Rilzabrutinib bei refraktärer Immun­throm­bo­zyto­penie

Bei einer 61-jährigen Patientin wird 2017 im Rahmen eines respiratorischen Infekts eine isolierte Thrombozytopenie festgestellt. Trotz Behandlung mit verschiedenen Thrombopoietin-Rezeptor-Agonisten bleibt die Erkrankung refraktär, weshalb 2025 ein individueller Heilversuch mit Rilzabrutinib begonnen wird.

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Rilzabrutinib bei refraktärer Immunthrombozytopenie

OA Dr. Michael Fillitz
3. Medizinische Abteilung, Hämatologie und Onkologie,
Mein Hanusch-Krankenhaus der ÖGK, Wien

 

Mit freundlicher Unterstützung von

MAT-AT-2600019 1.0 01/2026

Fallbeschreibung

Alter: 61 Jahre
Geschlecht: weiblich
Vorgeschichte: Im Oktober 2017 bestand ein respiratorischer Infekt, in dessen Zuge die Thrombozytopenie erstmals aufgefallen war. Im November 2017 erfolgte über den niedergelassenen Internisten die Zuweisung der Patientin an eine der hämatologischen Expositurambulanzen in einem Gesundheitszentrum der ÖGK zur Abklärung der neu aufgetretenen isolierten Thrombozytopenie (Hämoglobin: 13,1 g/dl, Thrombozyten: 61 G/l, Leukozyten: 4,1 G/l; Differenzialblutbild unauffällig).
Dauermedikation: Budesonid, Formoterolfumarat-Dihydrat 160/4,5 µg 2-mal 1 , Cal-D-Vita-Tbl. 2-mal 1, Dekristolvit®-D3-4000-I.E.-Tbl. 1-mal 1 jeden 2. Tag, Atorvacor® 10 mg 1-mal 1
Nebendiagnosen: COPD, Asthma bronchiale bekannt, Hyperlipidämie
Familienanamnese: unauffällig

UNTERSUCHUNGEN
  • Allgemeiner Status:
    Altersgemäß unauffälliger klinischer Status, keine spezifischen Beschwerden. Klinisch liegen zum Zeitpunkt der Erstvorstellung an der hämatologischen Ambulanz keine Blutungszeichen und kein Hinweis auf eine Infektion vor.
  • Spezifische Untersuchung:
    Eine Citrat-/EDTA-Pseudothrombozytopenie wurde ausgeschlossen. Aufgrund des sich aus der Knochenmarkbiopsie ergebenden Verdachtes auf morphologische Veränderungen im Sinne eines myelodysplastischen Syndroms erfolgte eine Untersuchung auf das Vorliegen von thrombozytenreaktiven Antikörpern.

Befunde

Thrombozytenreaktive Antikörper:
Es zeigte sich eine Antikörperbeladung (IgG) der Thrombozyten mit Anti-GP-IIb/IIIa- und Ib/IX-Antikörpern – passend zur Diagnose einer Immunthrombozytopenie.

Labor:

  • Blutbild und Differenzialblutbild bis auf die Thrombozytopenie unauffällig, Blutausstrich: keine Auffälligkeiten
  • CRP, LDH, Bilirubin unauffällig, Infektserologie unauffällig; Autoimmunscreening: ANA-Titer = 1 : 80; nukleolär, zytoplasmatische Fluoreszenz, Antikörper gegen Trennzone (Midbody); ds-DNA-AK = 41,4 (Nb.)
  • Schilddrüsen-Antikörper, ANCA, CCP-, Antiphospholipid-Antikörper und Lupus-Antikoagulans: negativ
  • Serologische Gerinnung: unauffällig
  • Coombs-Test direkt und indirekt: negativ
  • Infektionsscreening (Hepatitis B + C, HIV, TPHA, HLO-Ag/-AK, CMV, EBV): negativ

Bildgebung:
Eine bildgebende Durchuntersuchung mittels Sonografie des Abdomens, der peripheren Lymphknotenstationen und ein Thorax-Röntgen waren unauffällig.

