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Zahn Krone 07/10

Gemeinsam für eine Zahnmedizin auf höchstem Niveau.

Der internationale Trend in der Zahnmedizin geht in Richtung Spezialisierung. In Zukunft wird höchstes Niveau jedoch nur durch ein Miteinander von SpezialistInnen und GeneralistInnen erreicht werden können. Davon konnten sich die über 900 TeilnehmerInnen am Österreichischen Zahnärztekongress, der vom 30. September bis 2. Oktober 2010 in den Kongressräumlichkeiten der Wiener Hofburg stattfand, überzeugen.

Unter dem Generalthema „Spezialisierung in der Zahnheilkunde – Risiko oder Chance?“ wurde den zahlreichen Teilnehmern des diesjährigen Österreichischen Zahnärztekongresses ein umfassender Überblick über das breite Spektrum der modernen Zahnmedizin geboten. Nach Begrüßung und einleitenden Worten durch MR DDr. Hannes Westermayer, Präsident der Österreichischen Zahnärztekammer, wurde das Hauptprogramm des Kongresses mit dem Festvortrag von a.o. Univ.-Prof. Dr. Karl Grammer* „Perfect faces, perfect genes: An evolutionary psychological approach“ feierlich eröffnet. Grammer führte eindrucksvoll vor Augen, wie sehr das äußere Erscheinungsbild viele Bereiche unseres Lebens dominiert und „Schönheit“ nicht so sehr von individuellen Parametern, sondern vielmehr über Kulturgrenzen hinweg von einheitlichen Vorgaben, allen voran der Symmetrie, bestimmt wird. Analysen zeigen, wie unser Äußeres innere Immunzustände widerspiegelt und Faktoren wie Jugendlichkeit, Durchschnittlichkeit, aber vor allem auch die Sexualhormone auf Körperbewegung und -attraktivität Einfluss nehmen.
Anschließend an den Vortrag dankte Univ.-Prof. Dr. Gerwin Arnetzl den Kongressveranstaltern und den dahinter stehenden Teams für ihre organisatorische Tätigkeit im Vorfeld und insbesondere auch für die Wahl des Kongressortes in der Wiener Hofburg, die der Veranstaltung ein besonderes traditionelles Ambiente verlieh. Danach hielt Arnetzl die Laudatio für Dr. Diana Hoffmann, die zum Ehrenmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (ÖGZMK) ernannt wurde. Univ.-Prof. Dr. Eva Piehslinger übernahm die Überreichung der von der ÖGZMK verliehenen Stomatologie-Preise 2009: Der 1. Preis in Höhe von 2.200 Euro ging an die Autorengruppe um Dr. Kristina Bertl (Na An, Corinna Bruckmann, Michel Dard, Oleh Andrukhov, Michael Matejka, Xiaohui Rausch-Fan) für ihre Arbeit „Effects of Enamel Matrix Derivative on Proliferation/Viability, Migration and Expression of Angiogenic Factor and Adhesion Molecules in Endothelial Cells In Vitro“, die im Journal of Periodontology 2009 veröffentlicht wurde.
Der mit 1.100 Euro dotierte 2. Preis ging an Dr. Armin Watzer und Dr. Gabriele Watzer für ihre in der Zeitschrift Kieferorthopädie 2009 veröffentlichte Arbeit „Wie häufig sind Nichtanlagen von Weisheitszähnen bei Patienten mit Hypodontie?“.
Kongresspräsident Univ.-Doz. Dr. Werner Lill aus Wien dankte abschließend nochmals „seinem“ Team, das sich bemüht hatte, für die drei Kongresstage ein attraktives Programm zu gestalten. Ganz besonders betonte er auch den Stellenwert der Industrie und der Sponsoren, ohne die eine Veranstaltung in dieser Größenordnung nicht möglich wäre. Lill wünschte allen Tagungsteilnehmern interessante und kommunikative Kongresstage sowie insbesondere auch den jungen KollegInnen Hilfestellung bei ihrer Entscheidung „Spezialisierung“ oder „weit gespannte Zahnmedizin“. Die ZAHN KRONE sprach mit Univ.-Doz. Dr. Werner Lill nach dem Kongress über seinen persönlichen Eindruck zum Verlauf der Veranstaltung.

