Mythen und Fakten

Jetzt ist es also tatsächlich so weit: In ganz Deutschland dürfen die Apotheker impfen. So wurde es zumindest in den Medien kolportiert – und so hat es auch die Österreichische Apothekerkammer schon in den sozialen Medien verkündet.

In der apothekerlichen Niederungen Deutschlands ist dieser ambitionierte Plan allerdings noch nicht angekommen. Zwischen Theorie und Praxis oder besser gesagt: zwischen Regierungsverkündung und tatsächlicher Umsetzung in den Apotheken klafft eine große Lücke. Genau genommen sogar mehrere:

  1. die nicht vorhandene Ausbildung
    Derzeit sind es in ganz Deutschland nur wenige Modellregionen, in denen Grippe geimpft werden darf. Dementsprechend gering ist daher momentan der Impf-Ausbildungsstand. Der Apothekerverband meint zwar, dass er mit flächendeckenden Schulungsangeboten quasi in den Startlöchern steht – ob diese aber wirklich so kurzfristig durchgezogen werden können, wage ich in Frage zu stellen. Weniger wegen der aktuellen Corona-Beschränkungen. Die kann man vermutlich mit der Begründung der Dringlichkeit irgendwie aufweichen. Das Problem, das ich vermute, wird die kurzfristige Bereitschaft der Kolleginnen und Kollegen zur Teilnahme sein. Denn aktuell werden die Apotheken gestürmt, um Impfzertifikate zu digitalisieren, und sie können den enormen Arbeitsaufwand gerade noch so stemmen. Ob die Apotheke da einfach für die nächste oder übernächstes Woche ihre Apotheker einen Tag lang zur Fortbildung abstellen will oder kann, möchte ich anzweifeln. Und dann gibt es da ja noch so etwas wie das Weihnachtsfest, das vielleicht auch bei dem einen oder anderen Apotheker bereits die Freizeitplanung zum Jahresausklang bestimmt.
  2. der nicht vorhandene Impfstoff
    Nachdem nun einige Wochen lang die Ärzte bei den diversen COVID-Impfstoffen aus den Vollen schöpfen konnten und alle Bestellmengen 1 : 1 geliefert wurden, kommt es seit letzter Woche wieder zu Kürzungen. Bei BioNtech wurde die Wunschmenge der Ärzte auf ca. ⅓ reduziert, Moderna ist derzeit (noch) unkontingentiert zu bekommen. Und obwohl ich wirklich ein großer Fan von „Impfen in der Apotheke“ bin, stelle ich doch in Frage, ob Apotheker impfen sollen, wenn nicht einmal für die Ärzte genügend Impfstoffe verfügbar sind. Aber vielleicht ist dies nur ein vorübergehendes Problem.
  3. die finanzielle Abgeltung
    Was wir für das Impfen bekommen sollen, ist noch nirgends aufgeführt. Nachdem wir derzeit bei der Abrechnung der Corona-Tests auf das Niveau der kommerziellen Teststellen mit Hilfspersonal gestuft wurden, bleibt abzuwarten, was dem Bund der apothekerliche Impfeinsatz wert ist. Jene 12 Euro, die wir derzeit für das Grippeimpfen lukrieren, werden mit dem Mehraufwand beim COVID-Impfstoffhandling vermutlich keine breite Teilnehmerschaft anlocken.
  4. die räumlichen Voraussetzungen
    Diesen Punkt hatte ich bereit angesprochen, als ich Ihnen von der Grippeimpfaktion berichtete. Die Impfung muss in einem Raum durchgeführt werden, in dem auch ein Bett bzw. eine Liege positioniert ist. Und hier stoßen vermutlich viele Apotheken an ihre räumlichen Grenzen. Und während beim Testen ein Ausweichen in Räumlichkeiten außerhalb der Betriebsfläche gestattet ist, muss das Impfen (zumindest nach Stand der Grippeimpfung) in den zugelassenen Apothekenräumen vonstattengehen. Als Notlösung könnte man vielleicht außerhalb der Öffnungszeiten die Nachtdienstliege in die Offizin schleppen und dann dort impfen. Ob man das will und die Manpower für zusätzliche Arbeitsstunden ausreicht, muss jede Apotheke für sich entscheiden.

Sie merken, ich bin skeptisch, ob das flächendeckende Corona-Impfen in Apotheken Anfang nächsten Jahres tatsächlich stattfinden kann. Sollte es aber machbar sein (und damit meine ich, dass alle oben erwähnten Lücken zufriedenstellend gefüllt oder zumindest überbrückt sind), werde ich ganz bestimmt auch bei der Corona-Impfung mit dabei sein. Ich hoffe allerdings sehr, dass gerade beim 3. Punkt die Wertschätzung unserer Leistung jener der Ärzte entsprechen wird. Eigentlich sollte sie sogar höher sein, denn während in den Arztpraxen die entsprechenden Strukturen bereits vorhanden sind, müssen die Apotheken (wieder einmal) über Nacht ganz neue Voraussetzungen schaffen. Dass uns das gelingt, bin ich überzeugt. Dass wir entsprechend honoriert werden …