Spectrum Onkologie 05/10
Hautkrebs: Epidemiologie – primäre Prävention
Wenn Sie sich heute vor den Computer setzen, um rasch einige Informationen zur Häufigkeit von Hautkrebs zu recherchieren, dann ist es durchaus wahrscheinlich, dass Sie auf dramatische Informationen stoßen. „Nach bislang unveröffentlichten Statistiken“, wird Univ.-Prof. E. Stockfleth zitiert, „haben heute Geborene ein beinahe 100%iges Risiko, an Hautkrebs zu erkranken.“1 Diese Aussagen sind praktisch kaum überprüfbar, da die darstellenden Quellen oft sehr flüchtig sind. Trotzdem bleibt ein gewisser Eindruck haften. Wie groß ist heute das tatsächliche Risiko, an Hautkrebs zu erkranken? Das Interesse an Dermatoonkologie ist größer denn je. Prävention, Diagnose und Therapie von Hautkrebs entwickeln sich zu einer auch von anderen Disziplinen umworbenen Domäne.
Nichtmelanozytärer Hautkrebs Innerhalb der hellhäutigen Bevölkerung ist der nichtmelanozytäre Hautkrebs (NMSC) die häufigste Krebsart überhaupt. Den größten Anteil von NMSC nehmen Basalzellkarzinome und Plattenepithelkarzinome der Haut ein. Obwohl weltweit Einigkeit zur Häufigkeit und Zunahme der Erkrankungsfälle besteht, sind exakte epidemiologische Daten rar. Unser Wissen beruht hauptsächlich auf Schätzungen oder mathematischen Modellen aus kleinen Stichproben. Meldestatistiken differieren häufig massiv mit der wirklich angenommenen Fallzahl. Stern berechnet z.B. für die kaukasische Bevölkerung der USA 13 Millionen NMSC-Neuerkrankungen pro Jahr für das Jahr 2007. Es wird angenommen, dass zumindest 1 von 5 Personen ab dem 70. Lebensjahr aktiv an NMSC erkrankt ist, die meisten davon mit multiplen NMSC. Im Vergleich dazu führt der National Health Interview Survey (NHIS) nur 5 Millionen NMSC-Fälle für das Jahr 2007 an. Nach der Studie von Stern ist die Prävalenz von NMSC zumindest 5-mal höher als die von Prostata- oder Mammakarzinomen.2
Gemäß einer kanadischen Querschnittstudie betrug die jährliche Zunahme von NMSC, gemessen im Zeitraum von 1960 bis 2000, 2,4%, wobei 79% der Fälle den Basalzellkarzinomen zugeordnet wurden. Das Lebenszeitrisiko, generell an NMSC zu erkranken, wuchs von 1960 bis 2000 um das 2- bis 3-Fache.3 Die Daten für Europa sind ebenfalls nur aus einzelnen Untersuchungen zu extrapolieren, da nichtmelanozytärer Hautkrebs von den meisten Krebsdatenbanken nicht strukturiert erfasst wird bzw. die meist im ambulanten Bereich behandelten Tumoren selten gemeldet werden. Statistiken des Krebsregisters von Schleswig-Holstein, BRD, aus den Jahren 1998 bis 2001, zeigen eine Inzidenz für NMSC von 100,2/100.000 für Männer und 72,6/100.000 für Frauen. Mehr als 80% der Fälle waren Basalzellkarzinome. In einem europaweiten Vergleich der Inzidenz von NMSC liegt Schleswig- Holstein an 3. Stelle hinter den nationsweit erhobenen Daten aus Schweden und Dänemark. Österreich findet sich in dieser Statistik auf Platz 4.4 Zahlreiche regionale Untersuchungen aus Europa zeigen ein ähnliches Muster. Der Mangel eines europaweiten Meldesystems für Hautkrebs bleibt jedoch eklatant.
Primäre Prävention von NMSC
Primäre Prävention subsumiert verschiedene Maßnahmen, welche die Entstehung einer Erkrankung oder die Entwicklung von Risikofaktoren verhindern.
