Die Kongress-Höhepunkte

Jump to Content

Content

Spectrum Dermatologie 01/09

Die Kongress-Höhepunkte

Aktuelle Forschungsergebnisse, innovative Präventions- und Therapiestrategien sowie bahnbrechende Möglichkeiten der Früherkennung und Behandlung von Hautkrebs wurden beim 7th World Congress on Melanoma/5th Congress of the European Association of Dermato-Oncology (EADO) präsentiert. Mehr als 1.500 Teilnehmer aus aller Welt hatten Gelegenheit, sich über alle Bereiche des „State of the Art" zum Thema Hautkrebs zu informieren und mit den führenden Experten zu diskutieren. Während die Gefährlichkeit des Melanoms nicht zuletzt aufgrund von Aufklärungskampagnen wie „Sonne ohne Reue" der breiten Bevölkerung bekannt ist, wird die Bedeutung des „hellen Hautkrebs" häufig unterschätzt.

Mehr als 600 wissenschaftliche Beiträge, 12 Plenarvorträge, 29 Symposien und 32 Sitzungen mit Freien Vorträgen mit 1.500 Teilnehmern - das sind die Eckdaten zum Weltkongress Hautkrebs, der vom 12. bis zum 16. Mai 2009 in der Wiener Hofburg stattfand. Beim weltweit größten Kongress zu diesem Thema treffen die führenden Wissenschafter und Kliniker auf dem Gebiet der Dermatoonkologie aus aller Welt zusammen. Organisiert wurde die Tagung von Hubert Pehamberger und Rainer Kunstfeld von der Universitätsklinik für Dermatologie, Medizinische Universität Wien.

Inzidenz von Hautkrebs steigt dramatisch

Die Zahl der Menschen, die weltweit an Hautkrebs erkranken, steigt kontinuierlich an. Melanome, verschiedene Formen des „hellen Hautkrebs" und andere bösartige Hauttumoren sind mittlerweile die häufigste Krebsform bei Menschen überhaupt geworden. Die Tendenz ist steigend. 1935 war die Wahrscheinlichkeit, an Hautkrebs zu erkranken, 1 : 1.500, heute beträgt das Risiko 1 : 50. Aus diesem Grund wurde beim Weltkongress Hautkrebs ein Schwerpunkt auf die Früherkennung von malignen Tumoren gelegt.

Besser Früherkennung durch Dermoskopie

Der zentrale Faktor für die Prognose eines Hautkrebs-Patienten ist der Zeitpunkt, wann die bösartige Entwicklung erkannt wird. „Eigentlich dürfte heute kein Mensch mehr an Hautkrebs sterben, denn alle Formen können in einem sehr frühen Stadium erkannt werden, wenn mit der entsprechenden Expertise untersucht wird", so Kongresspräsident Hubert Pehamberger. Deshalb war die Dermoskopie, eine Technologie, die an der Wiener Universitätsklinik für Dermatologie ganz wesentlich mitentwickelt wurde und heute eine unverzichtbare Technik zur Früherkennung von Hautkrebs darstellt, Gegenstand eines eintägigen Kurses. Die Besucher hatten die Möglichkeit, unter der Leitung von Harald Kittler und Michael Binder (beide Universitätsklinik für Dermatologie, Medizinische Universität Wien) ihre Kenntnisse auf dem Gebiet der Dermoskopie zu verbessern. Die Teilnehmer hatten ausreichend Gelegenheit, mit den weltweit führenden Experten der Melanom-Früherkennung die verschiedenen Aspekte der Dermoskopie zu beleuchteten und schwierige Läsionen zu diskutieren.

Innovative Technologien gewinnen an Bedeutung

Basierend auf der Dermoskopie erlauben neueste Weiterentwicklungen wie Video-Dermoskopie und Tele-Dermoskopie eine präzisere und effiziente Diagnostik. Die Tele-Dermoskopie ermöglicht die Einholung einer „Second Opinion" durch einen Spezialisten innerhalb kurzer Zeit auch über große Distanzen. Michael Binder, Dermatologe an der Universitätsklinik in Wien und Pionier der Telemedizin, zeigte anhand aktueller Studien, dass mittels Tele-Dermoskopie fast die gleiche Genauigkeit erzielt werden kann wie durch direkte Patientenuntersuchung durch Spezialisten.

