Universum Innere Medizin 06/10
Focus Onkologie: Schwangerschaft nach einer Krebserkrankung
Praktisch alle Chemotherapeutika sind plazentagängig und gelangen zum Fetus: Mögliche Komplikationen für den Fetus leiten sich vor allem aus dem eingesetzten Zytostatikum, der verabreichten Dosis und daraus ab, in welchem Trimenon die Systemtherapie zur Anwendung kommt.
Prinzipiell sind Schwangerschaften nach einer tumorbedingten Systemtherapie ohne Komplikationen für das Kind möglich, wobei die Schwangerschaftsrate bei jungen Frauen < 35 Jahren deutlich höher ist. Interessanterweise haben Frauen, die nach einer Chemotherapie infolge eines Mammakarzinoms schwanger werden, sogar eine günstigere Prognose als Brustkrebspatientinnen ohne nachfolgende Schwangerschaft („Healthy Mother Effect“). Eine Schwierigkeit für ehemalige Tumorpatientinnen mit Kinderwunsch besteht in der verringerten Ovarialreserve („prämature Ovarialinsuffizienz“) als Folge der Chemotherapie, wobei auch hier das Alter zum Zeitpunkt der Tumorerkrankung und das jeweils verabreichte Zytostatikum eine Rolle spielen. Darüber hinaus sind verschiedene fertilitätsprotektive Maßnahmen vor oder während der onkologischen Systemtherapie möglich, die eine spätere Schwangerschaft gewährleisten können.
Chemotherapie und FertilitätDer Etablierung moderner Chemotherapieschemata hat die Überlebenschancen von Krebspatientinnen in den letzten Jahrzehnten deutlich gesteigert. Das verbesserte Gesamtüberleben hat allerdings gerade bei jüngeren Krebspatientinnen inzwischen dazu geführt, dass chemotherapieassoziierte Nebenwirkungen wie beispielsweise das klimakterische Syndrom und eine verminderte Fertilität zunehmend klinische Bedeutung erlangen. Chemotherapie und prämature OvarialinsuffizienzDie prämature Ovarialinsuffizienz („premat ure ovarian failure“) ist eine häufig beobachtete Folge einer Chemotherapiebehandlung. Sie ist durch Symptome wie Hitzewallungen oder Schweißausbrüche charakterisiert. Zusätzlich leiden viele Betroffene auch an Stimmungsschwankungen, Urogenitalatrophie, Dyspareunie oder Osteoporose. Art der Chemotherapie: Alkylierende Substanzen wie beispielsweise Cyclophosphamid oder Chlorambucil gelten als besonders toxisch, während Antimetabolite wie Methotrexat oder 5-Fluoruracil deutlich seltener zu einer bleibenden Ovarialinsuffizienz führen. Platinderivate und Anthrazykline sind mit einem mittleren Risiko verbunden. Taxane, aber auch die in der Onkologie zunehmend eingesetzten Antikörper und Tyrosinkinaseinhibitoren sind in ihrem Risiko noch unzureichend untersucht. Dazu kommt der Umstand, dass bei vielen Tumorentitäten in der Regel Kombinationschemotherapien eingesetzt werden, was die Abschätzung des Effektes auf die Fertilität in der Regel zusätzlich erschwert. Alter der Patientin: Das Ovarialinsuffizienz-Risiko muss in jedem Fall auch im Zusammenhang mit dem Alter gesehen werden: während 6 Zyklen CMF beispielsweise bei Brustkrebspatientinnen unter 40 nur in einem Drittel der Fälle zum Ausbleiben der Regelblutung und damit zu einer bleibenden Insuffizienz führen, sind bei Frauen über dem 40. Lebensjahr mehr als 80% betroffen. Allerdings erlaubt das Wiederauftreten von Regelblutungen innerhalb eines Jahres nach Beendigung einer systemischen Therapie nur bedingt einen Rückschluss auf die Fruchtbarkeit, hierzu sollte vielmehr eine Serumspiegelmessung des Anti-Müller-Hormons (AMH) herangezogen werden, das ein relativ gutes Maß für die ovarielle Reserve einer Frau darstellt. Therapeutische OptionenEs gibt inzwischen mehrere, wenngleich zum Teil noch als experimentell zu wertende Möglichkeiten des Fertilitätserhalts bei Frauen, die sich aufgrund einer malignen Erkrankung einer Chemotherapie unterziehen müssen: Ovarialschutz durch GnRH-Analoga Die Suppression der zyklischen Gonadotropinsekretion aus dem Hypothalamus durch GnRH-Agonisten führt zu einer konsekutiven Reduktion der ovariellen Steroidprotektion und soll eine temporäre „Ruhigstellung“ von Follikeln bewirken, welche dadurch der zytotoxischen Wirkung von Chemotherapeutika weniger zugänglich sind. Während diese Technik des Ovarialschutzes im Tierversuch und in einer prospektiv-randomisierten Studie bei Patientinnen mit malignen Lymphomen durchaus erfolgreich waren, so konnte ein signifikanter ovarialprotektiver Effekt von GnRH bei Mammakarzinompatientinnen in der kürzlich publizierten prospektiv geführten „Zoladex Rescue of Ovarian Function“-Studie (ZORO) hingegen nicht gezeigt werden. Prätherapeutische In-vitro-Fertilisation In ausgewählten Fällen, bei denen mit der Verabreichung einer systemischen Chemotherapie noch zugewartet werden kann, ist prinzipiell auch eine ovarielle Stimulation durch Gonadotropine und Tamoxifen möglich. In-vitro-Maturation von unreifen Eizellen Die In-vitro-Maturation stellt eine schonende Alternative zur sonst notwendigen hormonellen Stimulation dar. Dabei wird durch eine