Pflege beklagt Fehlsteuerungen

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Im Vorfeld der Sitzung der „Pflege-Entwicklungs-Kommission“ gibt es bereits massive Kritik von Organisationen an Politik und Ländern. Es bewege sich nichts und das belaste das Gesundheitswesen.

Die Zeiten von Applaus 2020 und „Pflegemilliarde“ von Schwarz-Grün aus dem Jahr 2022 sind vorbei. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrt (BAG) bemängelt Fehlsteuerungen und mangelnde Abstimmung zwischen Gesundheits- und Pflegesystem beziehungsweise Bund und Ländern. „Es bewegt sich nichts. Wir sind weit entfernt von zukunftsfähigen Konzepten und Strategien“, bemängelte Hilfswerk-Geschäftsführerin Elisabeth Anselm bei einer Pressekonferenz. „Die Pflege ist auf der politischen Autobahn wieder einmal im toten Winkel.“ In der BAG haben sich die fünf gemeinnützigen Träger-Organisationen Caritas, Diakonie, Hilfswerk, Rotes Kreuz und Volkshilfe zusammengeschlossen, deren Beschäftigte rund zwei Drittel der Pflege-Einsatzstunden leisten.

Hauptproblem laut den Organisationen: Die Bereiche Gesundheit und Pflege seien auch aufgrund der Zuständigkeiten nicht aufeinander abgestimmt – Leistungen, die besser im Pflegesystem erbracht werden könnten, würden oft teurer im Krankenhaus erfolgen. Kommende Woche tagt die Pflege-Entwicklungs-Kommission als politisches Steuerungsinstrument von Bund, Ländern, Gemeinden und Städten – diese müsse endlich für eine strategische Abstimmung zwischen den einzelnen Playern sorgen, so Anselm. „Viel zu viele ältere Menschen liegen viel zu lange in Spitälern“, meinte Anselm. „Das tut ihnen nicht gut und ist richtig teuer.“ Menschen, die daheim gepflegt werden, würden außerdem finanziell benachteiligt und deshalb oft im teureren Pflegeheim landen. Grund sei oft die mangelnde Abstimmung zwischen den Gebietskörperschaften: „Wir sind es leid, dass Bund und Länder sich gegenseitig die Verantwortung zuschieben und sich im Weg stehen.“ Der eine rede sich auf den anderen aus.

Diakonie-Direktorin Maria Katharina Moser nannte das Beispiel eines Mannes, der nach einem Sturz mit Oberschenkelhalsbruch im Spital lande. Aufgrund fehlender Angebote für Akutpflege müsse er dort über Gebühr lange bleiben. „Die schlechteste und teuerste Variante.“ Grund sei auch mangelnde Prävention – oft ginge dem Sturz ein Besuch beim Hausarzt wegen Schwindelgefühlen voraus. Bei einem guten Zusammenspiel zwischen Gesundheit und Pflege würden Hausärzt:innen Patient:innen eine Community Nurse nach Hause schicken, die sich etwa die Teppiche dort ansehen oder Haltegriffe anbringen lassen könne. So komme es oft gar nicht zu Stürzen.

Die nächste Lücke bestehe bei der passenden Unterstützung daheim: Diese komme meist in der Früh und am Abend und unterstütze bei der Medikamenteneinnahme und Körperpflege – was fehle, seien Tageszentren, die etwa bei Demenzpatienten Beschäftigung tagsüber bieten. Und selbst wenn es diese gebe, fehle der Transport dorthin beziehungsweise sei nicht leistbar. „Wir wissen auch, dass Menschen ins Pflegeheim gehen, weil sie sich Essen auf Rädern nicht leisten können“, meinte Moser. Oft reiche das Pflegegeld nicht mehr aus, um Leistungen wie Wundversorgung bezahlen zu können.

Generell werde häusliche Pflege immer schwerer finanzierbar beziehungsweise unleistbar, sagte Volkshilfe-Direktor Erich Fenninger. Die Kosten für 24-Stunden-Betreuung würden steigen, dazu kämen Kosten für Pflegehilfsmittel oder Wohnraumanpassungen. „Ohne ein finanzielles Netz durch die Kinder ist Pflege daheim für viele nicht möglich.“ Es brauche daher wahrscheinlich eine Reform des Pflegegelds. „Gesundheit und Pflege müssen gemeinsam gedacht werden“, betonte Caritas-Generalsekretärin Anna Parr. Das Problem sei die derzeitige Finanzierungslogik, die nicht dem Bedarf folge. „Leistungen sind explizit zugeordnet und können nur im einen oder anderen Bereich erfolgen.“ Wenn eine Leistung, die zwar daheim erbracht werden könne, dort aber nicht finanziert werden, könne sie auch nicht daheim erfolgen, selbst wenn es dafür qualifiziertes Personal gebe. „80 Prozent der Pflegegeldbezieher leben daheim – da sieht man, wie viel Pflege daheim möglich wäre.“ Folge sei auch eine Belastung der Rettungsdienste mit zahlreichen Transporten ins Krankenhaus, so der Bundesrettungskommandant des Österreichischen Roten Kreuzes, Gerry Foitik. (red/APA)