Jüngere und Niedergelassene haben häufiger ein DFP-Diplom

ARZT & PRAXIS: Herr Dr. Krainer, Sie sind Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin am LKH Klagenfurt. Wo liegen die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

Dr. Bernd Krainer: Als Anästhesist bin ich vorwiegend im OP tätig, hier liegen die Schwerpunkte neben der peri- und postoperativen Betreuung im OP-Management und in der Kinderanästhesie. Die Regionalanästhesie, aber auch die „Nicht-Standard“-Settings sind mir persönlich ein Anliegen, also die „Exotenjobs“. Im Rahmen meiner innerbetrieblichen Möglichkeiten setze ich mich vor allem für die jungen Kolleginnen und Kollegen ein.

Wie steht es um das krankenhaus­interne Fortbildungsangebot in Ihrem Spital?

Wir haben eine sehr gute Fortbildungsstruktur im KABEG-Verbund. Da wir im Klinikum Klagenfurt auch eine Kooperation mit der MedUni Graz haben, liegt der Fokus – neben den abteilungsinternen und von der Kollegenschaft initiierten Fortbildungsveranstaltungen – natürlich auch auf der Lehre. Hier ist gerade unsere Abteilung unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Likar sehr bemüht.

Welche Rolle nimmt das Krankenhaus in der ärztlichen Fortbildung ein?
Die Krankenhäuser im Allgemeinen und das Klinikum Klagenfurt am Wörthersee im Speziellen sind natürlich in der Pflicht, Fortbildungen zu veranstalten und mitzuorganisieren, liegt es doch auch in der Verantwortung der Spitalserhalter, für eine adäquate Weiterbildung der ärztlichen, aber auch der pflegerisch tätigen Mitarbeiter zu sorgen. Ich glaube, dass in Zukunft die Leistungs­zusagen an einen Spitalsstandort und damit budgetäre Änderungen sehr eng an die Leistungsfähigkeit der einzelnen Mitarbeiter, d. h. unter anderem an deren „skill level“ angepasst werden.

Sie sind außerdem Fortbildungsreferent der Ärztekammer für Kärnten. Welche Aufgaben und Ziele haben Sie in dieser Funktion?
Ich bin seit 2012 Fortbildungsreferent und lege neben den routinemäßigen Agenden eines jeden Fortbildungsreferenten sehr viel Wert auf Fortbildungen im Ausbildungsbereich sowie in Randgebieten der Medizin. So initiierten wir unter anderem eine Fortbildungsreihe mit Hauptfokus auf Verbandslehre – ein Spannungsfeld, da sich viele Ärzte nicht im Klaren darüber sind, dass die Anordnungsverantwortung auch für pflegerische Anordnungen wichtig ist. Mit der GKK konnte für diese Veranstaltungsreihe ein Partner zur Verbesserung des Wissensstandes in dieser Nische gewonnen werden. Außerdem erfolgte in Kärnten vor Kurzem ein weiterer Rollout des DMP Diabetes, des Disease-Management-Programms zur standardisierten Behandlung von Diabetikern. Hier wollen wir österreichweit an die Spitze. Weitere DMPs werden noch folgen.
Da Kostentransparenz und Effektivität für uns keine leeren Worthülsen sind, habe ich bereits im ersten Jahr meiner Funktion die Kosten des Fortbildungsreferats deutlich senken können, was uns erlaubt, auch alternative Wege mitfinanzieren zu können.
Ein wichtiges Ziel im Hinblick auf den 1. September 2016, wenn alle Ärzte erstmals einen Fortbildungsnachweis erbringen müssen, ist es, die Ärzteschaft in Kärnten, die sich wirklich fleißig fortbildet, auch statistisch so darzustellen: Allesamt gut fortgebildet! Im Herbst wird sich zeigen, inwieweit wir dieses Ziel erreicht haben. Wir sollten dabei nicht vergessen, dass gerade im angestellten Bereich sehr viele Experten vor allem internationale Fortbildungen besuchen. Diese Fortbildungen werden oft nur in äußerst unzureichendem Maße abgebildet, da die Kollegen die Teilnahme selten händisch im DFP-Konto eintragen.
Allgemein ist es das Ziel des Fortbildungsreferats, auf alle Wünsche der Kollegenschaft einzugehen und ein ganz, ganz breites Spektrum der Wissensvermittlung zu ermöglichen.

