Zahn Krone 03/11
Innsbrucker Zahn-Prophylaxetage 2010: „Listen to your inside“
Mit ihrem Sommerhit „Listen to your inside“ brachte Alexandra Caró von Anfang an Schwung und Inhalt in diese traditionell hervorragend besuchte, informative und unterhaltsame Tagung, die vom 26. bis 27. November letzten Jahres wieder in Innsbruck stattfand.
Lifestyle-Prophylaxe
Der Tagungsleiter, Prim. DDr. Elmar Favero, und Univ.-Prof. Dr. Johannes Einwag zeigten in ihrem Einführungsvortrag eindrucksvoll, wie der Begriff Lifestyle auch in der Zahnheilkunde Eingang gefunden hat. Es wird heute viel über Bleaching und Esthetic Dentistry gesprochen, obwohl schon immer die zahnmedizinische Rehabilitation und Behandlung mit Ästhetik Hand in Hand gegangen ist. Nach wie vor sollten die medizinischen Aspekte und die Prävention bei der Betreuung und Behandlung unserer Patienten im Vordergrund stehen.
Präventives Gesamtkonzept
Dr. Christopher Köttgen erläuterte in seinem Vortrag „Parodontale Erhaltungstherapie und präventionsorientierte Zahnreinigung – ein Praxiskonzept“, wie ein praxisgerechtes Konzept mit einem praxistauglichen und strukturierten Recall umgesetzt werden kann. In seiner Praxis werden alle Patienten, ob zahngesund, parodontologisch vorbehandelt oder implantologisch versorgt, in ein präventives Gesamtkonzept eingebunden, um einen möglichst langfristigen Zahnerhalt zu gewährleisten. Köttgen ist überzeugt, dass dieses Vorhaben nur gelingen kann, wenn das gesamte Ordinationsteam einbezogen wird und – entsprechend motiviert – den Patienten betreut. Entscheidend für ihn sind die konsequente, koordinierte Durchführung der einzelnen Maßnahmen, die Kontinuität der Betreuung und die Kooperation aller Beteiligten. Das bedeutet, dass jedes Teammitglied und auch der Patient über das Konzept informiert werden, denn nur durch gemeinsames Handeln kann ein nachhaltiger Erfolg sichergestellt werden. Ein kompetentes Vorgehen, d.h. die Beherrschung des aktuellen Wissensstandes bezüglich Ätiologie, Diagnostik, Prävention und Therapie von parodontalen und periimplantären Erkrankungen sowie Prophylaxe und Vermeidung periimplantärer Entzündungen, ist dabei selbstverständlich.
Vor allem auf die Nachsorge lege er großen Wert, so Köttgen, da nur diese Langzeiterfolge in allen genannten Bereichen gewährleisten könne.
Zahncremen als „Vielkönner“
Univ.-Prof. Dr. Stefan Zimmer präsentierte in seinem Vortrag „Zahnpasten – Hightech aus der Tube“ die neuesten Entwicklungen bei den Zahnpasten und deren Inhaltsstoffen. Juristisch gesehen, ist die Zahnpasta ein Kosmetikum, dessen Aufgabe im Wesentlichen die Reinigung und Pflege der Zähne sowie die Vermittlung eines frischen Duftes ist. Seit die Zahnpasta vor etwas mehr als 100 Jahren erstmals in Tuben abgefüllt wurde, hat sie sich nach und nach zu einem echten Hightech-Produkt entwickelt, das zahlreiche Aufgaben übernehmen kann. War es zunächst vor allem das Fluorid, das den Zahncremen zur „Härtung“ von Schmelz und Dentin zugesetzt wurde, so entwickelte sich die Zahncreme in den letzten Jahren zunehmend zum „Vielkönner“.
Je nach Zusammensetzung verfügen Zahncremen über plaquehemmende Eigenschaften, reduzieren die Zahnsteinbildung, lindern empfindliche Zahnhälse und können sogar Gingivitis und Parodontitis vermeiden helfen. Während die ursprünglich im Vordergrund stehende Aufgabe, nämlich die Unterstützung der mechanischen Reinigung der Zähne, lange Zeit in den Hintergrund getreten war, hat sie in den letzten Jahren wieder deutlich an Bedeutung gewonnen.
Welche Zahnpasta ist nun die Richtige? Die Antwort: Das kommt ganz auf den Patienten, d.h. seine individuellen Probleme, an! Handelt es sich beispielsweise um einen Patienten mit Kariesrisiko, dann muss die Zahnpasta eine wirksame Fluoridverbindung enthalten. Ohne Fluoride wäre es für ihn geradezu eine Katastrophe. Metastudien haben gezeigt, dass die Karieshemmung fluoridhaltiger Zahnpasten – einmal tägliches Putzen vorausgesetzt – um 24% besser ist als jene von fluoridfreien Zahncremen. Bei zweimal täglichem Putzen kann der Effekt auf 36% gesteigert werden. Darüber hinaus kommt es auch auf den Fluoridgehalt an – über 1.000 ppm sollten es unbedingt sein.
Abrasivstoffe gehören ebenfalls zum „Muss“ einer jeden modernen Zahnpasta.
Sie bewirken eine verbesserte Plaqueentfernung und verbessern auf diese Weise den Schutz vor Gingivitis und Parodontitis. Gleichzeitig optimieren sie die Wirkung der Fluoride. Selbstverständliche Inhaltsstoffe sind auch Tenside. Als oberflächenaktive Substanzen sorgen sie u.a. für eine gute Verteilung der Wirkstoffe.