Studien zeigen die Bedeutung von Screeninguntersuchungen

Trotz der immer präziseren Diagnosemethoden sorgt nach wie vor die Frage, ob die systematische Untersuchung bestimmter Bevölkerungsgruppen („Screenings") einen positiven Beitrag zur Vermeidung von Melanomen bringen kann, für Debatten in der Fachwelt und Gesundheitspolitik. Auf dem Kongress präsentierte Ergebnisse sprechen für den Nutzen solcher Maßnahmen: So wurden die Daten der in Deutschland durchgeführten Pilotprojekte zu einem flächendeckenden Hautkrebs-Screening vorgestellt. Im Pilotversuch in Norddeutschland wurden insgesamt mehr als 360.000 Menschen von Dermatologen, Allgemeinmedizinern, Gynäkologen und Chirurgen, die für das Projekt einen speziellen Kurs absolviert hatten, untersucht. Fazit: Die Mediziner entdeckten 568 Melanome und 2.520 Fälle von „hellem" Hautkrebs.
Als besonderer Erfolg wird die Tatsache gewertet, dass viele Melanome in einem sehr frühen Stadium entdeckt wurden, zu einem Zeitpunkt also, zu dem diese Krebsform noch signifikant bessere Heilungschancen hat. Die Bedeutung dieser Ergebnisse wurde jedenfalls als so groß eingeschätzt, dass die deutsche Bundesregierung jetzt das Screeningprogramm, zunächst auf drei Jahre befristet, auf ganz Deutschland ausweitet. Die Experten beim Kongress waren sich einig, dass ein solches Programm auch für andere Länder zielführend wäre.

Sonnenlicht: Zentraler Faktor in der Pathogenese von Hautkrebs

Sonne ist nicht gleich Sonne: Spitzenbelastungen steigern das Melanomrisiko, Dauerbelastung erhöht die Gefahr für „hellen" Hautkrebs.
Bei so gut wie allen Hautkrebsformen spielt die Sonne eine wesentliche Rolle. Doch nicht immer in gleicher Weise, wie Studien zeigen, die jetzt auf dem Wiener Hautkrebskongress präsentiert werden. Regelmäßiges Arbeiten in der Sonne dürfte eher anfällig für den „hellen" Hautkrebs machen, während das „Sonnenanbeten" am Strand eher das Melanom fördert. „Beim Melanom ist es offenbar weniger der chronische Kontakt mit der Sonne, sondern die so genannte intermittierende Exposition gegenüber hohen UV-Dosen, wie sie etwa beim Urlaub im Süden der Fall ist", erklärt Kongresspräsident Pehamberger die neuen Erkenntnisse. „Wer bereits im Kindesalter solchen geballten Sonnenbelastungen ausgesetzt ist, steigert das Melanom-Risiko noch mehr." Beim „hellen" Hautkrebs hingegen dürfte es vor allem langjährige, regelmäßige Sonnenbelastung sein, die der Haut gefährlichen Schaden zufügt - etwa bei Menschen, die viel im Freien arbeiten.

Neue Daten: Sonnencremen schützen vor Sonnenbrand, nicht vor Krebs

Nur mit schützender Kleidung in die Sonne gehen, die Mittagssonne meiden, generell eher den Schatten bevorzugen - das gehört zu den immer aktuellen Empfehlungen zum Sonnenschutz, ebenso wie der Tipp, unbedeckte Körperstellen mit Sonnencremen zu schützen. Wer sich allerdings durch Sonnencremen mit hohem Lichtschutzfaktor vor einem erhöhten Hautkrebsrisiko verschont glaubt, könnte sich in trügerischer Sicherheit wiegen. Denn eine Reihe von Studien, die auf dem internationalen Hautkrebskongress in Wien präsentiert werden, zeigen: Sonnencremes schützen vor Sonnenbrand, nicht aber vor Hautkrebs.