Wie motiviert die ÄK Kärnten die Ärzte zu regelmäßiger Fortbildung?
Wir haben viele Fixveranstaltungen, die im Frühjahr bekannt gegeben werden, gehen aber auch neue Wege, um wirklich ein breites Angebot präsentieren zu können. Die Kollegenschaft soll nicht um die halbe Welt reisen müssen, um qualitativ hochwertige Fortbildungen angeboten zu bekommen. Auch ­versuchen wir, unsere Preisgestaltung so niedrig zu halten, dass der finanzielle Aspekt kein Hindernis darstellt. Hier erhalten wir interessanterweise ein extrem positives Feedback von Kollegen aus anderen Bundesländern.

Was erwarten Sie sich für den Stichtag 1. September 2016?
Wir werden in Kärnten zahlenmäßig im Österreich-Schnitt liegen, es wird aber immer Luft nach oben geben, da das DFP-Diplom an sich ja nicht ­verpflichtend ist, der Nachweis, sich fortzubilden, aber schon. Wie der Nachweis zur Glaubhaftmachung aussieht, ist dabei prinzipiell unerheblich, eine etablierte und standardisierte Form ist aber das Diplom-Fortbildungs-Programm (DFP).
Ich spüre schon jetzt Tag für Tag, dass sich meine Kolleginnen und Kollegen im direkten Umfeld massiv für das DFP und dessen Diplom zu interessieren beginnen. Das trifft besonders auf die Generation 50+ zu. Unter den jüngeren Ärzten findet sich bereits eine deutlich höhere Anzahl an DFP-Inhabern. Das mag auch daran liegen, dass die junge Generation die Hilfe und Möglichkeiten des Internets besser für sich nutzt.
Das DFP ist NICHT verpflichtend, sehr wohl aber, sich regelmäßig fortzubilden. Wie genau der Nachweis aussieht, ist zur Glaubhaftmachung recht unerheblich; eine etablierte, standardisierte Form ist aber das DFP.

Welche Faktoren haben, abgesehen vom Alter, Einfluss auf die Anzahl der beantragten DFP-Diplome?

Angestellte Ärzte haben zum Beispiel weitaus mehr Fortbildungen als niedergelassene Ärzte, aber einen deutlich geringeren Anteil an Diplomen. Dafür gibt es ganz klare Gründe. Die angestellten Kollegen sind zwar massiv auf Kursen und Kongressen zu finden sowie auch auf Bezirksfortbildungen, und natürlich nimmt vor allem die junge Generation den Bereich Online-Fortbildung massiv wahr, bis dato war es aber im Angestelltenverhältnis nicht zwingend notwendig, sich mit einem Diplom fortzubilden. Diese fehlende Notwendig­keit war sicher kein Motivator.
Manche Angestellte wollten aber vor allem aus Reihungsgründen ihre DFP-Punkte nicht geltend machen, da sie dann oftmals aufgrund der geltenden Reihungsbestimmungen externe Kollegen (z. B. ohne Facharztabschluss) deutlich überholt und damit eher eine Kassenstelle zugesprochen bekommen hätten. Dies wurde in der Vergangenheit absichtlich gemacht, um die eigene Karriere im Krankenhaus noch ein ­wenig verlängern zu können, ohne aus der Reihungsliste gestrichen zu werden. In Zukunft wird es das aber – genauso wenig wie nicht-barrierefreie Ordinationen – in dieser Form nicht mehr geben.
Im niedergelassenen Bereich ist die Umstellung auf den 5-Jahres-Zyklus mit der Parallelschaltung mit der ÖQMed begründet, daher ist hier der Anteil an DFP-Inhabern tendenziell höher.

Richten Sie hinsichtlich des Fortbildungs­angebots das Augenmerk auf bestimmte Gruppen?

