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PharmAustria 03/11

BioTrends: Biotech-VC-Investitionen steigen, aber die Zahl der Deals sinkt

Wenn man über Risikokapitalfinanzierungen im Life-Science-Sektor im 1. Quartal 2011 spricht, so kann man durchaus positiv anmerken, dass sich trotz der Risiken des noch immer eher unberechenbaren Finanzumfeldes im Allgemeinen und in der Branche im Speziellen die Investoren nicht aus Biotech zurückgezogen haben. Insgesamt gingen 1,4 Milliarden USD an Venture Capital in 164 Deals. Davon wurden 784 Mio. USD (+6%) in 85 Deals (-17%) im 1. Quartal in den Biotech-Bereich investiert. Das war insgesamt allerdings die niedrigste Anzahl von Biotech-Deals seit dem 2. Quartal 2003.*

Neuer Kooperationstrend VC Big Pharma

Ein neuer Trend, der sich abzeichnet, betrifft Kooperationen zwischen Venture-Capital-Firmen, die in den letzten Jahren nicht gerade von guten Returns begünstigt wurden, und Big Pharma, wo man in den letzten Jahren zum Teil verzweifelt nach neuen, innovativen Drug Targets gesucht hat. Als prominentes Beispiel für eine solche Kooperation hat die Firma Eli Lilly vor Kurzem bekannt gegeben, bis zu 150 Mio. USD in drei externe Venture-Capital-Fonds zu investieren. Einer dieser Fonds, der namentlich genannt wurde, ist CMEA Capital in San Francisco. Die Idee hinter diesem Deal: Lilly erwirbt dadurch die Option, innovative Arzneistoffe, die aus diesen Fonds gespeist werden, frühzeitig einzukaufen.

BioTrends International

Trend Personalisierte Medizin

Ein weiterer Trend betrifft den Bereich der Targeted Therapies, in erster Linie in der Onkologie. Nach Roches Herceptin® drängen neue Substanzen auf den Markt, die es – auf der Biologie des Tumors basierend – auf dessen molekulare und genetische Eigenschaften abgesehen haben und weniger auf die Lokalisation des Tumors. Dazu zählt beispielsweise Pfizer’s Crizotinib für Patienten mit Lungenkarzinom, welches das ALK (Anaplastic Lymphoma Kinase)-Gen exprimiert. Dieses Gen spielt in 3–5% aller Bronchuskarzinom-Fälle eine Rolle. Oder der von Exelixis entwickelte Wirkstoff Cabozantinib („Cabo“), der zielgerichtet Tumoren der Prostata, der Leber und der Eierstöcke angreift, die das MET-Gen exprimieren.

Große Hoffnung Epigenetics

Seit Kurzem beschäftigen sich Pharmafirmen wie GSK, Eli Lilly oder Novartis mit Epigenomics, der Wissenschaft, welche die Reprogrammierung veränderter DNA, die Zellen kanzerös macht, untersucht. Das Epigenom stellt die molekulare Maschinerie von Zellen durch das Ein- und Ausschalten gewisser Gene dar, welche in weiterer Folge die Produktion von Proteinen mit zentralen Lebensfunktionen veranlassen.
Celgene hat mit seinem epigenetischen Medikament Vidaza®, das bei Leukämien zum Einsatz kommt, im letzten Jahr weltweit 534 Mio. USD eingenommen. Einen ähnlichen Ansatz haben drei weitere Medikamente gegen Blutkrebs von Eisai, Merck und Celgene verfolgt, die alle bereits zugelassen wurden. Mittlerweile sind auch für die großen Tumorentitäten wie Brust, Lunge und Prostata bei vielen großen Pharmafirmen Entwicklungsprogramme im Bereich Epigenomics am Laufen.

