Mythos: Vollkaskomentalität und soziale Hängematte  

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Die RELATUS-Redaktion entlarvt in der Serie „Mythen & Fakten“ die gängigsten Scheinargumente im Gesundheitswesen und liefert fundierte Antworten für Diskussionen. 

Kaum ein Begriff taucht in gesundheits­politischen Debatten so regelmäßig auf wie die angebliche „Vollkaskomentalität“ der Versicherten. Wenn Kosten steigen, Wartezeiten länger werden oder Reformen stocken, ist der Vorwurf schnell zur Hand: Patient:innen würden Leistungen gedankenlos konsumieren, Arztbesuche „wie einen Einkauf“ tätigen und das solidarische System überstrapazieren. Doch bei genauer Betrachtung erweist sich diese Erzählung weniger als empirisch belegte Realität denn als politischer Mythos.

Der Ausdruck „Vollkaskomentalität“ stammt ursprünglich aus der Versicherungslogik. Gemeint ist ein Verhalten, bei dem Versicherte angeblich jedes Risiko und jede Unannehmlichkeit an die Gemeinschaft delegieren, weil sie selbst keine finanziellen Konsequenzen tragen. Im Gesundheitsbereich suggeriert der Begriff, Menschen würden medizinische Leistungen aus Bequemlichkeit oder Anspruchsdenken nutzen – nicht aus tatsächlicher Notwendigkeit.

Den theoretischen Überbau liefert der Begriff „Moral Hazard“. Er beschreibt eine Situation, in der eine Partei nach Vertragsabschluss riskanter oder nachlässiger handelt, weil sie nicht die vollen Kosten trägt, wenn etwas schiefgeht, da ein anderer (z. B. eine Versicherung, der Staat) die Verluste trägt. Dies entsteht durch ökonomische Fehlanreize und Informationsasymmetrie, bei der die riskierende Partei mehr über ihre Absichten weiß als die geschützte. Beispiel war die Bankenkrise der Nullerjahre, als Manager:innen Risiken eingingen, weil sie vom Staat eine Rettung erwarteten („Too Big to Fail“). Hintergrund ist das ökonomische Gedankenmodell des „Homo oeconomicus“: Demnach versucht jedes Versicherungsmitglied ohne Rücksicht auf den tatsächlichen Bedarf für seine Beiträge so viel wie möglich aus dem gemeinsamen Topf herauszuholen. Weil alle befürchten müssen, dass sich die anderen unsolidarisch verhalten, verhalten sie sich prophylaktisch auch unsolidarisch, um nicht zu den Benachteiligten zu gehören. Im Gesundheitsbereich unterstellt die „Moral Hazard“-Theorie allerdings, dass die Inanspruchnahme medizinischer Leistungen ein erstrebenswerter Genuss ist, von dem die meisten Versicherten gar nicht genug bekommen können. Wer geht aber schon gern zum Arzt, weil er oder sie befürchtet, weniger an Leistungen zu erhalten als die anderen Versicherten?

Der Mythos erfüllt eine klare Funktion: Er verschiebt Verantwortung. Steigende Ausgaben werden nicht primär mit dem medizinisch-technischen Fortschritt, der Alterung der Gesellschaft, strukturellen Ineffizienzen oder Fehlanreizen im System erklärt, sondern individualisiert. Die Versicherten werden zu Hauptverursachern eines Problems erklärt, das in Wahrheit deutlich komplexer ist. Empirisch ist die These einer flächendeckenden Überinanspruchnahme durch Patient:innen schwach belegt. Gesundheitsökonomische Studien zeigen seit Jahren, dass der größte Teil der Gesundheitsausgaben auf einen relativ kleinen Teil der Versicherten entfällt – meist Menschen mit chronischen Erkrankungen, Multimorbidität oder akuten schweren Verläufen sowie alte Menschen. Rund 20 Prozent der Versicherten verursachen etwa 80 Prozent der Kosten. Diese Gruppe handelt nicht aus Kalkül, sondern aus medizinischer Notwendigkeit.

Zudem ist der individuelle Einfluss auf medizinische Entscheidungen begrenzt. Diagnostik, Therapiewahl, Verordnung von Medikamenten oder Krankenhausaufnahmen liegen überwiegend in ärztlicher Hand. Wer von „Vollkaskomentalität“ spricht, unterschlägt, dass Patient:innen das System gar nicht steuern können. Sie reagieren auf Symptome, Sorgen und Empfehlungen von Fachpersonal – häufig unter Unsicherheit und Angst. Denn Krankheit ist kein rationales Konsumgut. Wer Schmerzen hat oder eine mögliche schwere Erkrankung fürchtet, trifft Entscheidungen nicht nach Kosten-Nutzen-Kalkülen, sondern nach subjektivem Sicherheitsbedürfnis. Das gilt für alle sozialen Schichten. Aus klinischer Sicht ist Krankheit fast immer mit Einschränkungen verbunden: Schmerzen, Fatigue, Angst, Funktionsverlust oder soziale Isolation. Besonders bei chronischen Erkrankungen ist der Alltag häufig von Therapietreue, Arztterminen und Anpassungsleistungen geprägt.

Wer länger im Gesundheitssystem verbleibt, tut dies zudem meist nicht aus Komfort, sondern wegen struktureller Hürden. Lange Wartezeiten auf Facharzttermine, fragmentierte Versorgung, bürokratische Hürden bei Reha- oder Therapieanträgen verzögern Genesungsprozesse.

