© Mario - stock.adobe.com Expert:innen aus der Medizin fordern eine grundlegende Gesundheitsreform und eine klare politische Umsetzung. Zentrale Themen: Patientenpfade und Prävention.
Im Rahmen der Jahrespressekonferenz des Vereins PRAEVENIRE wurde in Wien Bilanz über ein Jahr neue Bundesregierung gezogen und ein umfassendes Maßnahmenpaket für die Zukunft des österreichischen Gesundheitssystems vorgestellt. Im Zentrum standen konkrete, evidenzbasierte Empfehlungen aus Medizin, Sozialversicherung und Wissenschaft. PRAEVENIRE-Präsident und ehemaliger Hauptverbandsvorsitzender Hans Jörg Schelling (ÖVP) appellierte, die Gesundheitsreform ganzheitlich anzugehen und nicht länger isolierte Einzelmaßnahmen zu diskutieren: „Wir dürfen uns nicht in einzelnen Mosaiksteinen verlieren – wir müssen das große Ganze in Angriff nehmen.“
Fortschritte sieht er etwa bei Impfprogrammen, der Etablierung von Kinder- und Jugendgesundheitszentren sowie bei der gestiegenen politischen Aufmerksamkeit für Digitalisierung und Telemedizin. Gleichzeitig kritisierte er strukturelle Defizite, insbesondere fehlende einheitliche digitale Systeme, mangelnde Datenverfügbarkeit und eine unzureichende Abstimmung zwischen den Versorgungsbereichen. „Der Patient unterscheidet nicht zwischen intra- und extramuraler Versorgung – wir brauchen eine gemeinsame Planung, eine Finanzierung aus einem Topf und klare Patientenpfade“, betonte Schelling. Auch die Prävention müsse deutlich ausgebaut werden: „Mehr gesunde Lebensjahre sind der Schlüssel zur Entlastung des Systems.“
Gesundheitsministerin Korinna Schumann (SPÖ) unterstrich die Reformbemühungen der Regierung und bekannte sich klar zu einem solidarischen Gesundheitssystem: „Unser Ziel ist ein modernes Gesundheitssystem, das allen Menschen unabhängig von Einkommen und Lebenssituation zugutekommt. Dafür setzen wir auf den Ausbau der Primärversorgung, eine Stärkung der Pflege, mehr Prävention und eine sozial gerechte Weiterentwicklung unseres Systems.“ Sie verwies auf die laufende Reformpartnerschaft, Maßnahmen zur Absicherung vulnerabler Gruppen sowie auf die geplante Weiterentwicklung der Versorgungsstrukturen.
Die Vorsitzende der Konferenz der Sozialversicherungsträger, Claudia Neumayer-Stickler, sprach sich für eine konsequente Stärkung der Sozialversicherung aus. Zugleich verwies sie auf Herausforderungen wie die langfristige Finanzierbarkeit, den steigenden Bedarf in der Pflege und die Notwendigkeit, Prävention auch im Arbeitsumfeld stärker zu verankern. Petra Kohlberger von der Uniklinik für Frauenheilkunde der MUW forderte mehr Transparenz und Qualitätskontrolle, insbesondere bei ästhetischen Eingriffen. Im Bereich Männergesundheit sprach sich Shahrokh F. Shariat, Vorstand der Universitäts-Klinik für Urologie am AKH Wien, für einen grundlegenden Systemwechsel in der Vorsorge aus und verwies auf die wachsende Bedeutung von Prostatakrebs als häufigste Krebserkrankung beim Mann. „Aktuell werden die falschen Gruppen getestet – vor allem ältere Männer, während jüngere Risikogruppen oft nicht erreicht werden.“
Georg Psota, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, verwies auf die wachsende Bedeutung psychischer Gesundheit und die Notwendigkeit, insbesondere junge Menschen stärker in den Fokus zu rücken. Lungenfacharzt Arschang Valipour verwies auf die hohe Krankheitslast von Lungenerkrankungen in Österreich und forderte rasches politisches Handeln. Die Rolle der Arbeitsmedizin müsse deutlich gestärkt werden, betonte Eva Höltl, Arbeitsmedizinerin der Erste Bank. (red)