Circassia schließt Rekord-Risikokapitalrunde ab

Mit 98 Mio. USD landet die in Oxford, UK, beheimatete Biotech-Firma Circassia einen der größten Venture-Capital-Deals des Jahres 2011. Die neue Finanzierungsrunde soll die Durchführung der Phase-III-Programme für ihre T-Zell-Impfstoffe gegen Katzenhaar- und Ragweedallergie ermöglichen. Circassia wurde erst 2006 gegründet und hat sich auf neue Wege in der Down-Regulierung des menschlichen Immunsystems spezialisiert. Weitere Entwicklungskandidaten gegen Gräser- und Hausstaubmilbenallergien befinden sich in Phase II. Als Nächstes ist eine Ausweitung des Portfolios in Richtung Autoimmunerkrankungen wie Psoriasis geplant.

Nestlé kauft Prometheus Labs für 1,4 Milliarden USD

Nestlé ist eifrig bemüht, seine Healthcare Division zu stärken, die es sich zum Ziel gesetzt hat, seine Diagnostik-, Pharma- und Nutrition-Sparte in einem Profitcenter zu verschmelzen. Damit kommt der Kauf der in San Diego, USA, beheimateten Diagnostikfirma Prometheus Laboratories für geschätzte 1,4 Milliarden USD gerade zum richtigen Zeitpunkt. Das deckt sich auch mit Nestlés Plänen, personalisierte Ernährungsstrategien zu entwickeln, die im Management und in der Prävention von chronischen Erkrankungen eine Rolle spielen. Mit dem Kauf von Prometheus setzt Nestlé seine strategische Ausrichtung im Bereich der Entwicklung gastrointestinaler Diagnostika fort.

sanofi-aventis beendet Diabetes-Deal

Vor weniger als einem Jahr hat sich sanofi-aventis entschlossen, mit der Firma Metabolex für die First-in-Class-Substanz MBX-2982, einem oral aktiven GPR-119-Agonisten zur Behandlung von Typ-II-Diabetes, zu kooperieren. Der Gesamtdeal hatte einen Wert von bis zu 375 Mio. USD in Meilensteinzahlungen. Jetzt hat man bei sanofi-aventis nach Einsicht in die Phase-II-Daten beschlossen, die Partnerschaft zu beenden. Laut Metabolex hätten sich in der Studie aber keinerlei Bedenken hinsichtlich Sicherheit und Wirksamkeit gezeigt. Metabolex wird nun entscheiden, ob man selbst weitere Studien initiieren oder nach einem neuen Kooperationspartner suchen wird.

BioTrends Austria

f-star erhält frisches Kapital in Höhe von 15 Mio. Euro

Für seine moduläre Antikörpertechnologie- Plattform erhält f-star frisches Risikokapital. Der VC-Arm von GSK, SR One, führte als neuer Investor das VC-Konsortium aus namhaften (strategischen) Venture-Capital-Firmen für die neue Finanzierungsrunde an. Die Finanzierung soll die Durchführung von IND-Studien bis zur Klinik sicherstellen. F-star verwendet die Plattform zur Herstellung kleinerer Antikörper, genannt Fca, sowie von vollen Antikörpern mit zusätzlicher Funktionalität oder Biospezifität (mAb2). Obwohl die Firma erst fünf Jahre alt ist, hat sie schon einen Big-Pharma-Partner sowie einen großen Entwicklungsdeal abgeschlossen. Im letzten Jahr stimmte Boehringer Ingelheim zu, bis zu 1,7 Milliarden USD für sieben verschiedene therapeutische Antikörperprogramme zu zahlen. f-star beschäftigt derzeit 23 Mitarbeiter und hat seit der Gründung 49 Millionen USD aufgestellt.

Blockbuster-Kandidat von Intercell „on hold“

Keine so guten Nachrichten gibt es von Intercell. Das Unternehmen musste eine Phase- II/III-Studie mit dem Impfstoffkandidaten V710, dem Blockbuster-Status zugeschrieben wird, vorerst unterbrechen. Der Impfstoff wurde gemeinsam mit Partner Merck & Co als Schutz vor Infektionen mit Staphylococcus aureus getestet. Ein unabhängiges Expertengremium hatte geraten, vorläufig keine weiteren Studienteilnehmer zu rekrutieren und stattdessen eine weitergehende Nutzen- Risiko-Analyse abzuwarten. Diese Nachricht führte zu einem Aktieneinbruch um 30%.

