Sag mir, wo die Apotheker sind …

Deutschland leidet an einem akuten Mangel an Apothekern. Was für Angestellte auf den ersten Blick erfreulich klingt, treibt durchaus seltsame Blüten – und vielleicht einen ganzen Berufsstand aufs Abstellgleis.

Aus reiner Neugierde verschlägt es mich in unregelmäßigen Abständen immer einmal wieder zu den Stellenanzeigen der österreichischen Gehaltskasse. Erstaunt stellte ich bei meinem letzten Digitalbesuch fest, dass sich die Liste der offenen Arbeitsplätze massiv verlängert hat. Im Vergleich zu den Stellenangeboten in Deutschland nimmt sich das aber immer noch bescheiden aus.

Mangelberuf Apotheker*in

Bereits vor mehr als sechs Jahren, als ich den Exodus nach Germanien angetreten hatte, galt „Apotheker/in“ dort als Mangelberuf. Zwischenzeitlich hat sich die Situation am Personalmarkt tendenziell verschlechtert – zumindest aus Apothekeninhabersicht.

Für Arbeitnehmer bietet der angespannte Arbeitsmarkt nämlich enorme Möglichkeiten: Bezahlung über Tarif ist Standard, ein Dienstwagen nicht ungewöhnlich und die Unterstützung bei der Wohnungssuche immer häufiger in Stellenanzeigen zu finden.

Bevor Sie jetzt aber denken „Hurra! Auf ins gelobte Apothekerland“, möchte ich Ihre Euphorie doch etwas dämpfen: denn es kommt nicht von Ungefähr, dass es derart schwierig ist, Mitarbeiter zu finden. Die Bezeichnung „gute Mitarbeiter“ habe ich eben bewusst eingespart, denn – ganz ehrlich – man stellt derzeit wirklich fast alle(s) ein, was man bekommen kann. Aber zurück zu den nicht ganz so erfreulichen Begleitumständen.

Schlechte Bezahlung – miese Arbeitsbedingungen

Da ist als erster Punkt die *räusper* mäßige Bezahlung anzusehen. Diese liegt etwa 20–25 % unter dem österreichischen Niveau. Und ab dem 11. Berufsjahr ist keine automatische Gehaltsvorrückung mehr vorgesehen. Das schöne österreichische System der „Kammerumlage“, wo also ein Apotheker zu jeder Zeit dem Betrieb das immergleiche Sümmchen kostet, sucht man sowieso vergebens. Aber nachdem Approbierte, wie die voll berufsfähigen Apotheker deutschlandweit bezeichnet werden, derartig rares Gut sind, ist das Alter des potenziellen Arbeitnehmers derzeit ohnehin ein eher untergeordnetes Einstellungskriterium.

Der zweite Punkt, der den Arbeitsplatz Apotheke in Deutschland eher semi-sexy macht, sind die Arbeitszeiten. Es gibt hier lediglich Kernzeiten, in denen die Apotheke geöffnet haben muss, wie lange die Betriebszeiten aber tatsächlich sind, ist relativ frei handhabbar. Und aufgrund der angespannten Konkurrenzsituation, die mancherorts herrscht, kann so ein Arbeitstag mitunter schon recht lange dauern. Samstags schließt kaum eine Pillenstube vor 13:00 Uhr, und in frequenten Lagen ist es nicht unüblich, dass auch zum Wochenfinale der Rollbalken erst um 20:00 Uhr runtergelassen wird.

Last, but not least sind die Arbeitsbedingungen an sich auch kein Quell täglicher Freude. Von Seiten der Kassen wird den Apotheken ein äußerst wirres Korsett aus Rabattverträgen und Importquoten übergestülpt. Das zu durchschauen ist per se nicht einfach und ohne Computerkassenunterstützung unmöglich durchzuführen – es macht aber auch das Kundengespräch nervenzehrend. Denn in der Praxis wird selten die Firma abgegeben, die der Arzt tatsächlich am Rezept verordnet hat (sondern die jeweilige – sich regelmäßig ändernde! – Vorgabe der Krankenkasse). Müßig zu erwähnen, dass dies bei den Kunden auf wenig Freude und mäßig viel Verständnis stößt.

Onlinewerbung und Personalagenturen

Der eklatante Fachkräftemangel treibt mittlerweile skurrile Blüten: Manche Inhaber beschweren sich lautstark in Standesblättern über feindliche Personalabwerbeversuche der Nachbarapotheke. Andere gehen die Sache eher proaktiv an und erstellen eigene Werbefilmchen, die dann über die sozialen Medien in einschlägigen Foren ausgerollt werden.

Für die Unkreativen oder massiv Verzweifelten gibt es eigene Agenturen, die sich auf Apothekenpersonalvermittlung spezialisiert haben. Das kann zum einen die vorübergehende oder regelmäßige Kurzzeitvermittlung sein, es gibt aber auch den Auslandsapotheker aus dem Katalog. Kein Witz. Hatte ich selbst mal in der Hand bzw am Bildschirm. Da werden vorwiegend Apothekerinnen (also weibliche Kräfte) mit Foto und Steckbrief meist osteuropäischer oder nordafrikanischer Provenienz angeboten. Dazu findet sich auch noch eine Zeile über die Familiensituation, also den nicht selten akademischen Gatten, der dann gerne gewillt ist, seiner Holden bei Fixanstellung nach Deutschland nachzufolgen.

Kein Personal, keine Zukunft

Bei all den verhandelbaren Benefits für die Arbeitnehmer darf nicht vergessen werden, dass sich durch den Fachkräftemangel auch die Arbeitsbedingungen in den Apotheken verschlechtern. Fehlende Arbeitskräfte bedeuten höhere Belastungen für die Belegschaft. Unterschiedliche Vergütungen und Sonderkonditionen sorgen zwangsläufig früher oder später für Unzufriedenheiten im Team. Ebenso führen große Zugeständnisse bei der Einstellung neuer Kräfte zu Unmut bei der Stammbesetzung.

Konsequenz ist, dass die guten Kräfte anderswo ihr berufliches Glück suchen (in letzter Zeit beobachte ich, dass das immer seltener in einer weiteren Apotheke, sondern in ganz neuen Berufsfeldern stattfindet). Was wiederum bedeutet, dass die gesamte Perfomance der Apotheke darunter leidet und die Qualität der Apothekenleistung aus Kundensicht schlechter wird. Wenn das in einer „Filiale“ passiert, wandert der Kunde eben zur Nachbarapotheke. Die Apothekendichte ist in Deutschland ja (noch!) groß. Wenn er dort aber auch lange warten muss, von einem muffeligen Mitarbeiter bedient wird, der seine letzte Fortbildung im vergangenen Jahrtausend absolviert hat und lustlos auf seinen Feierabend hinarbeitet, wird sich der Kunde vermutlich eine ganz andere Alternative zur Vor-Ort-Apotheke suchen. Was das mittelfristig für einen Berufsstand bedeutet, der ohnehin gerade schwer gegen die wachsende Onlinekonkurrenz anzukämpfen hat, mag ich mir gar nicht ausmalen.