Forderungen an die Gesundheitspolitik

Das Österreichische Onkologie Forum (ÖOF), eine Initiative der OeGHO, zieht nach dem zweiten Jahr fundierter Analysen und intensiver interdisziplinärer Dialoge zur onkologischen Versorgung in Österreich Bilanz. Anlässlich des Jahresmeetings am 29. September 2026 wurde im Rahmen einer Pressekonferenz die Bedeutung von klinischen Studien für die onkologische Regelversorgung dargelegt und ein Positionspapier mit klaren Forderungen an die Gesundheitspolitik präsentiert, denn: „Klinische Studien sind für die Entwicklung und Zulassung innovativer Therapien essenziell, das ist unbestritten. Aber sie sind ebenso für die onkologische Regelversorgung in Österreich unverzichtbar“, betonte Univ.-Prof. Dr. Ewald Wöll, Präsident der OeGHO.

v.l.n.r.: Univ.-Prof. Dr. Michael Gnant (Präsident der Austrian Breast & Colorectal Cancer Study Group [ABCSG]), Prim. Univ.-Prof. Dr. Ewald Wöll (Präsident der OeGHO; ärztlicher Direktor und Leiter Innere Medizin, Krankenhaus St. Vinzenz, Zams), Priv.-Doz.in Dr.in Kathrin Strasser-Weippl, MBA (Medizinische Leitung OeGHO; Leiterin des Tumorzentrums Oberösterreich) und DI Dr. Karl Masser (Patient mit ­Multiplem Myelom und Studienteilnehmer); © OeGHO/APA-Fotoservice/Roland Rudolph

Studien entlasten die Budgets

„Klinische Studien sind nicht nur die Basis für die Entwicklung innovativer ­Medikamente, sie haben auch unmittelbare positive versorgungsökonomische Effekte“, ergänzte Priv.-Doz.in Dr.in Kathrin Strasser-Weippl, MBA, medizinische Leiterin der OeGHO: „Pro Jahr wird laut einer rezenten Studie des IPF – Institut für pharmaökonomische Forschung ein Behandlungswert von 122,28 Mio. Euro generiert. Die Krankenhäuser profitieren von kostenfreier Prüfmedikation sowie von der Übernahme der Kosten für Diagnostik, Therapie, administrative Leistungen und Dokumentation – was letztlich die Budgets der Spitäler direkt entlastet. Außerdem gelingt der Zugang zu den innovativsten Therapien oft nur über klinische Studien.“ Klinische ­Forschung sei deshalb kein fakultatives ­Zusatzangebot einzelner akademischer Zentren, sondern müsse grundlegender Bestandteil der onkologischen Versorgung in der Breite sein, so die Leiterin des Tumorzentrums Oberösterreich weiter: „Doch genau da sehen wir in den letzten Jahren einen dramatischen Rückgang: Die Zahl der klinischen Studien ist zwischen 2021 und 2024 um 28% zurückgegangen und hat sich 2025 nur leicht erholt. Dieser Negativtrend trifft die Onkologie in besonderem Maße, denn von den laufenden Studien entfallen 43% auf die Onkologie und 10% auf die Hämatologie. Die Neurologie folgt mit 8% an dritter Stelle.“ Auch die Zahl der an Studien teilnehmenden Patient:innen ist in der Onkologie am höchsten (2024: 1.764 Personen), gefolgt von der Kardiologie (2024: 853 Studienteilnehmer:innen).

„Dieser Rückgang bei klinischen Studien hat spürbare negative Folgen auf Österreich“, warnte Strasser-Weippl, „nämlich zunächst auf die Patient:innen, die keinen Zugang zu den innovativsten Therapien haben, aber auch auf den Medizinstandort, weil Know-how und Attraktivität für Top-Ärzt:innen verloren geht, und auf die Budgets des Gesundheitssystems.“ „Für mich war die Teilnahme an einer klinischen Vergleichsstudie eine einzigartige Chance nach einem Jahr Chemotherapie“, erklärte DI Dr. Karl Masser, Patient mit Multiplem Myelom. „Ich bekomme das Neueste, das die Forschung aktuell hervorgebracht hat, und ich werde umfassend betreut.“

Warnruf der heimischen Onkolog:innen

Trotzdem ist die Bereitschaft, an klinischen Studien teilzunehmen, in Österreich ausbaufähig: Nur 47% der Krebspatient:innen könnten sich laut einer SPECTRA-Erhebung vorstellen, bei einer Studie mitzumachen. Zwar halten 84% klinische Studien für einen wichtigen Beitrag zum medizinischen Fortschritt, 22% zweifeln jedoch an der Sicherheit und 34% verbinden Studienteilnehmende mit dem Bild eines „Versuchskaninchens“.

