Hebelt KI die Grundlagen des Gesundheitswesen aus?

© Tanzer

In den USA sorgt die Analyse eines Wirtschaftsforschungsinstituts zu den Auswirkungen von KI für starke Kursverluste an den Börsen. Die möglichen Folgen der KI-Einsatzes in der Wirtschaft könnten auch bei uns das Gesundheitswesen rasch in Bedrängnis bringen.

Vergessen sie die demografische Entwicklung, soziale Unterschiede und Personalmangel als Herausforderungen für das Gesundheitswesen. Es könnte schlimmer kommen. Wenn künstliche Intelligenz tatsächlich so leistungsfähig wird, wie von einigen im Techbereich erhofft, entsteht nicht nur eine technologische Revolution, sondern eine strukturelle Verschiebung im Fundament moderner Volkswirtschaften. Zu diesem Schluss kommt zumindest ein vom US-Wirtschaftsforschungsinstitut Citrini Research entworfenes Szenario einer globalen Intelligenzkrise. Der exponentielle Erfolg von KI führe dazu, dass die Produktivität steigt, Margen explodieren und Unternehmensgewinne Rekordniveaus erreichen aber gleichzeitig Beschäftigung und Lohneinkommen unter Druck geraten. Besonders betroffen sind wissensintensive Tätigkeiten,die bislang das Rückgrat fortgeschrittener Dienstleistungsgesellschaften bildeten. Je leistungsfähiger KI-Systeme werden, desto stärker verdrängen sie menschliche Arbeit aus genau jenen Bereichen, die hohe Einkommen und stabile Konsumnachfrage erzeugt haben. Und zwar schon in den kommenden zwei bis drei Jahren, so die Analyse.

Zunächst wirke der Prozess wie ein normaler Strukturwandel. Unternehmen investieren in Automatisierung, steigern Effizienz und belohnen ihre Eigentümer. Doch mit der Zeit entsteht eine gefährliche Asymmetrie. Die Wertschöpfung wächst weiter, aber sie verteilt sich anders. Ein immer größerer Anteil fließt an Kapitalbesitzer und Betreiber von Recheninfrastruktur, während die gesamtwirtschaftliche Lohnsumme massiv schrumpft. Damit beginnt nicht nur eine Nachfragekrise, weil Kaufkraft verloren geht, sondern auch eine institutionelle Krise die tiefer reicht als jede Rezession. Denn moderne Sozialstaaten basieren in ihrer Finanzierung überwiegend auf Abgaben auf Löhne und Gehälter. Pensions-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung speisen sich aus der Erwerbsarbeit. Wenn jedoch der Produktionsfaktor Arbeit an relativer Bedeutung verliert, erodiert die Finanzierungsbasis dieser Systeme. 

Das Problem liegt also nicht in mangelnder Wertschöpfung, sondern in ihrer Entkopplung von Beschäftigung. Historisch war die Logik klar: Industriegesellschaft bedeutete Massenerwerbsarbeit. Lohn bedeutete Sozialbeitrag und Sozialbeitrag finanzierte kollektive Absicherung. In einer KI geprägten Ökonomie verschiebt sich diese Logik. Die Produktion erfolgt zunehmend arbeitsarm, Gewinne steigen auch ohne proportional wachsende Beschäftigung. Doch die institutionellen Strukturen bleiben auf das alte Modell ausgerichtet. Je erfolgreicher Automatisierung wird, desto stärker untergräbt sie damit die Finanzierungsgrundlage des Sozialstaats. Es entsteht eine doppelte Abwärtsspirale: Sinkende Löhne schwächen Konsum und Beitragseinnahmen, steigende Beitragssätze verteuern menschliche Arbeit zusätzlich und beschleunigen weitere Automatisierung. 

Regierungen stünden in einem solchen Szenario vor einer Sackgasse. Höhere Lohnnebenkosten würden Beschäftigung weiter belasten. Mehr Verschuldung würde langfristig fiskalische Risiken erhöhen. Kürzungen sozialer Leistungen wiederum könnten soziale Spannungen verschärfen. Keine dieser Optionen löst das strukturelle Problem, weil alle an einer schrumpfenden Bemessungsgrundlage ansetzen. Fazit: Wenn Wertschöpfung zunehmend ohne Arbeit entsteht, muss auch ihre Besteuerung von der Arbeit entkoppelt werden. Damit rückt die alte Idee einer Wertschöpfungsabgabe wieder in den Fokus. Statt primär den Faktor Arbeit zu belasten, würde die gesamte unternehmerische Wertschöpfung als Bemessungsgrundlage dienen – unabhängig davon, ob sie durch Menschen oder Maschinen erzeugt wird.Unternehmen würden einen prozentualen Anteil ihrer generierten Wertschöpfung zur Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme beitragen. Damit würde die Finanzierung automatisch mit der realen wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit wachsen, selbst wenn diese aus hochautomatisierten Prozessen stammt.  

Jede große industrielle Transformation erforderte in der Vergangenheit institutionelle Anpassungen. Die Einführung der Sozialversicherung im Industriezeitalter, die Etablierung moderner Einkommensteuern in der Massenerwerbsgesellschaft und der Ausbau konsumbezogener Steuern in der Nachkriegszeit waren Antworten auf veränderte Produktionsstrukturen. Die KI-Ökonomie könnte eine ähnliche Neujustierung verlangen. Nicht weil Technologie schädlich wäre, sondern weil ihre Effizienz bestehende Finanzierungsmodelle obsolet macht. (rüm)