Der Vorwurf der „Vollkaskomentalität“ ignoriert dies und misst Verhalten im Krankheitsfall an Maßstäben, die eher für Marktentscheidungen gelten. Gerade im ambulanten Bereich zeigt sich zudem: Viele Menschen zögern Arztbesuche hinaus, aus Zeitmangel, Angst vor Diagnosen oder schlechten Erfahrungen. Internationale Vergleiche belegen, dass Länder mit höheren Eigenbeteiligungen keineswegs automatisch gesündere oder effizientere Versorgungssysteme haben – im Gegenteil, sie riskieren spätere, teurere Behandlungen durch verzögerte Inanspruchnahme.

Wenn Über-, Unter- oder Fehlversorgung existiert, dann sind die Ursachen meist systemisch. Vergütungsmodelle, die Menge statt Qualität belohnen, sektorale Trennungen zwischen ambulanter und stationärer Versorgung, unzureichende Digitalisierung oder ein Mangel an koordinierter Versorgung chronisch Kranker tragen erheblich stärker zu Ineffizienzen bei als individuelles Patientenverhalten.

Auch defensive Medizin – also zusätzliche Diagnostik aus Haftungs- oder Absicherungsgründen – spielt eine Rolle. Diese Entscheidungen werden nicht von Patient:innen initiiert, sondern von Behandelnden in einem rechtlich und ökonomisch komplexen Umfeld.

Ähnlich wie „Vollkaskomentalität“ gehört auch die Formel von der „sozialen Hängematte“ zu den langlebigsten politischen Schlagworten. Sie suggeriert, soziale Sicherungssysteme – insbesondere im Gesundheitsbereich – machten Menschen bequem, abhängig und leistungsunwillig. Wer krank sei, so die implizite Botschaft, ruhe sich auf Kosten der Solidargemeinschaft aus. Die Metapher der „Hängematte“ evoziert Bilder von Müßiggang und Komfort. Übertragen auf Krankheit bedeutet sie: Wer Leistungen erhält, genießt einen Zustand, den er freiwillig verlängert. Im Gesundheitswesen trifft diese Vorstellung jedoch auf ein Feld, das von Leid, Einschränkung und Unsicherheit geprägt ist. Krankheit ist kein Urlaubszustand, sondern ein Verlust an körperlicher, psychischer oder sozialer Funktion.

Gesundheitsökonomische und soziologische Studien zeigen seit Jahrzehnten: Menschen streben nach Gesundheit, nicht nach Krankheitsleistungen. Selbst dort, wo finanzielle Absicherung besteht – etwa durch Lohnfortzahlung oder Krankengeld – gibt es keinen belastbaren Hinweis auf massenhaften Missbrauch. Laut dem WIFO‑Fehlzeitenreport 2025 waren im Jahr 2024 rund 70 % der unselbstständig Beschäftigten mindestens einmal im Krankenstand, mit durchschnittlich 15,1 Kalendertagen pro Person. Entscheidend ist dabei die Verteilung: Nur rund 3 % der Krankenstandsfälle dauerten länger als 40 Tage, verursachten aber knapp 40 % aller Krankenstandstage. Das deutet klar auf schwere oder chronische Erkrankungen hin – nicht auf kurzfristiges „Ausnutzen“ des Systems. Viele Patient:innen kehren sogar früher an den Arbeitsplatz zurück, als es medizinisch empfohlen wäre. Präsentismus – das Arbeiten trotz Krankheit – ist in vielen Branchen verbreiteter als „Blaumachen“. Aus Public‑Health‑Sicht ist das problematisch: Es erhöht das Risiko von Chronifizierung, verlängert Genesungszeiten und verursacht langfristig höhere Kosten – im Fall von Infektionskrankheiten erhöht es zudem das Risiko für Kolleg:innen ebenfalls zu erkranken. Auch psychische Erkrankungen werden im Hängematten-Narrativ oft missverstanden. Depression, Angststörungen oder somatoforme Erkrankungen gelten als „unsichtbar“ und werden daher leichter moralisiert. Doch gerade hier ist die Schwelle, Hilfe zu suchen, hoch – aus Angst vor Stigmatisierung oder beruflichen Nachteilen. Gesundheitsberichte zeigen zudem, dass rund zwei Drittel der österreichischen Bevölkerung ab 15 Jahren mindestens eine chronische Erkrankung oder ein dauerhaftes Gesundheitsproblem aufweisen. Häufig genannt werden chronische Rückenschmerzen, Arthrose, Allergien und psychische Erkrankungen. Diese Krankheitsbilder gehen oft mit eingeschränkter Arbeitsfähigkeit und wiederkehrenden Krankenständen einher. Hinzu kommt: Gesundheit ist sozial ungleich verteilt. Menschen mit niedrigerem Einkommen, geringerer Bildung oder körperlich belastenden Arbeitsbedingungen erkranken häufiger und schwerer. Die „soziale Hängematte“ kehrt Ursache und Wirkung um: Nicht Absicherung macht krank, sondern Krankheit macht Absicherung notwendig.

Die Erzählung der „Vollkaskomentalität“ und der „soziale Hängematte“ ist nicht nur analytisch fragwürdig, sondern politisch folgenreich. Sie dient häufig als Rechtfertigung für höhere Zuzahlungen, Leistungskürzungen oder Zugangsbeschränkungen. Solche Maßnahmen treffen jedoch überproportional Menschen mit niedrigem Einkommen oder chronischen Erkrankungen – also genau jene Gruppen, die ohnehin stärker belastet sind. Statt Effizienz zu steigern, können solche Instrumente soziale Ungleichheit verschärfen und gesundheitliche Folgekosten erzeugen. Der Mythos lenkt damit von notwendigen Strukturreformen ab und verengt den Reformdiskurs auf moralische Zuschreibungen. Das solidarische Gesundheitssystem beruht auf einem bewährten gesellschaftlichen Prinzip: Risiken werden gemeinsam getragen, weil niemand weiß, wann er selbst zum Hochkostenfall wird.  (rüm)