Wie Stress die Arbeit beeinflusst

Zahlen, die aufrütteln sollten, denn laut dem EU-OSHA-Bericht „Mental Health at Work“ verursachen psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angstzustände hierzulande Kosten von etwa 15 Milliarden Euro. Der Bericht bezieht sich dabei auf ein bereits 2023 von der EU-Kommission veröffentlichtes Länderporträt zum Thema Gesundheit in Österreich. Im Kapitel zur psychischen Gesundheit heißt es darin unter anderem: „Österreich hat eine stärkere Belastung durch psychische Probleme als der EU-Durchschnitt.“ Wohlgemerkt: Die Schätzung dieser Gesamtkosten, die auf das Jahr 2015 zurückgeht, bezieht sich auf die Kosten im Zusammenhang mit tatsächlichen psychischen Erkrankungen – Stress selbst ist noch keine Erkrankung, kann aber bei Dauerbelastung zu einer solchen führen.

Arbeit als Stressfaktor Nummer 1

Stress gehört für die Mehrzahl der Befragten bereits zum Arbeitsalltag. Dabei zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern: 73% der Frauen und 61% der Männer erklärten, oft oder sehr oft gestresst zu sein. Laut der Stress-Studie von Mavieist bei den meisten Befragten die Arbeit der Stressfaktor Nummer 1: 37% gaben an, dass für sie die Arbeit den meisten Stress verursacht. Weitere 23% vergaben für die Arbeit die Note 2 auf der abgefragten siebenteiligen Skala, wobei 1 für „am stressigsten“ stand. Die Top-3-Trigger für Stress am Arbeitsplatz sind: Konflikte mit Vorgesetzten, Kolleg:innen oder Mitarbeiter:innen, zweitens Leistungs- und Termindruck und drittens unklare bzw. widersprüchliche Erwartungen seitens der Vorgesetzten. Viele der Befragten erklärten zudem, dass die Stressbelastung bis an die mentale Grenze geht. Knapp ein Viertel (24%) der Frauen und fast jeder fünfte Mann (18%) haben im vergangenen Jahr mehrere solcher Phasen erlebt, heißt es in der Studie. Auch wenn sie sich „ausgebrannt” fühlen, gehen 83% der befragten Österreicher:innen weiter zur Arbeit. Expert:innen nennen dies Präsentismus – sprich, Arbeitnehmer:innen erscheinen trotz einer Erkrankung am Arbeitsplatz oder arbeiten im Homeoffice, anstatt sich krank zu melden. Das ist ein Problem, das für das Unternehmen nur schwer erkennbar ist. Obwohl die Gesundheit und Leistungsfähigkeit bereits leiden, kommen Mitarbeiter:innen trotzdem zur Arbeit. Laut einem Bericht der Industry Week (2016) haben Datenanalyst:innen von GCC Insights bereits vor Jahren ermittelt, dass Präsentismus mit durchschnittlich 57,5 Tagen pro Jahr zu beziffern sei.

Psychische Gesundheit bleibt ein Tabuthema

Dennoch ist das Thema psychische Gesundheit in Österreich weiterhin ein Tabuthema – zumindest am Arbeitsplatz. Laut Studie sprechen 3 Viertel im Job nicht darüber, 42% befürchten negative Konsequenzen und 2Drittel (66 %) wollen sich nicht angreifbar machen. Bei Druck und psychischen Belastungen suchen 82% Rat bei Menschen aus ihrem privaten Umfeld, 41% bei Kolleg:innen. Lediglich 30% würden mit ihrem/ihrer direkten Vorgesetzten sprechen, und immerhin 27% können sich vorstellen, sich an KI-Tools zu wenden. Bei der Frage, was am meisten hilft, um mit Stress umzugehen, erklärten 60%, dass sie Zeit für sich selbst nehmen, 57% verbringen Zeit in der Natur, und 52% reden mit Freund:innen, Familie oder Partner:in. Lediglich 14% meinten, dass sie psychologische Beratung oder eine Therapie in Anspruch nehmen würden. Michaela Hack, psychosoziale Beraterin bei Mavie, erklärt im Rahmen der Studienpräsentation: „Dass professionelle Beratung so selten in Anspruch genommen wird, kann verschiedene Gründe haben. Fehlender Zugang, Kosten und Zeit sind mögliche Hürden – ebenso wie die persönliche Barriere, sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht.“

Was hilft gegen Stress?