AFFiRiS beteiligt sich an Christian-Doppler-Labor

Die AFFiRiS AG ist der industrielle Partner des neu gegründeten Christian-Doppler (CD)-Labors für kardiometabolische Immuntherapie an der Medizinischen Universität Wien. Ziel des CD-Labors ist es, Grundlagen für eine Impfung gegen Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu erarbeiten. Dafür stellt AFFiRiS dem CD-Labor auch die Nutzung seiner bewährten AFFITOM®-Technologie zur Verfügung. Das auf sieben Jahre angelegte CD-Labor wird aus Mitteln der öffentlichen Hand sowie durch ein Investment von AFFiRiS finanziert.

Nabriva: Erstes Antibiotikum stellt Wirksamkeit unter Beweis

Das ehemalige Spin-off von Sandoz entwickelt ein Pleuromutilin-Antibiotikum mit dem Namen BC-3781 und wurde kürzlich in einer zweiarmigen, doppelblinden Studie mit dem bisherigen Therapiestandard Vancomycin verglichen. Dabei zeigte es sich ähnlich gut wirksam und verträglich wie Vancomycin. Damit könnte BC-3781 künftig als Reserveantibiotikum zum Einsatz kommen. Phase-III-Studien werden in Kürze bei bakteriellen Haut- und Weichteilinfektionen sowie für hospitalisierte Lungenentzündungen in oraler und intravenöser Form gestartet.
Mehr über die Nabriva Therapeutics AG lesen Sie im anschließenden Interview mit Ralf Schmid, CFO Nabriva.

Autorin: Dr. Alexandra Gruber

* MoneyTree Report von PricewaterhouseCoopers, NVCA und Thomson Reuters

Auf der Suche nach neuen Antibiotika gegen multiresistente Keime

Dr. Alexandra C. Gruber im Gespräch mit Ralf Schmid, CFO Nabriva Therapeutics AG

Nabriva wurde im Jahr 2006 als Spin-off der Sandoz GmbH gegründet und beschäftigt sich mit einer neuen Klasse von Antibiotika, den so genannten Pleuromutilinen. Die Einzigartigkeit dieser antimikrobiellen Substanzklasse beruht auf der Wechselwirkung mit der bakteriellen Proteinsynthese durch spezifische Interaktion mit der 23S rRNA der 50S bakteriellen Ribosomen-Untereinheit. Die Substanzen zeigen ein genau definiertes antibakterielles Profil und weisen gleichzeitig keinerlei Kreuzreaktivitäten mit anderen Antibiotikaklassen auf.
Nabriva hat vor Kurzem seine Phase-II-Studie bei bakteriellen Haut- und Weichteilinfektionen erfolgreich abgeschlossen und tritt nun in eine spannende nächste Phase der Geschäfts- und Produktentwicklung ein.

PHARMAustria: Welchen therapeutischen Ansatz verfolgt Ihr Unternehmen?
SCHMID:
Wir entwickeln eine besondere Klasse von Antibiotika, die sich Pleuromutiline nennen. Es ist bisher nur ein topisch angewendetes Produkt dieser Klasse von GSK auf dem Markt. Unser Wirkstoff BC-3781 hat sich jetzt gerade in einer Phase-II-Studie als hochwirksam gegen multiresistente Keime (wie z.B. MRSA) bei schweren Hautkrankheiten bei gleichzeitig guter Verträglichkeit unter i.v.-Applikation erwiesen. Gleichzeitig haben wir gute klinische Phase-I-Ergebnisse für die orale Anwendung sowie beim Einsatz bei schweren Lungenkrankheiten vorzuweisen.

Welche Strategie verfolgt Nabriva in Bezug auf strategische Partnerschaften?
Nach erfolgreichem Abschluss unserer Phase- II-Studie ist für uns jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen, um mit Pharmafirmen Gespräche über die weitere Entwicklung der Substanz in die Phase III und danach in Richtung Zulassung und Kommerzialisierung zu führen. Dafür gibt es die verschiedensten Modelle, wie z.B. Co-Development oder regionale bzw. globale Lizenzdeals.

