Wenn Stress adipös und krank macht …

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Dauerhafte oder sehr starke Stressbelastung begünstigt die Entwicklung psychischer Erkrankungen, aber auch jene von Adipositas und Diabetes. Auch kardiovaskuläre Ereignisse sind in hohem Maß mit Stress assoziiert. Bei Verdacht auf somatoforme Störungen, Depression oder Persönlichkeitsstörungen sollte in der klinischen Praxis auch immer daran gedacht werden, dass hinter diesen Erkrankungen Gewalterfahrungen stehen könnten.

Psychosozialer Stress kann krank machen. Ein stressreiches Erlebnis sehr hoher Intensität oder wiederholte stressreiche Erlebnisse führen zu Stresssymptomen und auf Dauer möglicherweise zur Erkrankung. Stressoren werden subjektiv bewertet und erzeugen Gedanken und Gefühle, die dann das weitere Verhalten bestimmen. Akute Symptome sind unter anderem Herzklopfen, Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen, Diarrhö oder Schlafstörungen, langfristig kann es zu Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, des Gastrointestinaltraktes, zu Stoffwechselerkrankungen, Tumorerkrankungen, Depressionen und Angststörungen kommen. Stressoren werden von Männern und Frauen unterschiedlich wahrgenommen, so Prim. Dr. Heidemarie Abrahamian, Internistische Abteilung an der Klinik Penzing in Wien. Während Frauen beispielsweise durch hohe Ansprüche an sich selbst oder durch Konflikte mit nahestehenden Menschen in Stress geraten, erleben Männer die Arbeit und die ständige Erreichbarkeit als Stressoren. Starke und dauerhafte emotionale Stressbelastung dürfte bei der Entstehung von bestimmten Krankheiten eine Rolle spielen. Diesbezüglich gut publizierte Studien gibt es für Insulinresistenz und Adipositas, Diabetes mellitus, Hypertonie, Depression und für manche Karzinome.

Der biologische Hintergrund ist eine dauerhafte Aktivierung der Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse mit ständig erhöhter Ausschüttung von ACTH und Kortisol sowie eine permanente Aktivierung des sympathischen Nervensystems. Beides wirkt auf das Immunsystem supprimierend.1 Bei chronischer Stressexposition stören langanhaltende Effekte der Glukokortikoide und Katecholamine physiologische Reaktionen und führen zu bestimmten Fehlfunktionen. Im „Trier social stress test“, einem standardisierten und validierten Stressmodell mit der Simulation eines stressreichen Bewerbungsgespräches, steigt der Kortisolspiegel bei allen Probanden an; bei Probanden mit ausgeprägtem Perfektionismus aber deutlicher als bei Personen, die geringere Ansprüche an sich selbst stellen.2 Soziale Unterstützung reduziert das Stressniveau, gemessen an der Ausschüttung von Noradrenalin. Im Mausmodell konnte gezeigt werden, dass es unter Stress auch zur Ausschüttung des Hormons Ghrelin kommt, das den Appetit, besonders auf Kohlenhydrate, steigert und die Entwicklung von Adipositas und Insulinresistenz fördert. An der Entstehung von Adipositas und Diabetes sind auch Katecholamine, Kortisol und Interleukine beteiligt. Unter dem Einfluss von Katecholaminen und Kortisol kommt es auch zu einer Vermehrung von Fettzellen sowie zur Ausschüttung freier Fettsäuren aus diesen Fettzellen.

Physische und sexuelle Gewalt
Ein Stressor, der insbesondere bei längerdauernder Exposition zu schweren psychischen und somatischen Schäden führen kann, ist häusliche (oder andere) Gewalt. Ein EU-weiter Report zeigt, dass physische und noch mehr sexuelle Gewalt zu einer Vielzahl von Störungen wie Angst, Depression, Verlust des Selbstvertrauens, Konzentrationsschwierigkeiten et cetera führt.3 Eines der Probleme bei häuslicher Gewalt bestehe darin, so Abrahamian, dass für das Opfer in der aktuellen Situation scheinbar keine der beiden Strategien zur Bewältigung gefährlicher Situationen, nämlich weder Flucht noch Kampf, möglich sind. Das Ergebnis ist eine schwere Erschütterung von Selbst- und Welterleben. Dies kann in einer Vielzahl von psychischen (posttraumatische Belastungsstörung, Persönlichkeitsstörung) und somatoformen Störungen resultieren. Bei Verdacht auf somatoforme Störungen, Depression oder Persönlichkeitsstörungen et cetera sollte in der klinischen Praxis auch immer daran gedacht werden, dass hinter diesen Erkrankungen Gewalterfahrungen stehen können.

Aktuelle Studiendaten
Eine Assoziation von Stress mit kardiovaskulären Ereignissen wird intuitiv seit Jahrtausenden vermutet. Aktuelle Studiendaten zeigen die biologischen Mechanismen dahinter auf. Im „Trier social stress test“ zeigten Männer mit unbehandelter Hypertonie im Vergleich zu normotensiven Männern höhere Adrenalin-, Noradrenalin- und Kortisolspiegel sowie höhere systolische und diastolische Blutdruckwerte. Hypertensive Männer zeigten häufig niedrigere hedonistische Emotionsregulation und wenig selbst wahrgenommene soziale Unterstützung.

1 Steptoe A, Nat Rev Endocrinol 2016 Apr; 12(4):189–90
2 Wirtz PH et al., Psychosom Med 2007 Apr; 69(3):249–55
3https://fra.europa.eu/en/publication/2014/violence-against-women-eu-wide-survey-mainresults-report

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