Nein, ich möchte weder die eine noch die andere Gruppe bevorzugen. Das liegt mir schon bei meinen Patienten fern – warum sollte ich das als Fortbildungsreferent tun? Jede Ärztin, jeder Arzt hat das Recht auf eine seiner Überzeugung und seinem Arbeitsstil angepasste Fortbildung. Meine Aufgabe sehe ich nicht zuletzt darin, hier Ausgewogenheit zu schaffen und auch Fortbildungen zuzulassen, die andere kontrovers diskutieren. Zu mir kann jeder kommen, der meint, eine gute Idee zu haben, und gemeinsam können wir über deren Umsetzung sprechen. Die ärztliche Gemeinschaft hört schon gar nicht vor der Kammer auf!

Welche Fortbildungsveranstaltungen sind für heuer geplant?

Natürlich sind die im April stattfindenden Notfalltage am Hafnersee und die St. Veiter Kindernotfalltage im Oktober, die jedes Jahr de facto ausgebucht sind, zwei wichtige Fixpunkte. Darüber hinaus gibt es Fixveranstaltungen, die wir anbieten müssen, und solche, die wir durch Kooperation mit anderen Landesärztekammern nicht alljährlich selbst durchführen. Neben Sono- und Echo-Kursen etc. versuchen wir jedenfalls, ein buntes Portfolio zu gestalten.
Wichtig ist uns auch eine gute Abstimmung mit der KGKK – hier ist mit dem DMP Diabetes „Therapie Aktiv“ und der Fortbildungsreihe „Wege aus dem Verbandstoffdschungel“ zumindest die richtige Richtung eingeschlagen und es wird sich in den nächsten Jahren noch einiges tun.
Neben E-Learning und Bezirksfortbildungen sowie Workshops ist eine Ausweitung der Kongresse unumgänglich. Da ich lieber persönlich Fortbildungsveranstaltungen besuche, als in diversen Fachzeitschriften CME-Credits zu sammeln, liegt mein Hauptinteresse als Fortbildungsreferent auf eben solchen Formaten, die die Menschen zusammenbringen. Hier ist mir vor allem der direkte Erfahrungsaustausch sehr wichtig, denn viel Information geht dadurch verloren, dass Menschen nicht mehr miteinander reden.

Auf welchen Themen liegt der ­Schwerpunkt 2016?

Da sich mit Jänner 2016 die neue Steuer­reform wie eine Kreissäge durch die Kollegenschaft geschnitten hat, haben wir schon letztes Jahr unser Augenmerk darauf gelegt, möglichst viele Fortbildungen auch in diesem Bereich anzubieten. Hier wird es auch heuer noch einen deutlichen Bedarf geben. An diesem Beispiel wird deutlich, dass ich versuche, aktuelle Neuerungen möglichst rasch in Fortbildungen ­umzusetzen und so das Serviceangebot entsprechend zu adaptieren. Wir haben eine sehr schlanke Organisationsstruktur, die uns im Vergleich zu anderen Institutionen eine ungleich höhere Flexibilität erlaubt.

Wie steht das Fortbildungsreferat der ÄK Kärnten zu modernen elektronischen Fortbildungsformaten?

Wir versuchen, auf Wünsche jeder Art möglichst zeitnah und akkurat einzugehen, aber auch uns sind vor allem im Hinblick auf unser Budget enge Grenzen gesetzt. Daher werden geräteintensive und arbeitsintensive Verfahren derzeit nicht angedacht. Prinzipiell unterstütze ich jedoch alles, um eine möglichst effiziente Fortbildung zu ermöglichen.
E-Learning hat den unschlagbaren Vorteil, dass die Uhrzeit unwichtig ist, kein Parkplatz benötigt wird und die Kosten de facto vernachlässigbar sind. Daher wird in Zukunft auch von uns Fortbildungsreferenten in der Akademie diskutiert werden, ob hier eine Ausweitung der maximalen E-Learning-Punkte sinnvoll ist.
Fachfilme halte ich persönlich für eher langweilig, das Format erinnert mich da schon ans Wiener Billrothhaus – dort mag es ein Erfolg sein, in Kärnten eher nicht.
Das klassische Literaturstudium ist uns allen in die Wiege gelegt, daher ist es uns so vertraut. Ich denke, es ist die gesunde Mischung, die so reizvoll ist, und da jeder Mensch andere Vorlieben hat, finde ich es gut und sinnvoll, alle Arten der Wissensvermittlung zu anzubieten.