War es schwierig, eine Finanzierung für die Firma aufzustellen?
Als wir damals den Spin-off der Forschungseinheit von Sandoz vorbereitet haben, haben wir, was die Qualität unseres Personals und unserer IP betraf, sicher davon profitiert, dass wir aus einem großen Pharmakonzern stammen. Zudem es im Biotech-Bereich ja auch schon andere Erfolg versprechende Beispiele für Pharma-Spin-offs, wie etwa Basilea oder Novexel, gegeben hat. Letztendlich war jedoch das Vertrauen in die Wirkstoffklasse und in die Qualität unseres Teams ausschlaggebend, dass wir Anfang 2006 eine der größten damaligen Serie-A-Finanzierungsrunden in Europa in Höhe von 42 Mio. Euro durch ein internationales Investorenkonsortium aufstellen konnten. Dieselbe Investorengruppe hat dann nochmals im Herbst 2009 weitere 15 Mio. Euro investiert. Dazu kam die tatkräftige Unterstützung durch österreichische Fördermittel (v.a. auf Kreditbasis) von AWS, FFG und ZIT. Alle diese Mittel haben uns sehr geholfen, unsere Lead-Substanz so rasch so weit zu entwickeln.

Wo sehen Sie Ihr Unternehmen in fünf Jahren?
Wir hoffen, dass dann unser erstes Produkt bereits am Markt ist und sich zusätzlich weitere interessante Pleuromutilin-Wirkstoffe in fortgeschrittenem Stadium der Entwicklung befinden. Gleichzeitig hoffe ich, dass wir bis dahin auch einen oder mehrere strategische Partner für unser Unternehmen gewinnen konnten. In welche Richtung diese Partnerschaften genau gehen werden, ist zum jetzigen Zeitpunkt allerdings nicht im Detail zu beantworten.

Wie groß ist aus Ihrer Sicht ganz allgemein die Bedeutung der wissenschaftlichen Forschung von Biotech-Start-ups für „Big Pharma“?
Es treffen hier zwei vollkommen unterschiedliche Modelle aufeinander, die sich gegenseitig befruchten können. Die Vorteile von kleinen Biotech-Unternehmen liegen sicher in den kurzen Entscheidungswegen und der flachen Organisationsstruktur, die es in vielen Fällen ermöglicht, Entwicklungen rascher voranzutreiben. Die Frage ist dann immer, wann der richtige Zeitpunkt für eine Partnerschaft bzw. Übergabe gekommen ist, und hier muss sicherlich jedes Unternehmen die für sich richtige Antwort finden. Klar ist, dass die Stärke von Big Pharma aufgrund ihrer Größe in der Durchführung großer Studien sowie in der Bereitstellung der für die Markteinführung notwendigen Distributionswege und der erforderlichen Logistik wie auch des Marketings liegt.

Wie schätzen Sie abschließend die österreichische Biotech-Landschaft ein?
Es ist aus meiner Sicht eine sehr lebendige Szene, nicht zuletzt deshalb, weil der Standort Wien in den letzten Jahren gut gefördert wurde und es hier ein klares Bekenntnis zu Biotech zu geben scheint. Die Fördermöglichkeiten sind sehr gut, aber auch die Vernetzung, die durch Organisationen wie LISA* forciert wird, trägt einiges zur Interaktion zwischen den Unternehmen am Standort bei.

* Life Science Austria

 

Ralf Schmid ist seit Juni 2006 Chief Financial Officer (CFO) von Nabriva. Zuvor begleitete er in seiner Funktion als Head Treasury and Finance Coordination bei Sandoz GmbH den Spin-off von Nabriva. Ralf Schmid absolvierte ein Diplomstudium in Volkswirtschaft und hat seit 15 Jahren weit reichende Finanzerfahrung in verschiedenen Branchen und europäischen Ländern gesammelt, v.a. im Bereich M&A und Deal-Strukturierung.

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