Mythen & Fakten: High-Protein-Produkte

Sind High-Protein-Produkte wirklich notwendig?

Eine ausreichende Eiweißversorgung spielt eine zentrale Rolle für Gesundheit, Muskelstoffwechsel und Prävention. Gleichzeitig sind Patient:innen heute einer Vielzahl von Ernährungstrends ausgesetzt – insbesondere rund um sogenannte High-Protein-Produkte. In sozialen Medien und im Lebensmittelhandel entsteht oft der Eindruck, dass eine ausreichende Proteinaufnahme ohne spezielle eiweißangereicherte Produkte kaum möglich sei.

Doch entspricht diese Annahme dem aktuellen ernährungswissenschaftlichen Stand?

Eiweißbedarf bei gesunden Erwachsenen

Für gesunde Erwachsene im Alter von 18 bis 65 Jahren liegt der empfohlene tägliche Eiweißbedarf bei 0,8 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht. Diese Empfehlung basiert auf den aktuellen DACH-Referenzwerten für die Nährstoffzufuhr und gilt für die Allgemeinbevölkerung ohne besondere Belastungen oder Erkrankungen.

Dieser Proteinbedarf kann in der Regel problemlos über eine ausgewogene Mischkost gedeckt werden. Der Einsatz von speziell beworbenen High-Protein-Produkten ist dafür aus ernährungsmedizinischer Sicht nicht notwendig.

High-Protein-Produkte: Marketing vs. medizinischer Nutzen

Als „High-Protein-Produkt“ darf ein Lebensmittel beworben werden, wenn mindestens 20 Prozent seines Energiegehalts aus Protein stammen. Viele dieser Produkte sind jedoch stark verarbeitet, häufig deutlich teurer als herkömmliche Lebensmittel und bieten keinen klaren gesundheitlichen Vorteil für gesunde Erwachsene.

Für die Eiweißversorgung ist nicht der Proteingehalt eines einzelnen Produkts entscheidend, sondern die Gesamtmenge an Protein über den Tag verteilt. Studien zeigen, dass eine Proteinaufnahme von etwa 20 bis 30 Gramm pro Mahlzeit den besten Effekt auf die körpereigene Muskelproteinsynthese hat. Diese Menge lässt sich mit normalen Lebensmitteln zuverlässig erreichen.

Natürliche Proteinquellen im Überblick

Eine bedarfsgerechte Eiweißzufuhr ist sowohl mit tierischen als auch mit pflanzlichen Lebensmitteln möglich. Zu den wichtigsten natürlichen Proteinquellen zählen:

  • Fleisch und Fisch
  • Milchprodukte und Eier
  • Hülsenfrüchte
  • Nüsse und Samen
  • Getreideprodukte

Gerade für das Patient:innengespräch ist es hilfreich, konkrete und alltagsnahe Beispiele zu nennen, um abstrakte Ernährungsempfehlungen greifbar zu machen.

Biologische Wertigkeit: Warum Kombinationen sinnvoll sind

Die biologische Wertigkeit beschreibt, wie effizient Nahrungsprotein in körpereigenes Protein umgewandelt werden kann. Das Hühnerei dient hierbei als Referenzwert. Besonders relevant: Die biologische Wertigkeit lässt sich durch die Kombination unterschiedlicher Proteinquellen erhöhen.

Klassische Beispiele aus der Praxis sind:

  • Kartoffeln kombiniert mit Ei
  • Milchprodukte in Kombination mit Getreide

Diese Kombinationen ermöglichen eine hochwertige Eiweißversorgung ohne den Einsatz spezieller Supplemente oder industriell angereicherter Produkte.

Praxisnahes Beispiel

Ein einfaches, ausgewogenes Gericht mit hochwertiger Proteinqualität ist etwa Röstkartoffeln mit Spinat und Spiegelei. Es vereint pflanzliche und tierische Proteinquellen, ist leicht umsetzbar und eignet sich hervorragend als Empfehlung im Patient:innengespräch.

Fazit für den ärztlichen Alltag

High-Protein-Produkte sind für die Eiweißversorgung gesunder Erwachsener in der Regel nicht erforderlich. Entscheidend sind eine ausgewogene Ernährung, die richtige Tagesverteilung der Proteinzufuhr und realistische, alltagstaugliche Empfehlungen. Für Jungärzt:innen bietet eine evidenzbasierte Einordnung dieser Ernährungstrends eine wichtige Grundlage für eine fundierte, verständliche Beratung.