Im Umgang mit Stress am Arbeitsplatz betonen Präventionsforscher:innen, dass Stress keinesfalls zum individuellen Problem der Beschäftigten gemacht werden darf. Die WHO empfiehlt einen mehrstufigen Ansatz, der sowohl die Arbeitsorganisation als auch Führungskräfte und Beschäftigte einbezieht. Dabei stehen organisatorische Maßnahmen, Führungskräftetrainings und Trainings für Beschäftigte im Mittelpunkt.

Folgende Tipps können helfen, den Stress am Arbeitsplatz zu reduzieren.

Arbeitsmenge überprüfen: Im Vordergrund steht dabei die Frage: „Ist die vorhandene Arbeitsmenge überhaupt realistisch?“ Eine klare Prioritätensetzung wirkt mitunter Wunder. Wenn alles gleichzeitig dringend ist, entsteht zwangsläufig zusätzlicher Druck.

Unterbrechungen reduzieren: E-Mails, Smartphones, Messenger und Videokonferenzen sorgen dafür, dass viele Beschäftigte kaum noch längere Phasen ungestörter Konzentration erleben. Feste E-Mail-Zeiten, weniger unnötige Meetings und störungsfreie Arbeitsblöcke können dazu beitragen, die Phasen für die konzentrierte Erledigung von Arbeiten zu erhöhen.

Handlungsspielraum schaffen. Laut WHO sollten Beschäftigte aktiv in Entscheidungsprozesse einbezogen werden und mehr Autonomie darüber erhalten, wie und wann sie ihre Aufgaben erledigen. Menschen können Belastungen besser bewältigen, wenn sie Einfluss darauf haben, wie sie ihre Arbeit erledigen. Flexible Arbeitszeiten, vernünftige Entscheidungsspielräume und eine gewisse Kontrolle über den eigenen Arbeitsablauf können deshalb wichtige Schutzfaktoren sein.

Führungskräfte sensibilisieren: Vorgesetzte sollten erkennen können, wann ein:e Mitarbeiter:in dauerhaft überlastet wirkt, und wissen, welche Unterstützungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Die WHO empfiehlt deshalb ausdrücklich Schulungen für Führungskräfte, damit diese belastende Arbeitsbedingungen besser erkennen und auf Beschäftigte in psychischen Krisen angemessen reagieren können.

Feierabend ernst nehmen: Wichtig ist auch, sich selbst Grenzen zu setzen. Wer ständig dienstliche Nachrichten kontrolliert, hat kaum noch eine echte Erholungsphase. Ein bewusster Übergang vom Arbeitsplatz in die Freizeit kann dabei helfen. Spazieren gehen, Sport, Musik, Freund:innen, Familie oder ein Hobby – Hauptsache, der Kopf bekommt Gelegenheit, sich mit etwas anderem zu beschäftigen.

Schlaf und Bewegung nicht unterschätzen: Ausreichender Schlaf und regelmäßige Bewegung schaffen wichtige Voraussetzungen für Erholung und Belastbarkeit. Ebenso wichtig sind soziale Kontakte. Wer nur noch arbeitet und schläft, verliert einen wesentlichen Teil jener Aktivitäten, die normalerweise beim Abschalten helfen.
Stress lässt sich nicht immer vermeiden, Dauerstress hingegen schon. Gelegentliche Hektik führt nicht automatisch zu gesundheitlichen Problemen. Anders ist es hingegen, wenn Überstunden, Zeitdruck, Schlafprobleme und permanente Erreichbarkeit über Monate zum Normalzustand werden.