Sonne ohne Reue: Vernünftiger Umgang mit Sonne ist entscheidend

„Die durch UV-Strahlen bedingten Gen-Schäden in der Haut entstehen bereits lange bevor ein Sonnenbrand beginnt", sagt dazu Kongresspräsident Pehamberger. „Jedenfalls gilt diese Einsicht für das Melanom und das Basalzellkarzinom. Es gibt in Studien leichte Hinweise, dass Sonnenschutzmittel einen gewissen Schutz vor Plattenepithelkarzinomen bieten könnten."

Mit ein Grund für den fehlenden Krebsschutz könnte sein, dass sich viele Menschen in trügerischer Sicherheit wiegen, wenn sie eingecremt sind - und daher viel länger in der Sonnen bleiben als ihnen trotzt Lichtschutzfaktor gut tut. Pehamberger, der bereits vor 20 Jahren die Aktion „Sonne ohne Reue" ins Leben gerufen hat: „Daher sollten Sonnencremen nicht dazu genutzt werden, den Aufenthalt in der Sonne auszudehnen."

Regelmäßige Solariumbesuche: Gesteigertes Hautkrebsrisiko

Aktuelle Studien, die auf dem internationalen Hautkrebskongress in der Wiener Hofburg präsentiert werden, zeigen: Die beliebte Sonnenbräune aus dem Solarium kann sich als äußerst ungesund erweisen und erhöht das Risiko, an einem bösartigen „Melanom" zu erkranken. So belegt eine Studie aus Minneapolis einen deutlichen Zusammenhang zwischen häufigen Sonnenstudiobesuchen und erhöhtem Melanom-Risiko. Besonders gesteigert war das Risiko bei Menschen, die Solarien mit hoher Intensität (viel UV-B) oder Solarien mit Hochdrucktechnik (viel UV-A) benutzten. Ähnliche Einsichten liefert eine in vier Ländern durchführte Studie, die mehr als 100.000 Frauen untersuchte: Für Solariumbesucherinnen zwischen 20 und 49 Jahren war das Risiko, an einem Melanom zu erkranken, um 50 bis 60 Prozent höher als für Frauen, die nicht ins Sonnenstudio gehen. Eine regelmäßige Nutzung der Sonnenbank vor dem 35. Lebensjahr erhöht das Risiko nochmals deutlich, zeigte die transnationale Studie. Basierend auf diesen Daten muss dringend überlegt werden, wie man Jugendliche besser vor diesen Gefahren schützen kann.