Damit steht Österreich im europäischen Vergleich schlecht da: Eine Erhebung wies die allgemeine Teilnahmebereitschaft für Österreich mit nur 41% aus. In Deutschland würden hingegen 48% der Menschen grundsätzlich mitmachen, in Schweden sogar 62%. Strasser-Weippl plädiert daher für eine Informationsoffensive in Richtung der Patient:innen und der breiten Öffentlichkeit, um die Vorteile und die Sicherheit klinischer Studien für Patient:innen sichtbarer zu machen.

Positionspapier von OeGHO und ABCSG

Außerdem appelliert Strasser-Weippl an die gesundheitspolitischen Entscheidungsträger: „Wenn wir die onkologische Regelversorgung in der bisherigen Form mit dem wichtigen Teil der klinischen Forschung erhalten wollen, braucht es eine strukturelle Absicherung klinischer Studien. Klinische Forschung muss für den Standort Österreich als strategisch wichtig erkannt werden.“ Dazu haben die OeGHO und die ABCSG (Austrian Breast & Colorectal Cancer Study Group) im Rahmen des Österreichischen Onkologie Forums auch konkrete Verbesserungspotenziale identifiziert. Univ.-Prof. Dr. Michael Gnant, Präsident der ABCSG: „Wir hatten die geplante Life-Sciences-Strategie im Blick und haben analysiert, welche strukturellen Voraussetzungen aus onkologischer Sicht zu benennen sind, um klinische Studien in Österreich nachhaltig zu sichern und weiterzuentwickeln.“

Im gemeinsamen Positionspapier wurden 13 Punkte adressiert:

  • Etablierung einer expliziten Kostenstelle pro Standort für die finanzielle Abwicklung von Studien
  • Österreichweit einheitliche Overhead-Kosten innerhalb eines Korridors von 5–15%
  • Einheitlicher Kostenerstattungskatalog für wiederkehrende Kostenpositionen in klinischen Studien
  • Bereitstellung von Raumressourcen zur Studiendurchführung
  • Administrative Unterstützung bei der Studieninitiierung
  • Vermeidung von Mehrfachverträgen pro Standort
  • Effiziente Vertragsverhandlungen mit klaren Zuständigkeiten auf Trägerseite und angestrebt normierter Maximaldauer von 12 Wochen
  • Vertragssprache Englisch als Standard für internationale Studien
  • Gemeinsame österreichweite Rahmenverträge mit akademischen Studiengruppen
  • Etablierung eines Zertifizierungsmodells für akademische Studiengruppen, um eine klare Trennung zu Industrie-gespon­serten Studien zu ermöglichen
  • Nationale Vernetzung bei der Studienrekrutierung auf Basis einer digital verfügbaren Plattform aller verfügbaren Studien (Suchfunktion für Caregiver und Patient:innen)
  • Möglichkeit der standortübergreifenden Studiendurchführung durch gesetzlich verankerte PI/Sub-PI-Modelle
  • Spezialisierung von Ethikkommissionen

„Im Namen der vielen Expertinnen und Experten, die im Rahmen des Österreichischen Onkologie Forums an der Diskussion teilgenommen haben, fordern wir die Entscheidungsträger wie auch die Politik auf, diese konkreten Verbesserungspotenziale rasch umzusetzen und in die Life-Sciences-Strategie Österreichs zu inkludieren“, betonte Gnant. „Sie sind von größter Bedeutung für unser Gesundheitssystem – und sie sind zum Großteil vollkommen kostenneutral zu realisieren.“

Etablierung der Onkologischen Studienplattform geplant

Die Österreichische Gesellschaft für Hämatologie & Medizinische Onkologie (OeGHO) ergreift unabhängig davon die Initiative und baut als ein wichtiges Element eine Datenbank für klinische Studien auf. „Die Onkologische Studienplattform soll alle aktuell rekrutierenden klinischen Studien im Bereich der Onkologie und Hämatologie in Österreich darstellen“, beschreibt OeGHO-Präsident Wöll das Vorhaben. „Alle Studienzentren werden die Möglichkeit haben, ihre Daten selbst einzupflegen, sodass behandelnde Ärztinnen und Ärzte im Anlassfall direkt mit den jeweiligen Studienteams Kontakt aufnehmen können. Das wird“, zeigt sich Wöll überzeugt, „die häuserübergreifende und überregionale Studienrekrutierung merkbar unterstützen. Zum Wohle der heimischen Patientinnen und Patienten.“