb es dem hiesigen Gesundheitssystem erspart, tragische Fehleinschätzungen und mögliche Schäden für Patienten durch einen verfrühten Hype um Medikamente mitzumachen. Neu heißt zudem in den meisten Fällen auch „nicht gut“ für die Budgets der Krankenkassen. Es sei denn, dass dadurch – wie vor Jahren durch die Entdeckung des Helicobacter pylori und die entsprechenden Therapien – eindeutig weitere medizinische Kosten vermieden werden. „Die Industrie steht zunehmend unter Druck“, diagnostiziert Müller als Ursache, warum so oft auf hohes Tempo bei Neueinführungen gesetzt wird. Schuld sei ein sich seit etwa zehn Jahren manifestierender „productivity gap“ in der pharmazeutischen Industrie: „Heute werden um etwa 50 Prozent weniger neue Arzneimittel entwickelt als Mitte der 1990er-Jahre“, so Müller. Viele „low hanging fruits“ seien schon geerntet, gibt er die Einschätzung der wissenschaftlichen Community wieder. Echte Fortschritte seien in den letzten Jahren selten geworden, gleichzeitig sei die Kostenbelastung in der Entwicklung substanziell gestiegen.
Markus Müller wurde 1967 in Kärnten geboren, verbrachte aber bereits seine Gymnasiumsjahre am Theresianum in Wien. „Medizin hat mich schon immer interessiert“, erzählt er. Ein Vortrag des Nobelpreisträgers und Theresianisten Max Perutz, den dieser dort vor Schülern seines ehemaligen Gymnasiums hielt, beeindruckte ihn stark und weckte sein Interesse für die wissenschaftliche Arbeit. Der gebürtige Österreicher Perutz war damals Leiter des weltberühmten Labors für Molekularbiologie (LMB) in Cambridge/ GB. Sendungen im damaligen Fernsehen unter Wissenschaftsredakteur Franz Kreuzer taten ein Weiteres, um seine medizinisch-wissenschaftliche Neugier zu festigen: „Wirtschaft oder Management haben mich zu dieser Zeit nicht besonders interessiert.“
Zweifach habilitiert
Im Rahmen seines Studiums der Medizin begann er schon im zweiten Jahr während eines Aufenthalts in Lund in Schweden wissenschaftlich zu arbeiten. 1993, im Jahr seiner Promotion, wurden erste Arbeiten in wichtigen wissenschaftlichen Publikationen veröffentlicht. Die Promotion erfolgte „sub auspiciis“. Danach absolvierte Müller am AKH in Wien die Ausbildung zum Facharzt für Innere Medizin mit dem Zusatzfach Klinische Pharmakologie. Er habilitierte zweimal – in Klinischer Pharmakologie und in Innerer Medizin. 2000 und 2001 verbrachte er mit einem Schrödinger-Stipendium als „visiting professor“ an der Universität Florida. Nach seiner Rückkehr nach Wien 2002, nur neun Jahre nach seiner Promotion, übernahm Müller die Leitung der Univ.-Klinik für Klinische Pharmakologie an der MedUni Wien am AKH. Fühlt er sich mehr als Wissenschafter oder als Arzt? „Als beides“, lautet seine Antwort, „ich bin kein theoretischer Mediziner oder Laborforscher, sondern ausschließlich in der klinischen Forschung an Patienten und Probanden sowie als Arzt tätig.“ Seine Klinik verfügt über 15 Betten für Patienten und Probanden, die im Rahmen von klinischen Studien experimentelle Therapien erhalten. Müller betreibt keine Privatordination neben dem Primariat. Die aktuelle Entwicklung bei Pharma sieht Müller nüchtern. Vor zehn Jahren, so der Mediziner, herrschte nach der Entschlüsselung des menschlichen Genoms große Euphorie, Ansatzpunkte für neue Medikamente zu gewinnen. Die Ergebnisse waren bisher eher ernüchternd. In einigen Indikationsgebieten, so Müller, gebe es für die Pharmaindustrie heute „wahrscheinlich kaum mehr etwas zu gewinnen“. Adipositas, Krebs oder Alzheimer sind dagegen noch Hoffnungsgebiete.
„Die Entwicklung der HEK“, meint er, „ist ein Spiegelbild dieses Trends.“ Die meisten Anträge beträfen derzeit Generika, zwei Drittel aller Präparate im EKO sind bereits generische Präparate: „Kein Wunder, dass die Pharmaindustrie klagt.“ Der Kostendruck in allen Gesundheitssystemen habe dazu geführt, dass Neuzulassungen von den lokalen Behörden kritisch auf die Waage gelegt würden. Man müsse mit den vorhandenen Mitteln auskommen. Die Europäische Arzneimittelzulassungsbehörde EMA prüfe das Verhältnis von „risk“ und „benefit“ bei neuen Medikationen. Die beim Hauptverband ansässige HEK hingegen „value for money“ – und da komme es eben immer wieder zu abweichenden Einschätzungen. „Ich bin kein Angestellter der Sozialversicherung“, weist Müller aber zurück, das Geschäft des Hauptverbands zu betreiben, „ich wurde dort aufgrund meiner wissenschaftlichen und medizinischen Expertise als unabhängiger Vorsitzender bestellt.“ Dass in Frankreich oder Deutschland bisweilen weniger Druck auf die Preise der Hersteller gemacht werde, hänge damit zusammen, dass dort große nationale Pharmaunternehmen bestehen – oder bestanden. Die Preispolitik war unter anderem auch eine Art Wirtschaftsförderung für die lokale Industrie.
„Es gibt erstaunliche Verschreibungsmodi“, sagt Müller zur Untermauerung einer abwartenden Strategie. Die Modi änderten sich oft nach einigen Jahren, manchmal auch abrupt. „Wenn man vor zehn Jahren keine COX-2- Hemmer verschrieben hat, war man ‚out of fashion‘“, führt Müller als Beispiel an. Der Rückzug von Vioxx® brachte eine jähe Wende. Solche „fashions of treatment“ hat unter anderem auch das New English Journal of Medicine aufgezeigt. Männliche junge Ärzte in Tertiärzent - ren verschreiben demnach besonders gern „am Puls der Zeit“. Etwas ältere Ärzte in nicht-urbanen Praxen agieren deutlich konservativer. „Für den Patienten“, so Müller, „ist ein konservativer Ansatz oft besser als der gerade neueste Schrei der Mode.“ Der Industrie wirft er vor, ihre neuen Medikamente in Studien nicht immer gegen die passendsten Vergleichsmedikamente zu testen. Die Medizin bekomme dadurch oft nicht jene Medikamente, die sie brauche, sondern jene, die in die Strategie der Unternehmen passen. Seine Position in der HEK bezeichnet Müller in Summe als „sehr interessante Aufgabe, aber keine, über die ich mich als Mediziner definiere“.
Autorin: Dr. Irmgard Bayer
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