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Der AKE-Podcast „Übern Tellerrand g’schaut“ bringt in Zusammenarbeit mit dem renommierten MedMedia Verlag spannende Einblicke in die Welt der klinischen Ernährung direkt zu Ihnen.
Evidenzbasierte Einordnung für den ärztlichen Alltag
„Ohne Nahrungsergänzungsmittel kann man heute nicht mehr gesund bleiben.“
Diese Aussage begegnet Ärzt:innen im Praxis- und Klinikalltag regelmäßig. Vitaminkapseln, Mineralstoffpräparate oder „All-in-one“-Mikronährstoffkomplexe werden als einfache Lösung für eine vermeintlich unzureichende Ernährung beworben. Gleichzeitig wächst der Markt für Supplemente kontinuierlich – begleitet von intensiver Werbung und Gesundheitsversprechen.
Doch wie ist diese Entwicklung aus ernährungswissenschaftlicher und medizinischer Sicht zu bewerten?
Für gesunde Menschen gilt grundsätzlich der Ansatz „Food first“. Eine ausgewogene, abwechslungsreiche Ernährung liefert in der Regel alle essenziellen Nährstoffe in ausreichender Menge. Nahrungsergänzungsmittel sind für die Allgemeinbevölkerung daher nicht routinemäßig erforderlich, sofern keine diagnostizierten Mängel, besonderen Lebensphasen oder Erkrankungen vorliegen.
Für Jungärzt:innen ist es im Patient:innengespräch entscheidend, klar zu differenzieren:
Zwischen einer präventiven, ausgewogenen Ernährung und einer pauschalen Supplementierung ohne medizinische Indikation besteht ein wesentlicher Unterschied.
Eine gesunde Ernährung ist ein komplexes Zusammenspiel aus Makro- und Mikronährstoffen, Ballaststoffen, sekundären Pflanzenstoffen und bioaktiven Substanzen – ein Zusammenspiel, das isolierte Nährstoffe in Kapselform nicht vollständig ersetzen können.
Kritische Nährstoffe in Österreich
Laut dem aktuellsten Österreichischen Ernährungsbericht (2017) gelten in der österreichischen Bevölkerung folgende Nährstoffe als potenziell kritisch:
· Folsäure
· Pantothensäure (Vitamin B5)
· Kalium
· Kalzium
· Eisen
· Vitamin D (wobei der alimentäre Beitrag gering ist)
Diese Daten liefern eine wichtige Grundlage für das ärztliche Beratungsgespräch. Sie zeigen jedoch nicht, dass routinemäßige Supplementierung notwendig ist, sondern dass eine gezielte Ernährungslenkung sinnvoll sein kann.
In den meisten Fällen lässt sich eine bedarfsgerechte Nährstoffversorgung durch eine bewusste und abwechslungsreiche Lebensmittelauswahl erreichen – ganz im Sinne des Prinzips „Lebensmittel statt Kapseln“. Folsäure findet sich beispielsweise in Eiern, Brokkoli, Spargel, Feldsalat und Haferflocken. Gute Quellen für Pantothensäure (Vitamin B5) sind Hülsenfrüchte – insbesondere Erdnüsse und Erbsen –, Pilze wie Eierschwammerl, Hafer, Brokkoli, Wassermelone sowie Eier. Kalium wird vor allem über Obst, Gemüse, Nüsse und Samen aufgenommen, während Kalzium reichlich in Hart- und Schnittkäse, Milch und flüssigen Milchprodukten, aber auch in Soja, Sesam und Leinsamen enthalten ist. Eisen liefern neben Fleisch auch Hülsenfrüchte – vor allem Sojabohnen –, Pseudogetreide wie Amaranth und Quinoa, Tofu sowie Vollkorngetreide.
Vitamin D nimmt eine Sonderrolle ein: Die körpereigene Synthese erfolgt überwiegend über die Haut durch Sonnenlichtexposition. Empfohlen wird, Gesicht, Hände und Arme zwei- bis dreimal pro Woche unbedeckt und ohne Sonnenschutz etwa der Hälfte der minimalen sonnenbrandwirksamen UV-Dosis auszusetzen. Der Beitrag der Ernährung zur Vitamin-D-Versorgung ist hingegen vergleichsweise gering. Gerade im klinischen Alltag ist es daher hilfreich, Patient:innen konkrete und alltagstaugliche Beispiele für eine nährstoffreiche Lebensmittelauswahl zu geben, anstatt ausschließlich abstrakte Nährstofftabellen zu zitieren.
Wann sind Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll?
Nahrungsergänzungsmittel können in bestimmten Situationen medizinisch sinnvoll sein. Eine Indikation besteht etwa bei einem diagnostizierten Nährstoffmangel, bei erhöhtem Bedarf – beispielsweise in Schwangerschaft, Stillzeit oder im höheren Lebensalter –, bei chronischen Erkrankungen, Malabsorptionssyndromen oder unter bestimmten Medikamententherapien. In solchen Fällen sollte eine Supplementierung jedoch nicht pauschal erfolgen, sondern gezielt, angemessen dosiert und ärztlich begleitet werden – idealerweise auf Basis einer entsprechenden Labordiagnostik.
Ein weiterer wichtiger Punkt im Patient:innengespräch ist der rechtliche Status von Nahrungsergänzungsmitteln. Sie gelten rechtlich als Lebensmittel und nicht als Arzneimittel. Das bedeutet, dass sie frei verkäuflich sind und bestimmte Sicherheitsanforderungen erfüllen müssen. Gesundheits- und nährwertbezogene Angaben dürfen nur dann gemacht werden, wenn sie von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) wissenschaftlich geprüft und genehmigt wurden. Dennoch ist ein frei erhältliches Produkt nicht automatisch medizinisch notwendig oder individuell sinnvoll.
Fazit für Jungärzt:innen
Nahrungsergänzungsmittel sind für gesunde Menschen keine Voraussetzung für Gesundheit. Die Basis bleibt eine ausgewogene, abwechslungsreiche Ernährung.
Supplemente sollten nicht pauschal empfohlen, sondern individuell, evidenzbasiert und indikationsbezogen eingesetzt werden. Ziel im ärztlichen Alltag ist es, Patient:innen zwischen sinnvoller Prävention und unnötiger Supplementierung zu orientieren.
Eine faktenbasierte Einordnung stärkt nicht nur die Beratungskompetenz, sondern auch das Vertrauen im Patient:innengespräch.