Prof. Dr. Karl Grammer zeigte in seinem Vortrag, wie Ästhetik durch einheitliche Vorgaben beeinflusst wird und Gesichter beispielsweise durch Symmetrie in der Zahnstellung verändert werden. In der Allgemeinbevölkerung sind Bewusstsein und Ansprüche hinsichtlich der Möglichkeiten in der Zahnmedizin in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Wo sehen Sie die Grenzen des Machbaren und vor allem auch des Leistbaren für den Einzelnen?
Werner Lill:
Den Vortrag von Prof. Grammer fand ich hervorragend, denn er hat uns über den Tellerrand unseres Berufsalltags blicken lassen. Für den Einzelnen hängt die Grenze des Machbaren natürlich vielfach von der Kostenübernahme durch die allgemeine Sozialversicherung ab, wo nach wie vor das Dogma des unbedingt Notwendigen gilt. Hier besteht heutzutage eine große Kluft zwischen dem, was wir machen können, und dem, was von der Sozialversicherung abgegolten wird. Zum Teil ist es verständlich, dass hier nicht die Topleistungen von der Allgemeinheit übernommen werden können. Aber prinzipiell sind wir heute so weit, dass wir, auch was die Ästhetik betrifft, dem natürlichen Erscheinungsbild des Patienten sehr nahe kommen.
Für sehr wichtig halte ich, dass wir den jungen Leuten heute prinzipiell versprechen können, dass es mit den modernen Methoden der Prophylaxe möglich ist, das natürliche Gebiss bis ins hohe Alter zu erhalten. Das macht dann die hoch technisierte Zahnmedizin zwar nicht überflüssig, aber relativiert, in welchem Ausmaß wir aktiv werden müssen. Die Erhaltung des natürlichen Erscheinungsbildes scheint heute bis ins Alter machbar zu sein.

„Spezialisierung in der Zahnheilkunde“ – Chance oder Risiko für den Patienten?
Der Kongress hat aufgezeigt, dass natürlich die Tendenz in Richtung Spezialisierung weiter voranschreitet, gleichzeitig funktioniert die Zusammenarbeit der Zahnärzte untereinander zunehmend besser. Moderne Telekommunikations- und EDV-Möglichkeiten haben die Kooperation und Kommunikation heute enorm vereinfacht. Dank digitaler bildgebender Verfahren kann von getrennten Standorten aus, auch ohne direkte Anwesenheit des Patienten, wirklich sehr hohe Perfektion erreicht werden. Das bringt natürlich auch für den Patienten große Vorteile, andererseits wird den Patienten in diesen hoch spezialisierten Bereichen viel an Eigenmitteln abverlangt.
Wir werden jedoch auch in Zukunft nie auf die „Generalisten“ verzichten können und auch die Zusammenarbeit mit der Allgemeinmedizin ist aus unserem Fach nicht wegzudenken. Oftmals ist ja der zahnmedizinische Beruf eine der ersten Anlaufstellen für Patienten.

Der Kongress bot auch ein allgemeinmedizinisches Update für Zahnärzte …
Wie groß unsere Berührungspunkte mit der Allgemeinmedizin sind, die in Zukunft sicher noch verstärkt werden, konnte in einigen Vortragsblöcken gezeigt werden. Wir hatten allgemeinmedizinische Referenten, die beispielsweise über Besonderheiten und Problemstellungen bei der Behandlung von Risikopatienten mit Osteoporose oder onkologischen Erkrankungen berichteten. Es zeigte sich sehr deutlich, dass uns Zahnärzten als regelmäßige und hoch frequentierte Anlaufstelle vorsorgemedizinisch eine ganz wesentliche Rolle zukommt. Hierzu zählen das Erkennen von Zusammenhängen zwischen Erkrankungen der Mundhöhle und des Gesamtorganismus sowie das Wissen um deren wechselseitige Einflüsse, beispielsweise im Rahmen kardiovaskulärer Erkrankungen. Eine große Verantwortung hat der Zahnarzt auch im Hinblick auf die Diagnose und differentialdiagnostische Abklärung von Veränderungen der Mundschleimhaut sowie des Kiefer- und Gesichtsbereichs.

Wo lagen weitere Highlights des Kongresses?
Sehr beeindruckend waren die von Patientenpräsentationen dominierten Teamwork-Sessions, die Ergebnisse in der Zusammenarbeit zwischen Zahntechnikern und Zahnärzten auf höchstem Niveau gezeigt haben. Diese Vorträge hatten einen besonders praktischen Bezug und wurden von der Kollegenschaft sehr gut angenommen.
Weitere Highlights waren sicherlich auch die Darstellung der neuen Technologien, der Einsatz der EDV-gestützten Verfahren bis hin zur digitalen Abformung im Mund sowie die Herstellung von Werkstücken mit der CAD/CAM-Technik. Auch einige Vortragsblöcke hinsichtlich komplementärer Zahnmedizin haben anhand der Besucherfrequenz gezeigt, dass hier großes Interesse besteht. Im Rahmen des Programms für zahnärztliche Assistentinnen wurde die Vortragsform der „Table Clinics“ sehr gut und in einer für mich überraschenden Frequenz angenommen.
Hatten wir mit etwa zwölf Helferinnen pro Tisch gerechnet, so waren es weit mehr, die sich daran beteiligt haben. Das hat aber der Grundidee, nämlich eine offene Kommunikation mit dem Referenten zu fördern, keinen Schaden zugefügt. Im Gegenteil – es waren sehr interaktive Präsentationen, die zum offenen Dialog mit den Assistentinnen geführt haben.
Begleitend zu den Vorträgen gab es zahlreiche Workshops zu verschiedenen Bereichen der Zahnmedizin, in denen theoretisch vermitteltes Wissen unmittelbar praktisch dargestellt wurde und von den Teilnehmern in Übungen angewendet werden konnte.