Melanom-Entstehung: Genetische Faktoren identifiziert

Das Melanom entsteht - so wie andere Tumoren auch - durch eine Anhäufung genetischer Veränderungen in der Zelle. Diese Mutationen können beim Menschen über Umwelteinflüsse wie starke Sonnenlichtexposition hervorgerufen werden oder aber bereits in der Keimbahn festgelegt sein. Hensin Tsao (Harvard Medical School, Boston, USA) erklärt in seinem Vortrag „Melanoma Genetics" in der bis auf den letzten Platz gefüllten Hofburg dem Auditorium die Details: Auf dem Chromosom 9 befindet sich das so genannte CDKN2A-Gen. Dieses Gen, das für die Entstehung des familiären Melanoms prädisponiert, ist für die Bildung von 2 unterschiedlichen Proteinen verantwortlich: Eines davon ist das Protein p16, ein „Wächterprotein", das verhindern soll, dass sich Pigmentzellen zu schnell teilen, wie es z.B. der Fall ist, wenn die Haut einer übermäßigen Sonnenbestrahlung ausgesetzt ist. Wenn hier eine Genmutation vorliegt, wird zu wenig p16 produziert, und die Zellteilung läuft ungebremst weiter. Menschen, die diese Mutation in sich tragen, entwickeln vermehrt vergrößerte Muttermale und haben ein signifikant höheres Risiko, ein Melanom zu entwickeln, verglichen mit Menschen, die diese Mutation nicht aufweisen. Für Menschen mit nachgewiesener Mutation in diesem Gen ist es besonders wichtig, sich vor UV-Licht zu schützen und sich engmaschigen dermatologischen Kontrollen zu unterziehen. Aber auch für Menschen, die diese Mutation nicht tragen, ist ein über das gesunde Maß hinausgehende UV-Exposition gefährlich. „Wir gehen heute davon aus", so die Epidemiologin und Biostatistikerin Julia Newton-Bishop (University Leeds, United Kingdom) in einem ihrer Vorträge, „dass das Sonnenlicht unterschiedliche Gene schädigt." Eines dieser Gene ist das BRAF-Gen, vergleichbar mit einem „Kontrollschalter von Zellwachstum und Zellteilung". Wird dieses Gen geschädigt, so wird die Zellteilung beschleunigt. BRAF weist bei zwei Drittel aller Menschen, die an einem Melanom erkrankt sind, eine Mutation auf. In dieser mutierten Form bleibt das Gen permanent „eingeschaltet", und es kommt zur unkontrollierten Zellteilung. Meenhard Herlyn (Wistar Institute, Philadelphia, USA) zeigte in seinem faszinierenden Vortrag über „Targeted Therapies", wie man das BRAF-Gen als therapeutisches Ziel verwenden kann. Herlyn und seinen Kooperationspartner ist es bereits gelungen, mit innovativen Substanzen das mutierte BRAF-Gen zielgerichtet zu hemmen und sieht in diesem Ansatz ein großes therapeutisches Potenzial für die Zukunft. Zusätzlich wurde von Herlyn und anderen Vortragenden auch auf die zunehmende Bedeutung von Veränderungen in anderen Proteinen und Signalwegen, wie AKT, c-Kit oder CDK4 hingewiesen, die als zukünftige therapeutische Ziele Bedeutung erlangen werden. Einen anderen Weg der Behandlung ist man an der Universitätsklinik für Dermatologie in Wien gegangen. Kaan Harmankaya konnte die Ergebnisse einer großen internationalen Studie (Phase II) mit einem neuartigen molekularen Antikörper „Ipilimumab" bei Menschen mit fortgeschrittenem metastasierten Melanom im Rahmen des Kongresses präsentieren. Es konnte gezeigt werden, dass in einer Reihe von Fällen überaus vielversprechende Ergebnisse erzielt werden konnten, was nicht nur zu einem Krankheitsstopp, sondern sogar zu einer Rückbildung bestehender Metastasen geführt hat.
Beim Verständnis der molekularen Mechanismen ist man bei einem anderen Therapieansatz einen wesentlichen Schritt weiter. Mittels einer Gentherapie durch Blockade des TumorpromotorGens Bcl2 mittels „Antisense-Oligonukleotiden" kann die Empfindlichkeit gegenüber Chemotherapien wesentlich erhöht werden. Die bisher größte internationale Studie zu diesem Thema, wurde an der Universitätsklinik für Dermatologie in Wien durchgeführt. Die bisherigen Ergebnisse weisen klar auf eine erhöhte Ansprechrate und Verlängerung des rezidivfreien Intervalls bei fortgeschrittener Melanom-Erkrankung hin.
Zusätzlich zeigte sich ein möglicher Einfluss dieser gezielten Therapie auf das Gesamtüberleben bei Patienten mit niedriger Serum-Laktat-Dehydrogenase. Dieser Ansatz wurde in einer Folgestudie überprüft und befindet sich derzeit in Auswertung.

