Weites Land

Ein Unterschied zwischen meiner alten und neuen Heimat, der mir just in diesem Moment, als ich die Zeilen in meinen Laptop tippe, bewusst wird, ist die Flächenausdehnung.

Wie Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, vermutlich bekannt ist, verbringe ich meine Freizeit gerne damit, die Kollegenschaft zum Behufe der Fortbildung zu bespaßen. Dies tue ich nicht nur nach wie vor auf rot-weiß-rotem Terrain (und ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich für Ihre Fortbildungszuhörertreue bedanken), sondern auch in meiner Wahlheimat. Begonnen hat dies bereits kurz nach meinem Exodus, und da ich ausschließlich für österreichische Firmen unterwegs bin (jaja, Qualität made in A ist in deutschen Apotheken gut aufgestellt), sah und sieht man mir den in nördlicheren Regionen auch gerne als bayerische Provenienz gedeuteten Zungenschlag nach.

Halb Deutschland = 2× Österreich

Just in diesem sprachlichen Fremdland bin ich gerade unterwegs. Ganz exakt befinde ich mich im quietschgrünen FlixTrain von Berlin nach Düsseldorf, habe aktuell 2 Stunden Fahrt hinter und wenig erfreuliche 3 Stunden vor mir. Gestern bereits brachte mich der euro-beflügelte Blechvogel von Stuttgart in „meine“ Bundeshauptstadt und morgen Abend chauffiert mich die deutsche Bahn dann von DüDo wieder zurück in mein schwäbisches Umfeld.

Wenn ich nach meinem kleinen Trip wieder zu Hause bin, habe ich in 3 Tagen 1.700 km zurückgelegt. Eine Strecke, die länger ist, als wenn Sie in Österreich vom allerwestlichsten zum alleröstlichsten Zipfel und wieder zurück fahren würden. Während ich in Österreich selbst bei ungünstiger Tourplanung (leider richten sich Hotelverfügbarkeiten und Konkurrenz … Pardon: Mittbewerberveranstaltungen nicht immer nach meiner Bequemlichkeit) im Tagesschnitt 150 bis 300 km abspule, sind Distanzen von 500 km und mehr hier in Deutschland durchaus die Regel.

Corona-Regel ≠ Corona-Regel

Besondere Würze in meine aktuellen Reisen bringt, dass unterschiedliche Bundesländer und teils auch größere Städte ihre eigenen Corona-Regeln ausrufen. Während einerorts ein einfacher medizinischer MNS reicht, darf andernorts nur durch FFP2 geschnuffelt werden. Die eine Stadt sieht Registrierungen in Restaurants als freundliche Empfehlung, in einer darf man nur mit digitalem Fußabdruck den Einzelhandel betreten und in der Gastronomie ausschließlich als 3G verweilen.

Was macht daher die deutsche Weltenbummlerin? Sie geht auf Nummer sicher, hat eine Großfamilien-Wochenration FFP2- und MNS-Masken im Gepäck (o. k., Sie haben Recht: vermutlich wäre meine Ausstattung bei manchen Zeitgenossen auch für ein Jahr ausreichend), bleibt prinzipiell vor jedem Ladenlokal stehen, liest brav sämtliche Aushänge (was derzeit erstaunlicherweise weniger Corona-Verhaltensregeln als vielmehr Stellenanzeigen sind) und beobachtet das indigene Volk in seinem Verhalten.

Work + Vacation = Worcation

Aber ich möchte gar nicht jammern, denn letztendlich bringen mich meine Reisen quer durch Deutschland an Plätze, für die ich als gemeiner Urlaubstourist vermutlich in Summe viele Jahre benötigt hätte. Zugegeben, die verfügbare Zeit ist meist kurz, aber in Metropolen wie Düsseldorf, Bremen, Bonn oder Nürnberg reicht ein kleiner Spaziergang durch die Innenstadt meist schon aus, um das Flair der Stadt aufzunehmen.

Gestern beim Mittagsasiaten an der Grenze Berlin-Mitte – Prenzlauer Berg saßen zwei Hipster am Tisch neben mir und unterhielten sich, dass sie schon mehrere Jahre (karrieregeschuldet) keinen Urlaub mehr hatten. Allenfalls auf „Worcation“ hätten sie sich manchmal befunden. Die zwei Hipster fand ich jetzt ein bisschen selbstverliebt, doch ich glaube, den Begriff „Worcation“ werde ich annektieren, weil er mir für meine Referentenausflüge richtig gut gefällt.

Daher, liebe Leserinnen und liebe Leser: Ich hoffe, wir sehen uns bald bei einer meiner Worcations in der Heimat wieder.