Wien hatte natürlich auch als Rahmenprogramm einiges zu bieten…
Am Donnerstagabend gab es einen Festakt zur Eröffnung des Neubaus der Universitätszahnklinik mit der Möglichkeit, die neuen Einrichtungen zu besichtigen. Der Klinikneubau stellt einen Meilenstein im universitären Umfeld der Wiener Zahnmedizin dar. Es ist mehr als beeindruckend, was den jungen Kollegen hier hinsichtlich der Ausbildung geboten werden wird. Die Führung durch die einzelnen Räumlichkeiten hat gezeigt, dass hier ein höchster Standard erzielt wurde, der sich weltweit sehen lassen kann.
Auch der Freitagabend im futuristischen Foyer der Kunsthalle Wien im Museumsquartier war sehr gut besucht. Die gute Stimmung zum Generaltitel dieses Abends „Jazz, Chill & Arts“ hielt bis in die Nacht hinein. Auch die Führung durch die Fotoausstellung „The Street as a Studio“ fand regen Zuspruch. Musikalisch wurde der Abend vom Christian Plattner Jazz-Quartett begleitet – für mich absolut das Highlight dieses Abends. Christian Plattner ist einer der tragenden jungen Jazzer Österreichs. Er bot mit seinem Quartett eine sehr gute, aber nicht aufdringliche Performance. Der Ausklang mit DJ und Disco hat den Abend dann wunderbar abgerundet.

Ihr Resümee?
Der Kongress hat fachlich einen kompletten Bogen über alle Disziplinen der Zahnheilkunde gespannt. Derart allumfassende Kongresse werden immer seltener, da es häufig im Vorfeld auch schwierig ist, die Kollegenschaft zu interessieren. Ich denke, dass der Zeitpunkt Ende September/Anfang Oktober ein sehr guter für den Zahnärztekongress ist und auch die Tradition mit Rotation durch die Bundesländer beibehalten werden sollte.  Wie schon erwähnt, hat mich insbesondere auch die so rege Beteiligung der Industrie sehr gefreut, ohne die eine solche Veranstaltung nicht möglich wäre. Unter den über 900 Kongressteilnehmern waren überraschenderweise auch viele Tagesgäste, was heutzutage eher unüblich ist und vielleicht auch auf den Veranstaltungsort in der Großstadt zurückzuführen ist. Außerdem zählten zu den Besuchern 30 Zahntechniker und 106 zahnärztliche Assistentinnen sowie 56 Studenten – eine bemerkenswerte Zahl, die zeigt, dass auch das Interesse der jungen Kollegen zunimmt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Dr. Myriam Hanna-Klinger

 

Posterpreis

Parallel zu den wissenschaftlichen Vorträgen beim ZÄK wurden auch wieder neue Studienergebnisse im Rahmen einer Posterausstellung präsentiert und ein mit 1.000 Euro dotierter Poster Award verliehen.
Prämiert wurden die Poster von Dr. Elisabeth Gruber, Dr. Carmine Skorianz sowie Dr. Philip Graf, alle von der Abteilung für Orale Chirurgie der Medizinischen Universität Wien. Dr. Gruber ging in einer präklinischen Studie an MT1-MMP Knock-out Mäusen der Frage nach: „Ist der Zellkörper von Osteozyten mechanosensitiv?“, Dr. Skorianz präsentierte ein Poster zum Thema „Platelet-rich Plasma und Platelet-released Supernatant verhalten sich konträr in Bezug auf die Osteoklastogenese“ und Dr. Graf stellte die Frage: „Gibt es einen Unterschied in der Ansprechbarkeit zwischen Zellen, die aus dem Beckenkamm, dem Alveolarknochen oder dem Periost gewonnen wurden?“ 


Der Österreichische Zahnärztekongress 2011 findet gemeinsam mit dem Kärntner Seensymposium unter Patronanz der ÖGZMK, Zweigverein Kärnten, sowie der Landeszahnärztekammer Kärnten vom 22. bis 24. September 2011 im Congress Center Villach statt. Nähere Informationen unter:
www.zk2011.at

* A.o. Univ.-Prof. Dr. Karl Grammer, Verhaltensforscher und Evolutionsbiologe, Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Stadtethologie in Wien und außerordentlicher Professor an der Universität Wien am Department für Anthropologie

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