Herausforderungen der Melanomtherapie

Die meisten Experten am Weltkongress bezweifeln, dass es in Zukunft möglich sein wird, durch eine einzelne Substanz bei allen Melanom-Patienten die Erkrankungen dauerhaft heilen. Grund für diese Skepsis ist unsere Kenntnis über die Heterogenität des Tumors, der das Melanom so therapieresistent macht. Nicht jedes Melanom entwickelt sich aus den gleichen Zellen, und selbst innerhalb eines Melanoms sind nicht alle malignen Zellen ident, sondern entstehen aus verschiedenen Zellpopulationen. Darüber hinaus verfügt das Melanom über eine enorme Vielfalt an Reparaturgenen, die es dem Tumor ermöglichen, die Schäden zu reparieren, die durch Therapieversuche (z.B. Chemotherapien) verursacht wurden. Eine weitere Herausforderung in der Behandlung des Melanoms ist die enorme antiapoptotische Kapazität, mit der sich der Tumor vor dem programmierten Zelltod, der Apoptose, schützt. Meenhard Herlyn bringt es bei einem Interview im Rahmen des Weltkongress auf den Punkt: „In der gesunden Haut ist jeder Melanozyt, also die Zellen, die Pigment produzieren und uns vor dem Sonnenlicht schützen, bereits antiapoptotisch. Die Melanomzelle ist hier noch wesentlich effizienter. Die antiapoptotische Kapazität der Melanomzelle finden wir so ausgeprägt in keinem anderen Tumor."
Deshalb - so sind sich Experten einig - wird das Melanom auch nur durch kombinierte Strategien effizient behandelbar sein. Es werden in Zukunft kombinierte Therapien eingesetzt, die möglichst individuell auf den einzelnen Patienten abgestimmte Therapeutika enthalten, um unterschiedliche Signalkaskaden im Tumor zu unterbinden. Dass eine solche Kombinationsstrategie tatsächlich vielversprechend ist, wurde von Christoph Höller und Mitarbeitern von der Universitätsklinik für Dermatologie in Wien gezeigt. Eine Kombinationstherapie aus einem Antikörper gegen VEGF, einem wichtigen Wachstumsfaktor für Tumorgefäße und einem Inhibitor des EGF-Rezeptors, einem Rezeptor, der das Wachstum vieler Zellen - unter anderem auch von Melanomzellen - steuern kann, war in präklinischen Versuchen deutlich effektiver als die jeweilige Einzelsubstanz. Diese Ergebnisse, die im international anerkannten Journal Clinical Cancer Research prominent publiziert werden konnten, stellen die Grundlage für eine in Vorbereitung befindliche klinische Erprobung dieser Therapiestrategie dar. Neben der gezielten Bekämpfung der Tumorzellen durch „Targeted Therapies" gewinnt auch das Mikroenvironment des Melanoms wie die Blut- und Lymph-Gefäße des Tumors zunehmend therapeutische Relevanz.
Ein weiterer Höhepunkt war daher die Plenary Lecture von Michael Detmar, deutscher Dermatologe und Wissenschafter, der sich nach einer beeindruckenden Karriere als Harvard-Professor seit einigen Jahren als Leiter des Instituts für Pharmazeutische Wissenschaften an der ETH in Zürich vor allem mit Metastasierungsprozessen von Tumoren beschäftigt. Detmar präsentierte bei seinem Plenarvortrag neue lymphangiogenetischen Faktoren, welche die Lymphgefäße um einen Tumor aktivieren können. Durch ein innovatives bildgebendes Verfahren kann spezifisch der Aktivierungsgrad der tumorassoziierten Lymphgefäße dargestellt werden. Das Ausmaß der Aktivierung lässt direkte Rückschlüsse auf das Metastasierungsverhalten des Tumors zu. Anhand der von Detmar erstmals präsentierten Daten könnte es in Zukunft möglich sein, den Aktivierungsgrad der Lymphgefäße als neuen prognostischen Marker bei Tumorpatienten zu verwenden.
Auf besonders großes Interesse bei den Zuhörern stießen die bahnbrechenden Arbeiten von Satoshi Hirakawa (Ehime University, Japan). Hirakawa erklärte in seinem Vortrag die neuesten Erkenntnisse und molekularen Mechanismen, mit denen ein Tumor nicht nur die ihn umgebenden Lymphgefäße auf die Metastasierung vorbereitet, sondern sogar die Wächter-Lymphknoten (Sentinel-Lymphknoten) offenbar dahingehend stimuliert, sodass sie für die Aufnahme von Melanommetastasen bereit sind. Das Verständnis dieser Mechanismen eröffnet laut Hirakawa völlig neue Möglichkeiten, die lymphogene Metastasierung von Melanomen aber natürlich auch von anderen Tumoren zielgerichtet zu unterbinden.

