Medien lieben Schlagzeilen: Wir schreiben den 22. 10. 2026 – der Wiener Leitindex ATX verliert an diesem Tag 4,6 %. Ein gefundenes Fressen: In den Berichten war vom „Schwarzen Donnerstag“, von der tiefroten Wiener Börse und von einem „Kursrutsch“ die Rede oder davon, dass die Börse „nach unten“ rasselte. Momentaufnahmen aus der Berichterstattung in heimischen Medien, die im Zusammenhang mit der Börse nahezu immer von Superlativen getrieben ist. Anleger:innen sollten sich von solchen Schlagzeilen nicht ins Bockshorn jagen lassen – sie gehören in der Berichterstattung zum Tagesgeschäft. Das war schon immer so. Nicht zuletzt deshalb formulierte der 1999 verstorbene André Kostolany, der wohl bekannteste Altmeister der Aktienanlage, einmal: „Kaufen Sie Aktien, nehmen Sie Schlaftabletten, und schauen Sie die Papiere nicht mehr an. Nach vielen Jahren werden Sie sehen: Sie sind reich“ – ein Spruch, der in puncto Geldanlage zur Geduld mahnt.
Was viele an diesem „tiefroten Tag“ vergessen haben, ist die Tatsache, dass der Wiener Leitindex ATX in den vergangenen eindreiviertel Jahren einen wahren Husarenritt hingelegt hat. Ende September, exakt war es der 28. 09. 2026, schloss der Index bei einem Allzeithoch von mehr als 7.000 Punkten – gegenüber dem Jahresbeginn ein Zuwachs von mehr als 31 %: ein durchaus beachtlicher Anstieg – vor allem vor dem Hintergrund, dass der Index schon im Jahr davor mit einem Zuwachs von mehr als 45 % zu den weltbesten Indizes zählte. Vergleicht man den ATX mit den deutlich größeren Märkten wie Frankfurt oder New York, zeigt sich noch deutlicher, wie sich die einstmals als „hässliches Entlein“ verschriene Börse gemausert hat. Trotz des zuletzt erfolgten Rückgangs hat der ATX ein Plus von rund 71 % erzielt; die alte Dame Dow Jones brachte es auf 23,65 %, und der von KI-Fantasien angetriebene Nasdaq 100 erzielte im selben Zeitraum ein Plus von 36,6 %1 . Auch der „große Bruder“ DAX liegt mit einem Plus von rund 27 % deutlich hinter der österreichischen Börse zurück. Wobei der letzte Vergleich hinkt, weil der DAX 40, wie der deutsche Leitindex offiziell heißt, ein sogenannter Performance-Index ist. Bei ihm werden die ausgezahlten Dividenden miteinberechnet, während ATX, Nasdaq 100 und Dow Jones nur die reinen Kursanstiege widerspiegeln. Der korrekte Vergleichswert zum DAX wäre der ATX Total Return, bei dessen Berechnung die Dividenden ebenfalls miteinbezogen werden. Dieser erzielte im genannten Zeitraum sogar ein Plus von 84 %, also mehr als das Dreifache dessen, was die Anleger:innen mit dem DAX erwirtschaften konnten. Die Fakten sprechen also eine klare Sprache: Die Wiener Aktien hinken keinesfalls – auch wenn häufig das Gegenteil behauptet wird.
Doch nun zu einer anderen Frage: Sind die Österreicher:innen tatsächlich solche Aktien- bzw. Anlagemuffel, wie es gemeinhin heißt? Legen sie ihr Geld tatsächlich nur aufs Sparbuch und schauen zu, wie dieses angesichts der seit 2009 negativen Realzinsen (Inflation höher als der nominale Sparzins) weniger wird? Die Antwort lautet: Mitnichten. Laut dem österreichischen Anlagebarometer 2026 besitzen bereits 31 % der österreichischen Wohnbevölkerung Wertpapiere. Zu den beliebtesten Anlageformen zählen Investmentfonds/ETF (24 %) und Aktien (18 %). Anleihen spielen mit 11 % eine deutlich geringere Rolle.
Ein interessantes, weil international vergleichbares, Ergebnis liefert eine Befragung des US-Investmenthauses BlackRock aus dem Jahr 2024. In der Studie „People & Money. Europe 2024“ wurde das Anlageverhalten in 14 europäischen Ländern verglichen. Mit dem österreichischen Anlagebarometer ist das Ergebnis nur bedingt vergleichbar, weil die Studie den Begriff Investor:in viel breiter auslegt. So zählen Personen, die neben klassischen Anlagevehikeln in Crowdfunding oder Kryptowährungen investieren, ebenfalls als Investor:innen. Unter den 14 verglichenen Ländern liegt Österreich im vorderen Mittelfeld (Tab.). 39 % der Gesamtbevölkerung über 18 Jahre investieren in Anlageprodukte – abseits des Sparbuches. Dass die Österreicher:innen „Wertpapiermuffel“ sind, ist eine Chimäre, auch wenn sie noch so oft wiederholt wird.
Doch zurück zur Wiener Börse und der Geldanlage in Aktien: Diese gilt langfristig betrachtet als eine der interessantesten Möglichkeiten, Vermögen aufzubauen. Vor dem Einstieg in Aktien sollten sich angehende Anleger:innen allerdings Folgendes überlegen:
Zu berücksichtigen sind auch die anfallenden Steuern. In Österreich unterliegen Dividenden und realisierte Kursgewinne aus Aktien grundsätzlich der Kapitalertragsteuer von 27,5 %. Entscheidend ist zudem eine langfristige Planung: Wer kurzfristig auf das Geld angewiesen ist, sollte es nicht vollständig in Aktien investieren. Einzelaktien bieten die Chance, gezielt an der Entwicklung bestimmter Unternehmen teilzuhaben. Sie bergen aber auch das Risiko, dass der Unternehmenswert und damit die Aktie dauerhaft an Wert verlieren. Investmentfonds und ETF können dieses Risiko durch die Streuung über viele Unternehmen reduzieren. Wer sukzessive, sprich nach und nach, in Aktien oder ETF investiert, profitiert zusätzlich vom sogenannten Cost-Average-Effekt (Durchschnittskosteneffekt). Dieser Effekt entsteht, wenn man regelmäßig einen festen Geldbetrag in Wertpapiere anlegt. Sinkt der Kurs einer Aktie oder eines ETF, erhält man mehr Anteile, bei steigenden Kursen kauft man weniger Anteile. Der Vorteil: Der durchschnittliche Kaufpreis pro Anteil fällt geringer aus, als wenn man laufend eine feste Anzahl an Anteilen kaufen würde.
Noch einmal zurück zum Beginn der Geschichte: Den stärksten Tagesverlust verzeichnete der ATX übrigens am 12. März 2020 während des Corona-Crashes. An diesem Tag brach der Leitindex um 13,65 % ein. Trotz dieses Einbruches hat sich die Wiener Börse auch längerfristig betrachtet durchaus positiv entwickelt. In den nicht ganz 7 Jahren seit dem 30. 12. 2019 hat sich der ATX beinahe verdoppelt (+96,5 %) und damit sogar den Dow Jones überflügelt (+85,7 %). Der DAX weist für den gleichen Zeitraum einen Anstieg von 91,5 % auf, der ATX Total Return (inklusive Dividenden) hat seit Ende 2019 ein stolzes Plus von fast 157 % erzielt, was – bei einer Berechnung mit 7 Jahren – einer durchschnittlichen jährlichen Rendite von 22,4 % entsprechen würde (arithmetisches Mittel). Da soll noch eine:r sagen: Die Wiener Börse hinkt hinterher.