In den Industriestaaten stellt die steigende Lebenserwartung der Bevölkerung wohl den stärksten intrinsischen Faktor der weiter anwachsenden Inzidenz- und Prävalenzzahlen von NMSC dar. Es ist allgemein anerkannt, dass solare UV-Strahlung, unabhängig von der Form, als akute oder chronische Exposition, oder von künstlichen Quellen (UVA), einen wesentlichen extrinsischen Faktor bei der Entstehung von Hautkrebs darstellt. Zahlreiche Untersuchungen belegen den Effekt von Präventionsprogrammen. Durch beratende Maßnahmen zur Reduktion der kumulativen UV-Exposition tragen diese wesentlich zu einer messbaren Abnahme der Zuwachsraten von NMSC bei.5 Rezente Studien in Populationen mit hohem Risiko für die Entstehung von NMSC, wie z.B. bei Organtransplantierten, zeigen mögliche protektive Effekte durch den regelmäßigen Einsatz von topischen Sonnenschutzmitteln.6 Groß dimensionierte, prospektive Untersuchungen könnten diese wesentlichen Fragen beantworten.
Melanom der Haut
Die Inzidenz des kutanen Melanoms hat in den vergangenen Jahrzehnten ebenfalls weltweit stark zugenommen. Betroffen sind besonders Menschen mit kaukasischer Komplexion. Australien und Neuseeland weisen weltweit die höchsten Inzidenzraten auf. Jedoch sind auch Teile Europas und die USA von teilweise dramatisch zunehmenden Fallzahlen betroffen. Im Globocan-Bericht aus dem Jahr 2008 rangiert die Inzidenz des kutanen Melanoms weltweit auf Platz 19.7 Lungen-, Brust-, Kolon- und Rektumkarzinome sind global die häufigsten Krebserkrankungen. In diesem Bericht wird die altersstandardisierte Inzidenzrate (ASR) mit 9,8/100.000 (für Männer und Frauen aggregiert) angegeben. Sehr interessant und nur teilweise erklärbar liegt die Schweiz in dieser Statistik mit 19,2/100.000 auf Platz 1, gefolgt von skandinavischen Ländern mit ASR-Raten > 15/100.000. In den Aufzeichnungen der Statistik Austria wurden im Jahr 2008 etwas mehr als 1100 Neuerkrankungen registriert. Damit war das Melanom für 3,3% aller bösartigen Tumoren verantwortlich. Im Vergleich zu Österreich mit einer alterstandardisierten Inzidenz (ASR, Männer und Frauen) von etwa 9,1/100.000 weist Deutschland eine ASR von 12,2 auf. Ob die relativ moderaten Inzidenzraten in Österreich auf einen systematischen Dokumentationsmangel zurückzuführen sind, sollte durchaus diskutiert werden. Es ist offensichtlich, dass in Österreich die Compliance bei der Meldung von Krebserkrankungen verbessert werden sollte. Durch die Möglichkeiten des Internet sind technisch attraktive und zugleich mit dem Datenschutz kompatible Lösungen greifbar.
Auch in Bezug auf die Veränderung der Neuerkrankungen pro Zeiteinheit belegen zahlreiche Untersuchungen eine dramatische Zunahme innerhalb der letzten Jahrzehnte. In der Bundesrepublik Deutschland stieg die Inzidenzrate von 3 Fällen/100.000 in den 1970er Jahren auf etwa 12/100.000 zur Jahrtausendwende.8 Ähnliche Zahlen lassen sich aus den regionalen Krebsregistern in Deutschland ableiten. In Österreich stieg die alterstandardisierte Inzidenz von 4,8/100.000 im Jahr 1983 auf 9,1 im Jahr 2008. Somit hat sich in Österreich das prozentuelle Risiko, bis zum 75. Lebensjahr an einem Melanom zu erkranken, von 1983 bis 2008 etwa verdoppelt (von 0,5% im Jahr 1983 auf 0,9% im Jahr 2008) (Abb.).
Verglichen mit Europa, werden aus den USA und schließlich aus Australien und Neuseeland noch deutlich höhere Inzidenzraten gemeldet. In Südaustralien wurden im Jahr 2005 42 neue Melanomfälle/100.000 Einwohner verzeichnet.9 Trotz teilweise noch immer steigender Inzidenzraten hat sich aber die Mortalität in den letzten Jahren deutlich verbessert. Dieser Trend der Inzidenz in Abhängigkeit zur Mortalität ist mit den europäischen und österreichischen Verhältnissen gut vergleichbar. Die Mortalität bleibt trotz steigender Inzidenz relativ konstant und schwankt für beide Geschlechter zusammen um 2 Todesfälle/100.000 Einwohner. Männer weisen jedoch mit 3,0/100.000 Todesfällen eine deutlich höhere Mortalität als Frauen auf (1,7/100.000; Stand: 2008). Die Ursachen für die schlechtere Prognose bei Männern sind am ehesten durch die höheren Eindringtiefen bei Präsentation der Erkrankung zu erklären (Abb.).
