Starke Partner für die Versorgung

Wenn Sie auf die letzten 25Jahre zurückblicken: Was hat sich aus Ihrer Sicht für die österreichischen Apotheken und den pharmazeutischen Großhandel am stärksten verändert?

Der Unterschied ist enorm. Damals begann E-Mail gerade erst, im Arbeitsalltag anzukommen. Heute laufen Bestellungen, Warenwirtschaft, Lagersteuerung, Kommissionierung und Informationsflüsse weitgehend digital. Auch der Automatisierungsgrad in unseren Großhandelslagern hat massiv zugenommen. Ähnliches gilt für die Apotheken: Dass große Teile einer Lieferung automatisiert eingelagert und später wieder bereitgestellt werden, wäre vor 25 Jahren kaum vorstellbar gewesen. Und auch die Apothekenlandschaft selbst hat sich stark entwickelt. Die Zahl der öffentlichen Apotheken ist um ein knappes Drittel gestiegen, parallel dazu hat eine enorme Modernisierungswelle stattgefunden. Was mit dieser Entwicklung nicht Schritt gehalten hat, sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Sowohl Apotheken als auch der pharmazeutische Großhandel stehen heute unter erheblichem Kostendruck. Wir erbringen technologisch und logistisch wesentlich mehr als vor 25Jahren. Die wirtschaftlichen Spielräume sind aber enger geworden.

Wie hat sich die Partnerschaft zwischen Apotheken und Großhandel in den vergangenen 25 Jahren entwickelt?

Die Grundidee ist gleich geblieben: Die Apotheke muss sich darauf verlassen können, dass der Vollgroßhandel rasch, verlässlich und über ein breites Sortiment hinweg liefert. Der Alltag dieser Partnerschaft hat sich aber deutlich verändert. Heute ist wesentlich mehr Information und Abstimmung notwendig. Das liegt auch daran, dass Patient:innen selbst viel informierter sind und in der Apotheke sehr rasch eine konkrete Auskunft erwarten. Damit steigt der Druck auf die Apotheke und in weiterer Folge auch auf uns als Großhandel. Die Apotheke braucht deshalb heute nicht nur die Ware, sondern möglichst rasch auch Informationen zur Verfügbarkeit und welche Alternativen bestehen. Gerade bei Engpässen ist das entscheidend. Gleichzeitig ist mehr Druck im System. Die Kontakte zwischen Apotheken und Großhandel sind dadurch intensiver, gelegentlich aber natürlich auch spannungsgeladener. Umso wichtiger sind kurze Wege, verlässliche Informationen und gegenseitiges Verständnis.

Welche Möglichkeiten hat der pharmazeutische Großhandel tatsächlich, Lieferengpässe abzufedern?

Wir können sehr viel abfedern. Aber eines muss klar sein: Wir können nicht verteilen, was wir nicht bekommen. Unsere Mitgliedsunternehmen halten an 23 Standorten Arzneimittel für mehrere Wochen vor. Wenn ein Hersteller kurzfristig ausfällt, können wir Bestände zwischen Standorten umlagern, Alternativprodukte beschaffen, zusätzliche Bezugsquellen nutzen und knappe Mengen so verteilen, dass möglichst viele Apotheken und damit Patient:innen weiter versorgt werden. Genau deshalb wird aus einer Lieferschwierigkeit nicht automatisch ein Versorgungsproblem. Unsere Möglichkeiten enden aber dort, wo über längere Zeit überhaupt keine Ware verfügbar ist. Und sie werden eingeschränkt, wenn Arzneimittel am Vollgroßhandel vorbei ausschließlich direkt vertrieben werden. Dann fehlt uns genau jener Bestand, mit dem wir normalerweise regional oder zwischen einzelnen Apotheken ausgleichen können. Versorgungssicherheit funktioniert deshalb nur als Zusammenspiel von Industrie, Vollgroßhandel und Apotheken.

Was schätzen Sie persönlich besonders an den Apotheker:innen?

Ich bin selbst Apotheker und schätze an den Kolleg:innen besonders ihre enorme Lösungsorientierung und ihre Nähe zu den Menschen. Wenn ein Arzneimittel fehlt, ist das für Apotheker:innen keine abstrakte Statistik. Da steht ein Mensch vor einem, der sein Medikament braucht und eine Lösung erwartet. Genau darin liegt für mich auch eine große Stärke des Apothekerberufs. Er verbindet pharmazeutische Kompetenz mit unmittelbarer Nähe zu den Menschen und wird sich in den kommenden Jahren weiterentwickeln. Neue Dienstleistungen, verstärkte Beratung und zusätzliche Aufgaben in Prävention und Gesundheitsversorgung bieten den Apotheken die Chance, ihre Rolle im Gesundheitssystem weiter auszubauen. Ich glaube, dass Apotheker:innen allen Grund haben, diese Entwicklung mit Mut, Ideen und Gestaltungswillen anzugehen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Apotheken – und welche Rahmenbedingungen sind nötig, damit eine flächendeckende Arzneimittelversorgung auch künftig gewährleistet bleibt?

Ich bin überzeugt, dass das österreichische Apothekensystem eine starke Zukunft hat. Die Apotheke wird auch künftig eine zentrale und niedrigschwellige Anlaufstelle für die Bevölkerung sein. Ihr Aufgabenspektrum wird sich verändern und erweitern, gerade im Bereich pharmazeutischer Dienstleistungen, Beratung und Prävention. Gerade im Großhandel zeigt sich, dass die ökonomischen Rahmenbedingungen mit den Anforderungen nicht Schritt gehalten haben. Unsere Kosten sind massiv gestiegen. Gleichzeitig stammt die Großhandelsspanne im Kern noch aus dem Jahr 2004. Das passt auf Dauer nicht zusammen. Für die nächsten 25 Jahre wünsche ich mir deshalb vor allem eines: dass wir Versorgungssicherheit nicht erst dann diskutieren, wenn etwas fehlt. Die Politik ist daher gefordert, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Apotheken und Arzneimittel-Vollgroßhandel so weiterzuentwickeln, dass eine flächendeckende und resiliente Arzneimittelversorgung auch langfristig abgesichert werden kann. Wenn uns das gelingt, können sowohl Apotheken als auch Vollgroßhandel ihre bewährten Stärken erhalten und sich zugleich weiterentwickeln. Das ist die beste Grundlage dafür, dass auch die nächsten 25 Jahre von einer verlässlichen Arzneimittelversorgung geprägt sein werden.