Das KI-Mysterium

Ja, ich weiß: Sie können vermutlich das leidige Thema KI nicht mehr hören.
Zu viele Anfragen gab es dazu in den letzten Tagen und Wochen, zu viele Kammerinfos und vermutlich auch zu viele aufgebrachte Kunden vor der Tara.

Nuklearunfall? Passiert nicht in D!

Ich darf vermelden: In Deutschland ist das nicht annähernd so wild – weder in meiner Erfahrungswelt noch bei den interviewten Kolleginnen und Kollegen in anderen Landesteilen. Da fragt zwar schon ab und an einer nach, aber im Großen und Ganzen hält sich das Interesse im Vergleich zur Alpenrepublik doch sehr in Grenzen. Klingt jetzt vermutlich super in Ihren Ohren, und vielleicht sind Sie sogar ein wenig neidisch. Könnte man aus Sicht eines entspannten Apothekerlebens vielleicht auch sein – nicht aber aus Sicht der Bevölkerungssicherheit und schon gar nicht aus Sicht der Wichtigkeit der Vor-Ort-Apotheke.

Seit das Thema KI so prominent und aus wirklich traurigem Anlass aufgepoppt ist, versuche ich herzauszufinden, wie die Verteilung der KI-Tabletten in Deutschland stattfindet. In Österreich war das für mich ganz selbstverständlich. Da hatten wir große Kartons mit den Gratispäckchen im Keller lagern, ab und an kam die Anfrage eines Kindergartens oder einer Schule, und was nicht geholt worden war (also das Allermeiste), wurde in regelmäßigen Abständen ausgetauscht.

Wo stecken die KI-Tabletten?

Im Arzneikeller meiner germanischen Pillenstube findet sich nicht ein Päckchen KI zur Abgabe an Kinderbetreuungseinrichtungen oder Familien. Auch nicht im Dekolager, im Rechnungsarchiv oder vielleicht im Heizungskeller. Ich habe gründlich gesucht. Auf Nachfrage bei meinen Kolleginnen kam nur ein Achselzucken. KI-Tabletten zur Einnahme bei einem Reaktorunglück?
Nein, nie gehört, nie gesehen.

Mein Chef, der allwissende Pharmazierat, hat ebenfalls keine Ahnung, wie die Berechtigten im Falle des Notfalles zu ihrer Dosis Jodblockade kommen. Und meine Kollegin, der Wissenswunderwuzzi, die nicht nur in der PTA-Schule unterrichtet und beim Landesapothekerverband als Delegierte im Einsatz ist, sondern auch deutschlandweit im Dienste der größten Apotheken-Mediengruppe rumflitzt (also wirklich alles weiß, sogar noch mehr als mein allwissender Chef) konnte mir nicht sagen, wie der KI-Hase läuft.

Letzter Anlauf: Internetrecherche. Auch hier ist das Ergebnis eher ernüchternd. Angeblich würde bei einem Reaktorunfall in einem Radius von 100 km um das AKW eine Prophylaxe ausgegeben werden. Das war’s aber auch schon mit Information. Wo die Tabletten gelagert werden und wie die Distribution erfolgen soll: Fehlanzeige!

Erstanlaufstelle Apotheke?

Und wieder einmal komme ich zu der Erkenntnis, dass in Österreich 1.) vieles besser organisiert ist als in D (ich weiß, das will man nicht glauben, wenn man die Alpen- als Bananenrepublik bezeichnet, ist aber so) und 2.) die rotweißrote Apothekerschaft einen wesentlich höheren Stellenwert für die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung hat als die germanischen Kollegen. Das hat sich jüngst bei den COVID-Tests und der wesentlich besseren Honorierung gezeigt und wird auch nun beim Katastrophenschutz sichtbar.

In Österreich ist die Apotheke die Gesundheitserstanlaufstelle – auch in Krisenzeiten. In Deutschland bekommt man in der Apotheke die Umschau und eine Gratispackung Taschentücher.