Primäre Prävention des kutanen Melanoms
Bereits in den 1960er Jahren wurden in Australien die ersten Aufklärungskampagnen zur Gefährlichkeit und Vermeidung der UV-Strahlung durchgeführt. Die damals klinisch festgestellte kausale Beziehung zwischen dem Ausmaß der Sonnenexposition und dem Auftreten von Hautkrebs bedurfte keiner ausgefeilten epidemiologischen Studientechnik. Mit markanter Verspätung von etwa 20 Jahren wurden ähnliche Kampagnen schließlich auch in Europa durchgeführt. Aufgrund der großen zeitlichen Latenz ist es aber besonders mühsam, den Einfluss von akuter und/oder kumulativer Sonnenexposition mit der Reduktion der Fallzahl kutaner Melanome zu korrelieren. Inzwischen ist es allgemein akzeptiert, dass Aufklärungsaktionen zu einer Reduktion der Sonnenexposition führen, die Anzahl berichteter Sonnenbrände verringern und den Verbrauch von Sonnenschutzmitteln erhöhen. Der kausale Zusammenhang von UV-Exposition und Melanomentstehung gilt inzwischen als nachgewiesen. Zahlreiche Untersuchungen zeigen z.B. eine
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erhöhte Inzidenz des kutanen Melanoms bei Personen mit Hauttyp I–II;
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deutlich mehr Melanome sind in geografischen Regionen hoher UV-Einstrahlung zu verzeichnen;
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intermittierende Sonnenexposition erhöht das Melanomrisiko;10
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vermehrte Sonnenexposition führt zu einem vermehrten Auftreten von melanozytären Naevi;11
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künstliche UVA-Exposition stellt einen anerkannten Risikofaktor dar.12,13
Zusammenfassung
Sowohl nichtmelanozytärer Hautkrebs als auch das kutane Melanom stellen ein wesentliches und an Bedeutung zunehmendes Gesundheitsproblem dar. Anstrengungen im Bereich der primären Prävention werden erst nach langer Latenz belohnt. Zusätzliche Investitionen in diesen Bereich könnten einen wesentlichen Beitrag zur allgemeinen Gesundheitsversorgung leisten.
Dr. Stefanie Weber, Univ.-Prof. Dr. Michael Binder
Klinische Abteilung für Allgemeine Dermatologie, Universitätsklinik für Dermatologie, Medizinische Universität Wien
1 http://www.medizinauskunft.de/artikel/diagnose/krankheiten/Krebs/09_05_hautkrebs.php; Recherche am 6. 11. 2010
2 Stern RS, Arch Dermatol 2010; 146(3):279–82. PubMed PMID: 20231498
3 Demers AA et al., J Am Acad Dermatol 2005; 53(2):320–8. PubMed PMID: 16021129
4 Katalinic A et al., Br J Dermatol 2003; 149(6):1200–6. PubMed PMID: 14674897
5 Staples MP et al., Med J Aust 2006; 184(1):6-10. PubMed PMID: 16398622
6 Ulrich C et al., Br J Dermatol 2009; 161 Suppl 3:78–84. PubMed PMID: 19775361
7 Ferlay J et al., International Agency for Research on Cancer; 2010. Available from: http://globocan.iarc.fr
8 Garbe C et al., Skin Pharmacol Appl Skin Physiol. 2001; 14(5):280–90. PubMed PMID: 11586069
9 http://www.cancersa.org.au/cms_resources/MELANOMA%20 CANCER%20STATISTICS%20for%202005.pdf (Recherche am 06. 11. 2010)
10 Tucker MA et al., Oncogene 2003; 22(20):3042–52. PubMed PMID: 12789279
11 Wiecker TS et al., Cancer 2003; 97(3):628–38. PubMed PMID: 12548604
12 Levine JA et al., J Am Acad Dermatol 2005; 53(6):1038–44. PubMed PMID: 16310065
13 Coelho SG et al., Pigment Cell Melanoma Res 2010; 23(1):57–63. PubMed PMID: 19968819
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