Von den über 120 auf dem Markt befindlichen Zahncremen versprechen viele auch einen Zusatznutzen etwa gegen hypersensible Zähne mit spezieller Antizahnsteinformel oder für extra weiße Zähne. Laut Zimmer tritt die Wirkung dieser Pasten vor allem dann ein, wenn die Verfärbungen extrinsischer Natur sind, also von außen kommen. Nach einer professionellen Zahnreinigung könnten solche Zahncremen durchaus die Entwicklung neuer Verfärbungen hinauszögern. Im Zuge des in der Zahnmedizin grassierenden Ästhetikbooms haben so genannte „Weißmacher- Zahnpasten“ enorm an Bedeutung gewonnen.
Interdisziplinäres Vorgehen bei Bulimie
Sehr interessant war auch der Vortragsblock zu Bulimie: Der Internist Univ.- Prof. Dr. Wolfgang Vogel erläuterte, welche differentialdiagnostischen Befunde beim Erbrechen zu beachten sind und dass die so genannte Refluxkrankheit relativ häufig vorkommt.
Univ.-Prof. Dr. Adrian Lussi zeigte mit beeindruckenden Bildern die erosiven Veränderungen der Zahnhartsubstanzen im Rahmen der Bulimie auf. Er betonte, dass der Zahnarzt oft der erste Arzt sei, der das Krankheitsbild entdeckt und daher auch verpflichtet ist, mit dem Patienten über das Problem zu reden und ihn entsprechend aufzuklären. Dabei ist die Erstdiagnose nicht immer einfach: Dentale Erosionen sind vor allem im Anfangsstadium schwierig zu diagnostizieren, da sich die Schmelzoberfläche zu Beginn gleichmäßig verändert. Erst im fortgeschrittenen Stadium bilden sich Dellen und/oder es kommt zur Dentinexposition, sodass die Läsionen klinisch deutlich sichtbar werden. Der Patient selbst wird auf die Läsion erst dann aufmerksam, wenn die Zähne aufgrund der dünnen Schmelzschicht „gelber“ oder „überempfindlich“ werden.
Je nach Lokalisation der erosiven Veränderungen können Rückschlüsse auf ihre Ursache(n) gezogen werden. Treten die Säureschäden vorwiegend an den Palatinalflächen der Oberkieferfrontzähne auf, so ist eine Exposition aufgrund endogener Säuren, z.B. durch Erbrechen, wahrscheinlich. Asymmetrische okklusale Erosionen vor allem im Unterkiefer dagegen können einen Hinweis auf gastroösophagealen Reflux während der Nacht darstellen.
Der Psychotherapeut Mag. Dr. Christian Zitt erklärte die komplexen und komplizierten psychologischen und psychischen Hintergründe bei Bulimie mit Fressanfällen und anschließendem selbstinduzierten Erbrechen.
Alle Referenten betonten ausdrücklich, dass bulimischen Patienten nur in Zusammenarbeit von Zahnarzt, Internisten und Psychotherapeuten umfassend geholfen werden könne.
Die periimplantäre Entzündung
Prof. Dr. Jürgen Becker sprach abschließend über „Periimplantitis – Ätiologie und aktuelle Therapiekonzepte“. Die Ätiologie periimplantärer Entzündungen ist, ebenso wie die Ätiologie der Karies und der Parodontalerkrankungen, ein multifaktorielles Geschehen, das nicht nur durch die Anwesenheit eines mikrobiellen Biofilms, sondern auch durch funktionelle und systemische Einflussfaktoren geprägt ist. Risikofaktoren sind vor allem schlechte Mundhygiene, eine parodontale Vorgeschichte und Rauchen. Diabetes und Alkoholkonsum scheinen ebenfalls einen negativen Einfluss zu haben. Genetische Polymorphismen sind in Kombination mit dem Rauchen von Bedeutung. Auch Fehl- und Überbelastungen sollten vermieden werden.
Die Andersartigkeit der Verankerung des Implantats (Osseointegration) und des normalen Zahnes (Parodontium) hat Konsequenzen sowohl für die Diagnostik als auch für die Prävention und die Therapie. Die bewährten Konzepte zur Prävention, Diagnostik und Therapie von Parodontalerkrankungen können daher nicht unverändert für die Verhältnisse im Umfeld der Implantate übernommen werden. Um zwei Beispiele zu nennen:
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Eine korrekte Diagnose der periimplantären Entzündung ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie. Sondierung um Implantate sollte allerdings nur selten und äußerst sanft erfolgen. Mit einem Druck von 0,25 N kann das histologische Attachment-Niveau relativ zuverlässig bestimmt werden. Steigt der Druck auf > 0,5 N, penetriert die Sonde in den Alveolarknochen. Während der Heilungsphase nach Implantatsetzung sollte gänzlich auf das Sondieren verzichtet werden.
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Bei den modernen Implantatsystemen handelt es sich meist um Schrauben mit rauen Oberflächen. Eine Reinigung dieser Strukturen mit Handinstrumenten und/oder maschinellen Systemen ist praktisch nicht möglich. Die Entfernung des Biofilms in klinisch relevanten Größenordnungen ist nur durch Einsatz von Pulverstrahlgeräten – nach vorheriger chirurgischer Freilegung – möglich. Der Erfolg einer nicht-chirurgischen Therapie der Periimplantitis ist nicht vorhersagbar.
Die von Cornelia Bernhardt und ihrem Team wie immer hervorragend organisierte Tagung wurde mit einer engagierten und umfangreichen Firmenausstellung komplettiert.
Nächste „Innsbrucker Zahn-Prophylaxetage“:
25. – 26. November 2011 im Congress Innsbruck;
www.zahngesundheit-tirol.at
Prof. Dr. Johannes Einwag
1. Vorsitzender der Gesellschaft für Präventive Zahnheilkunde
Prim. DDr. Elmar Favero
Verein Zahn Gesundheit Tirol
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