Unterschätzte Gefahr „heller" Hautkrebs

Nicht nur das Melanom ist weltweit im Vormarsch, auch die Zahl der Neuerkrankungen am weniger bekannten und daher häufig unterschätzten „hellen" Hautkrebs (Nicht-Melanom-Hautkarzinome oder „Non-Melanoma Skin Cancer") steigt drastisch an. „Die zu dieser Gruppe zählenden aktinischen Keratosen, Plattenepithelkarzinome und Basaliome verzeichnen jährliche Zuwachsraten von 7-10%", sagt Kunstfeld. Besonders verbreitet sind aktinische Keratosen, die sich durch rötliche Flecken oder schuppige Erhebungen auf der Haut bemerkbar machen und die fast jeder Zweite jenseits der 70 entwickelt. Kunstfeld: „Vielen Betroffenen ist allerdings nicht bewusst, dass es sich dabei keineswegs um eine harmlose Alterserscheinung handelt. Aktinische Keratosen sind ein Frühstadium von Hautkrebs, daraus können sich in die Tiefe wachsende Hautkarzinome entwickeln." Ein ebenfalls sehr häufiger Hautkrebstyp ist das Basalzellkarzinom, rund 25.000 bis 30.000 Neuerkrankungen sind jährlich in Österreich zu verzeichnen.

Wirksame Behandlung durch moderne Lokaltherapie

„Neben der chirurgischen Therapie wurden in der letzten Zeit moderne lokale Behandlungsmethoden entwickelt", berichtet Prof. Kunstfeld. Die gängigen invasiven Verfahren sind schmerzhaft und hinterlassen oft Narben. Alternativen zur Operation sind die photodynamische Therapie - eine Kombination aus Salbe und Bestrahlung - und Cremes, etwa mit einer Kombination aus Diclofenac und Hyaluronsäure, oder mit dem neuartigen Wirkstoff Imiquimod, der zur Gruppe der Immunmodulatoren gehört. Die Cremetherapie mit Imiquimod aktiviert die körpereigene Krebsabwehr und schafft so die Voraussetzung für eine zielgerichtete Aktivität gegen die erkrankten Zellen, der Krebs heilt narbenfrei ab. Prof. Kunstfeld: „Die hohe Wirksamkeit hat zuletzt die so genannte Gollnick-Studie gezeigt, derzufolge es nach einer fünfjährigen Basaliom-Therapie mit Imiquimod nur bei 13% der Patienten zu einem Rückfall kommt, eine beeindruckend niedrige Rate."
Ein wichtiger Vorteil der neuen Therapieoptionen ist, dass großflächige Hautareale behandelt werden können, betont Kunstfeld: „Bei Hautkarzinomen liegen nicht nur in den bereits veränderten Hautstellen selbst, sondern auch in der Umgebung genetische Veränderungen vor, die sich zu Krebs entwickeln können." Experten sprechen daher heute von Krebsfeldern oder „Field Cancerization". Hier habe die Cremetherapie einen entscheidenden Vorteil, so Eggert Stockfleth, Leiter des „Haut Tumor Centrum" der Charite in Berlin: „Sie bekämpft auch die nicht sichtbaren Zellschädigungen zwischen den erkennbaren Hautveränderungen, so werden auch noch nicht sichtbare Erkrankungsherde mitbehandelt."