leichte Stimulation mit hCG eine vorzeitige Ovulation ausgelöst, und die durch Punktion gewonnenen, noch unreifen Oozyten werden im Reagenzglas „nachgereift“ und mittels konventioneller IVF befruchtet. Die daraus entstehenden Embryonen können dann kryokonserviert und zu einem späteren Zeitpunkt wieder eingesetzt werden. Falls eine Patientin zum Zeitpunkt der Punktion keinen Partner hat, können die gewonnenen Oozyten im Prinzip auch direkt kryokonserviert werden und zu einem späteren Zeitpunkt befruchtet und wieder eingesetzt werden. Dieses Verfahren gilt aber derzeit noch als experimentell und ist durch eine bislang sehr niedrige Schwangerschaftsrate belastet. Kryokonservierung von Ovarialgewebe Die laparoskopische Entnahme von Ovarialgewebe ist eine derzeit von vielen Zentren untersuchte Methode des Fertilitätserhaltes. Schwangerschaft und BrustkrebsprognoseTrotz aller fertilitätserhaltenden Maßnahmen ist die Wahrscheinlichkeit einer spontanen Schwangerschaft nach einer Krebserkrankung weiterhin gering. Nicht zuletzt auch deswegen gibt es bislang kaum Untersuchungen, was die Sicherheit einer Schwangerschaft nach Krebserkrankungen angeht. ZusammenfassungDer zunehmende Einsatz von Chemotherapeutika hat zu einem verbesserten Überleben bei Frauen im reproduktiven Alter, aber auch zu einer Zunahme von fertilitätsassoziierten Nebenwirkungen geführt. Eine Reihe von Methoden erlaubt jedoch zunehmend auch chemotherapierten Frauen, ihrem Kinderwunsch nachzukommen – wenngleich die meisten dieser Techniken noch als experimentell zu werten sind. Aus diesem Grund sollten fertilitätserhaltende Methoden bei onkologischen Patientinnen bis auf Weiteres nur von jenen Zentren angeboten werden, die über die notwendigen infrastrukturellen Möglichkeiten verfügen und eine entsprechende Erfahrung aufweisen können.
Ao. Univ.-Prof. Dr. Christian F. Singer, MPH |
Systemische Therapie in der SchwangerschaftPraktisch alle Chemotherapeutika sind plazentagängig und gelangen zum Fetus. Die meisten Erfahrungen liegen beim Mammakarzinom und bei Leukämien vor: Wird in der Schwangerschaft ein lokal fortgeschrittenes Mammakarzinom diagnostiziert, kann eine primäre systemische Therapie überlegt werden. Die Entbindung sollte in der 35. Schwangerschaftswoche geplant werden. Systemische Tumortherapie in der SchwangerschaftEine Übersicht über die häufigsten Chemotherapien in der Schwangerschaft und deren Risiken in Abhängigkeit vom Trimenon gibt Tab. 1 (Mir, Annals of Oncology, 2008; Cardonnik, Lancet Oncol 2004).
Herzfunktion bei Kindern und jungen ErwachsenenNach einer Chemotherapie der Mutter in der Schwangerschaft wurden in der bislang größten Untersuchung 81 junge Menschen bis zu einem medianen Alter von 17 Jahren (Bandbreite 9–29 Jahre) einem kardiologischen Follow-up unterzogen (klinische Untersuchung und Echokardiographie). Bei keinem dieser jungen Menschen wurde eine Abnormalität festgestellt (Aviles, Annals of Oncol 2006). Supportivtherapien in der Schwangerschaft Bisphosphonate: Auf Basis von tierexperimentellen Untersuchungen wird vor der Anwendung von Bisphosphonaten aufgrund beobachteter Wachstumsrestriktionen gewarnt (Andreadis, Gynecol Oncol 2004). Eine Übersicht von 51 Schwangerschaften, in denen Bisphosphonate vor allem in Form von Alendronat und Pamidronat verabreicht worden sind, ergab keinen Hinweis auf signifikante fetale Gefährdung. Granulozyten-Kolonie-stimulierende Faktoren: Bislang gibt es nur wenige Berichte über eine fetale Schädigung, hier wieder vor allem in Form von Knochenfehlbildungen und intra uteriner Wachstumsrestriktion (Arango, Obstet Gynecol 1994). Schwangerschaft nach Mammakarzinom-ChemotherapieBei prämenopausalen Frauen kommt nach Behandlung eines Mammakarzinoms nur bei 24% der Patientinnen keine zukünftige Schwangerschaft infrage. Ein aktiver Kinderwunsch besteht bei 18% (Partridge, J Clin Oncol 2004). Prinzipiell ist jede Chemotherapie, unabhängig davon, ob sie im Kindesalter oder bei jungen Frauen appliziert wurde, mit einer Reduktion der ovariellen Reserve assoziiert. Ein normaler Menstruationszyklus ist kein Garant dafür, dass eine Schwangerschaft auftreten kann. So können trotz Eumenorrhö hohe FSH-Spiegel gemessen werden. Vor allem ist das Alter relevant, in dem eine Schwangerschaft angestrebt wird. Ein mütterliches Lebensalter von über 35 Jahren ist mit einer deutlich geringeren Schwangerschaftsrate als jenes unter 35 Jahren vergesellschaftet. Fazit: Das Alkylans Cyclophosphamid ist im 1. Trimenon allermeist mit einem Abortus oder fetalen Fehlbildungen assoziiert. Anthrazykline sind ab dem 2. Trimenon allermeist mit einem positiven Ausgang der Schwangerschaft verbunden. Frühgeburten und intrauterine Wachstumsrestriktionen kommen in ca. 20 % der Fälle vor. Trastuzumab ist mit Oligohydramnion und Wachstumsresitriktion verbunden. Univ.-Prof. Dr. Edgar Petru |
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