Welche Art der Fortbildung bevorzugen Sie persönlich?

Ich persönlich habe natürlich einschlägige Fachliteratur zu meinem Fach abonniert, bin aber überzeugter „Präsenz­fortgebildeter“. Sehr gut finde ich auch Formate mit kleinen Personengruppen im interaktiven Training, da hier eine Wissensvermittlung nicht per Gießkanne ausgeteilt wird, sondern jeder Teilnehmer dort abgeholt wird, wo er persönlich steht. Das ist bei Kongressen oftmals erst im persönlichen Gespräch nach den Vorträgen möglich, deshalb schätze ich auch die persönliche Interaktion so sehr.

Das Jahr 2016 steht beim MedMedia Verlag unter dem Motto „Wertschätzung und Anerkennung“. Was verbinden Sie als Arzt mit diesen Schlagworten?

Wertschätzung und Anerkennung sind sicher zwei der Hauptantriebsfaktoren für Mitarbeiter – ja, eigentlich für jeden Menschen.
Zu Beginn meiner Ausbildung war die Parole in etwa die: Der Verdienst sei mager, aber die Wertschätzung, die einem hier widerfährt, sei der eigentliche Bonus. Mittlerweile hat sich alles gewandelt. Der Arzt, neben Schuldirektor, Pfarrer und Bürgermeister die Dorfelite, der Dorfrat, überall geachtet und geschätzt – dieses Bild ist nicht mehr existent. Die Medizin hat nicht zuletzt dank der durchwegs abschätzigen Haltung der Politik uns gegenüber viel von ihrem Stellenwert eingebüßt. Das vom MedMedia Verlag heuer hochgehaltene Motto ist eben heutzutage nur mehr ein Schlagwort. Wir sind zu Dienstleistern im Gesundheitssystem – jederzeit ersetzbar durch andere – geworden, aber immer noch mit dem Anspruch, unser ganzes Leben der Menschlichkeit und den Patienten zu widmen. Diese Haltung hat zu vielen Veränderungen geführt, sei es zur Gründung von Asklepios und der schon typischen allergischen Reaktion von Politik und eng verbandelter Gewerkschaft, sei es zur massiven Abwanderung in Nachbarländer, um das Problem nur kurz anzureißen. Wir alle leben in einer Gemeinschaft, haben Werte und Ziele, die uns wichtig sind. Wenn man diese Ziele und Werte in Abrede stellt, wird es schwierig.
Ich persönlich habe den Eindruck gewonnen, dass durch überbordende Bürokratie und Hyperdokumentation das Ziel – der Mensch in all seinen Facetten – aus den Augen verloren wurde. Apparatemedizin, Benchmarking und Doku haben bereits die gesamte nächste Generation dazu verleitet, sich ohne Laborbefund und CT, EKG und Lungen­röntgen nicht mehr zum Patienten zu wagen. Der Witz: „Ich schreite jetzt zum Äußersten, ich nehme Kontakt mit dem Patienten auf!“ hat sicher schon ein Körnchen Wahrheit in sich.
Die Überlastung in den Ambulanzen zeigt bereits Wirkung, junge Kollegen brennen aus, ältere Kollegen flüchten in die Niederlassung, aus der finanziellen Absicherung ins teils Ungewisse. Wo ist da die Wertschätzung, wenn seitens der obersten Arbeitgeber und der Politik die heile Welt proklamiert wird? Dieser Exitus hat schon seinen Anfang genommen, wie das sanfte Zurückweichen des Ozeans vor dem Tsunami.
Ich versuche, meinen Wegbegleitern mit Höflichkeit und Wertschätzung entgegenzutreten, denn: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es zurück!

Interview mit: Dr. Bernd Krainer

Fortbildungsreferent der Ärztekammer für Kärnten

Foto: Felicitas Matern


A&P 05|2016

Herausgeber: MedMedia Verlag und Mediaservice GmbH
Publikationsdatum: 2016-06-09