Besondere Gefahr für organtransplantierte Patienten

Auch auf eine von Hautkrebs speziell gefährdete Patientengruppe, die von den modernen Behandlungsmethoden profitieren kann, macht Kunstfeld aufmerksam: „Die Fortschritte in der Behandlung von Patienten nach Organtransplantationen führt durch die Einführung moderner Immunsuppressiva zur Verhinderung der Organabstoßung und zu einer steigenden Lebenserwartung. Dadurch gewinnen Hauterkrankungen bei diesen Patienten spezielle Bedeutung." Das Risiko für die Entstehung von Hautkarzinomen einschließlich der Frühformen ist bei Patienten nach Organtransplantation gegenüber der Normalbevölkerung bis zu 200-fach erhöht.
40% der Transplantatempfänger entwickeln bereits fünf Jahre nach der Transplantation Hautkarzinome, besonders Formen des „hellen" Hautkrebses. Transplantationskandidaten sollten sich daher bereits vor dem Eingriff auf ihr Risikoprofil hin untersuchen lassen und nach der Operation engmaschig - zumindest alle sechs Monate - kontrolliert werden. Der weiten Verbreitung des „hellen" Hautkrebs trägt der Weltkongress Melanom mit einer Reihe von wissenschaftlichen Sitzungen Rechnung, die sich mit innovativen Strategien zu Vorbeugung und Behandlung der Nicht-Melanom-Hautkarzinome beschäftigen. Über Klinik und therapeutische Optionen von „weißem Hautkrebs berichteten wir bereits detailliert in der letzten Ausgabe des Spectrum Dermatologie.

Einblicke in die Pathophysiologie von kutanen Lymphomen

Christoph Höller konnte im Rahmen eines Forschungsaufenthalt am Wistar-Institut in Philadelphia erstmals mittels eines fortgeschrittenen bildgebenden Verfahren, der 2-Photonen-Mikroskopie, das Verhalten von Sezary-Zellen in den Gefäßen der Haut direkt beobachten. Höller ist es erstmals gelungen, die molekulare Signalkaskade, die zum Einwandern dieser Zellen in die Haut führt, zu entschlüsseln. Die klinischen Erkenntnisse der letzten Jahre auf dem Gebiet der kutanen Lymphome machte eine neue WHO-Lymphoma-Klassifizierung notwendig, die von Robert Knobler (Wien) präsentiert wurde. Neueste therapeutische Möglichkeiten wie die Behandlungsplattform EORTC (European Organisation for Research and Treatment of Cancer) wurden von den renommierten Experten Sean Whittaker (Großbritannien) und Reinhard Dummer (Schweiz) präsentiert. Zum Thema Lymphoma dürfen wir auf eine herausragende Zusammenfassung der neuesten klinischen Ergebnisse von Robert Knobler in dieser Ausgabe des Spectrum Dermatologie verweisen. Wir freuen uns, dass es uns gelungen ist, mit 1.500 Teilnehmern beim WCM-EADO den größten Kongress organisiert zu haben, der bis dato zum Thema Hautkrebs stattgefunden hat! Dies ist für uns ein klares Zeichen, dass die Klinik und Forschung auf dem Gebiet des Hautkrebs ein faszinierender und bedeutsamer Bereich der Medizin ist, der in Zukunft noch mehr an Bedeutung gewinnen wird. Wir danken allen Beteiligten für ihre großartigen Leistungen, die ganz entscheidend zum Erfolg dieses Kongresses beigetragen haben! 

ao. Univ.-Prof. Dr. Rainer Kunstfeld, Univ.-Prof. Dr. Hubert Pehamberger
Klinische Abteilung für Allgemeine Dermatologie, Universitätsklinik für Dermatologie Medizinische Universität Wien

Die Beiträge auf dieser Homepage sind ausschließlich für medizinisches bzw. pharmazeutisches Fachpublikum bestimmt.

Ja, ich gehöre diesen Berufsgruppen an

Nein, ich gehöre diesen Berufsgruppen nicht an