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Universum Innere Medizin 06/10

Sonderbeilage Geriatrie

Liebe Kolleginnen! Liebe Kollegen!

Es freut mich wirklich aus ganzem Herzen, Ihnen die vorliegende Geriatrie-Beilage zum UNIVERSUM INNERE MEDIZIN vorstellen zu dürfen!
Als ich vor mehr als 13 Jahren von der Klinik III für Innere Medizin des Allgemeinen Wiener Krankenhauses in das damalige Geriatriezentrum Baumgarten in Wien gewechselt habe, wurde mir von vielen meiner KollegInnen ein gewisses Unverständnis für diesen Schritt entgegengebracht. Geriatrie als medizinische Fachdisziplin hatte damals kein sehr hohes Prestige und wurde generell als „Pflegeheim-Medizin“ abgetan.
In der Zwischenzeit hat sich sehr viel geändert, was die Beiträge der hochkompetenten AutorInnen dieser Geriatrie-Beilage eindrucksvoll unter Beweis stellen.
Während viele Jahre hindurch von allen Fachdisziplinen, wie z. B. Innere Medizin, Neurologie, Psychiatrie und anderen, behauptet wurde: „Wir betreuen ja alle alte Menschen, daher ist Geriatrie als medizinische Fachdisziplin überflüssig“, wird bei Durchsicht des Heftes deutlich, dass die Geriatrie eine „Supradisziplin“, ein „Querschnittsfach“ mit besonderem Fokus auf die medizinischen Probleme des hochbetagten Menschen ist. Ethik in der Behandlung der Hochbetagten, Polypharmazie, Malnutrition und Ernährung bei chronischer Krankheit, patientengerechte Kommunikation, Schmerztherapie bei kognitiv beeinträchtigten Patienten, Multimorbidität und Frailty sind Themenkreise, um welche sich die einzelnen medizinischen Fachdisziplinen (z. B. Innere Medizin) bisher nicht wirklich angenommen haben. Wichtig für mich ist dabei, dass sich die aktuelle geriatrische Expertenrunde aus exzellenten FachvertreterInnen der einzelnen Fachdisziplinen rekrutiert. In dieser Sonderausgabe sind dies die Fächer Innere Medizin, Neurologie, Physikalische Medizin und Rehabilitation, Anästhesiologie, Urologie und Allgemeinmedizin. Erst die unbestrittene Anerkennung im eigenen Fachgebiet ermöglichte es, auch der „Supradisziplin“ Geriatrie mit ihren vernetzten Problemstellungen entsprechendes Gehör und fachliche Akzeptanz zu verschaffen.
Diese Entwicklung hat sich in den Strukturen der österreichischen Medizinlandschaft niedergeschlagen. Fast flächendeckend sind in Österreich Abteilungen bzw. Einheiten für Akutgeriatrie und Remobilisation an Akutspitälern entstanden. Ich bin optimistisch, dass die seit langem geforderten Professuren für klinische Geriatrie – nach Etablierung des ersten Lehrstuhls an der Privatuniversität Salzburg – auch an den medizinischen Universitäten Wien, Graz und Innsbruck etabliert werden. Zudem ist im Entwurf zur nächsten Reform der Ärzteausbildung die Schaffung eines Additivfacharztes für Klinische Geriatrie möglicherweise ab dem Jahre 2011 vorgesehen. Dieses aus meiner Sicht für die fachliche Anerkennung und weitere Entwicklung der Geriatrie fundamentale Sonderfach ist lt. derzeitigem Entwurf für Fachärzte für Innere Medizin, Neurologie, Psychiatrie, Physikalische Medizin und Rehabilitation sowie Ärzte für Allgemeinmedizin nach entsprechendem Nachweis spezifischer Ausbildungscurricula zugänglich. Zudem wird es – wie bei Neuetablierung eines Sonderfaches üblich – im Rahmen von Übergangsbestimmungen Regeln zur Anrechenbarkeit für bereits derzeit tätige Geriater geben.
Bei all der Euphorie bezüglich dieser Fortschritte möchte ich aber abschließend noch daran erinnern, dass die Basis für die Geriatrie in Österreich von den ÄrztInnen gelegt wurde, die sich quasi als Pioniere den hochbetagten Menschen in der Langzeitbetreuung zugewendet haben.
Neben dem verstorbenen Doyen der österreichischen Geriatrie, Herrn Prof. Dr. Walter Doberauer (ehemals Pflegeheim Baumgarten), darf ich in diesem Zusammenhang an Herrn Prof. Prim. Dr. Franz Böhmer (ehemals Haus der Barmherzigkeit und später Sophienspital in Wien) erinnern sowie an die AutorInnen dieser Ausgabe, Frau Dr. Dr. Marina Kojer (ehemals Geriatriezentrum am Wienerwald) und Herrn Prof. Dr. Thomas Frühwald (ehemals Haus der Barmherzigkeit und Geriatriezentrum am Wienerwald).
So soll in Zukunft im Lichte der „neuen“ Geriatrie nicht darauf vergessen werden, dass auch die medizinische Betreuung und Begleitung im Langzeitbereich eine wesentliche Aufgabe der geriatrischen Medizin darstellt und dementsprechend eine adäquate Wertschätzung erfahren muss.

Prim. Univ.-Prof. Dr. Peter Fasching




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