Die COVID-19-Pandemie hat ein Problem sichtbar gemacht, das bereits zuvor bestand und beispielsweise schon im Zusammenhang mit der Spanischen Grippe aufgetreten ist: Manche Menschen werden nach einer Infektion nicht wieder gesund. Heute ist das Wissen über diese Erkrankungen gewachsen, gleichzeitig ist der Weg zu einer passenden Diagnose und Betreuung für viele Betroffene nach wie vor lang. „Genau diese Lücke müssen wir schließen“, sagt Thomas Weber, Leiter des neuen Universitätslehrgangs an der Med Uni Graz.
Eine wichtige Rolle spielt dabei Long COVID. Die Erkrankung hat postvirale Syndrome stärker in den Fokus von Wissenschaft und Öffentlichkeit gerückt und zugleich gezeigt, wie unterschiedlich die Beschwerden und Krankheitsverläufe sein können. Umso wichtiger ist es, genau hinzuschauen und die individuelle Situation der Betroffenen zu berücksichtigen. Dazu gehört auch, auf eine ausgeprägte Belastungsintoleranz zu achten. Bei einer Post Exertional Malaise (PEM) verschlechtern sich die Beschwerden nach körperlicher oder auch anderer Belastung deutlich, ein wichtiger Hinweis für die weitere Betreuung.
Für viele Betroffene ist die Suche nach einer passenden Versorgung auch deshalb schwierig, weil die Beschwerden unterschiedliche körperliche Bereiche betreffen können und mehrere Gesundheitsberufe zusammenarbeiten müssen. „Viele müssen erst erklären, dass ihre Erkrankung real ist, bevor sie Hilfe bekommen“, skizziert Thomas Weber den oftmals langen Leidensweg. Eine sorgfältige Abklärung und ein interprofessioneller Zugang sind daher die Grundlage. Gerade bei ausgeprägter Belastungsintoleranz muss darauf geachtet werden, die individuelle Belastungsgrenze nicht zu überschreiten.
Hier setzt der neue Universitätslehrgang an der Med Uni Graz an. Er soll Ärzt:innen sowie Angehörige anderer Gesundheitsberufe dabei unterstützen, postvirale Syndrome besser zu erkennen, Beschwerden richtig einzuordnen und Betroffene individuell zu betreuen. „Ich möchte, dass aktuelles Wissen dort ankommt, wo Betroffene Hilfe suchen: in Ordinationen, Ambulanzen, Pflege und Therapie“, erklärt der Lehrgangsleiter Thomas Weber. Ziel ist es, Gesundheitsberufen mehr Sicherheit bei der Erkennung, Abklärung und individuellen Betreuung zu geben. „Universitäre Weiterbildung hat die Aufgabe, neue wissenschaftliche Erkenntnisse rasch in die berufliche Praxis zu bringen. Der neue Universitätslehrgang verbindet wissenschaftlich fundierte Inhalte mit der praktischen Erfahrung verschiedener Gesundheitsberufe. Damit schaffen wir eine wichtige Grundlage für eine zeitgemäße und interprofessionelle Versorgung von Menschen mit postviralen Syndromen“, fasst Erwin Petek, Vizerektor für Studium und Lehre an der Med Uni Graz, zusammen.
Ein besonderes Merkmal des Lehrgangs ist der interprofessionelle Ansatz. Berufsgruppen, die im Alltag gemeinsam für Menschen mit postviralen Erkrankungen da sind, werden zusammengeführt. Der Lehrgang verbindet Diagnostik, therapeutische Möglichkeiten, aktuelle Forschung und das Management von Post-Acute Infection Syndromes (PAIS). „Da PAIS nicht anhand eines einzelnen Markers erfasst werden kann, ist eine interdisziplinäre Zusammenschau unerlässlich“, so Andrea Grisold. Er ist berufsbegleitend angelegt; auch einzelne Module können als Weiterbildung besucht werden. So soll aus dem bislang vielfach verstreuten Wissen eine gemeinsame Grundlage für die Praxis entstehen.
Neben der fachlichen Weiterbildung brauche es aber auch Veränderungen im Gesundheitssystem, betont Thomas Weber. Dazu gehören geschulte Ansprechpersonen, klare Wege zur Abklärung und eine bessere Zusammenarbeit über Fachgrenzen hinweg. Auch die Forschung zu postviralen Erkrankungen müsse weiter vorangetrieben werden. Vor allem müsse man den Betroffenen zuhören: „Eine Erkrankung wird nicht weniger schwer, nur weil man sie einem Menschen von außen nicht ansieht.“