Histologie:

  • Am 30. 11. 2017 erfolgte eine Beckenkammpunktion. In der zytologischen Aufarbeitung wurden diskrete Dysplasiezeichen in der Granulozytopoese beschrieben. Folglich bestand zunächst der Verdacht auf ein myelodysplastisches Syndrom/„single lineage dysplasia“ (MDS/SLD).
  • Die histologische Aufarbeitung ergab jedoch weitgehend altersentsprechendes Knochenmark ohne konkreten Hinweis auf eine hämatologische Systemerkrankung. Somit wurde eine Autoimmunthrombozytopenie als Ursache der Thrombozytenverminderung angenommen (Ausschlussdiagnose).
  • Die zytogenetische Untersuchung des Knochenmarks ergab keine Auffälligkeiten.

Ist eine Untersuchung auf das Vorliegen antithrombozytärer Antikörper bei vermuteter Immunthrombozytopenie (ITP) immer zur Diagnosestellung erforderlich? (2 richtige Antworten)

Diagnose

Nach Nachweis einer Antikörperbeladung der Thrombozyten mit Anti-GP-IIb/IIIa- und Ib/IX-Antikörpern und dem histologischen Befund wird folgende Diagnose gestellt:

Immunthrombozytopenie, kortisonsensibel

Im weiteren Verlauf zeigt sich ein insuffizientes anhaltendes Ansprechen auf konventionelle Behandlung der ITP mit intravenösen Immunglobulinen (IVIG), Kortikosteroiden (Prednisolon) und Thrombopoietin-Rezeptor-Agonisten (TPO-RA).

Trotz Refraktärität werden eine therapeutische Splenektomie und Immuntherapie mit dem Anti-CD20-Antikörper Rituximab mehrfach abgelehnt.

Staging: Eine anhaltende Remission der Thrombozytopenie (T > 100 G/l) war bei Unterschreiten einer Prednisolon-Dosis von 7,5 mg/d nicht zu halten, trotz gleichzeitig laufender TPO-RA-Therapie.

Welche Therapeutika werden in der Erstlinientherapie der ITP laut Empfehlungen eingesetzt? (1 richtige Antwort)

Therapie

  • 2018
    Zunächst erfolgten lediglich therapiefreie Verlaufskontrollen. Die T-Werte lagen zwischen 60 G/l und 74 G/l, weshalb bei Fehlen von Blutungszeichen noch keine spezifische Therapie eingeleitet wurde.
  • März 2018
    Beginn mit Prednisolon

  • Mai 2018
    Beginn mit Eltrombopag

  • November 2018
    Eltrombopag wird pausiert; Splenektomie und Rituximab werden von Patientin abgelehnt.

  • bis Dezember 2019
    Bis zu diesem Zeitpunkt erfolgte die Betreuung auswärts an einer der Expositurambulanzen. Zur Prüfung eines eventuell möglichen Einschlusses in eine laufende Therapiestudie wurde die Patientin an das Zentrum übernommen, wo sie bis zum heutigen Tag in Betreuung verbleibt.
  • Dezember 2019
    Fortsetzung mit Eltrombopag

  • Februar 2020
    bis Juni 2023
    Auch während der COVID-19-Pandemie kam es gehäuft zu solchen Thrombozytenabfällen, die auf medikamentöse Intervention nur verzögert ansprachen. Diese waren jedoch weder mit bedrohlichen Blutungszeichen noch mit einer SARS-CoV-2-Infektion bzw. mit der mehrfach durchgeführten Vakzinierung gegen dieses Virus assoziiert.
  • Mai 2021
    Einschluss in Studie mit Efgartigimod

  • März 2022
    Switch auf Romiplostim

  • Mai 2022
    Biopsie: Aufgrund der Therapierefraktärität erfolgte erneut eine Knochenmarkbiopsie. In der histologischen und zytomorphologischen Beurteilung zeigte sich ein hyperzelluläres Knochenmark mit gesteigerter Granulozytopoese, verminderter Erythrozytopoese mit nur diskreten Dysplasiezeichen, gesteigerter Megakaryozytopoese mit in Clustern liegenden atypischen Megakaryozyten und mäßiggradiger Fibrose. Die Blastenzahl lag im Normbereich. Zytogenetisch wurden keine Auffälligkeiten festgestellt.
  • Juni 2022
    Switch auf Avatrombopag

  • Wiedereinstellung auf Eltrombopag 75 mg/d.

  • Juni 2023
    Die Patientin wurde für die damals laufende Studie LUNA 3 mit Rilzabrutinib gescreent. Leider konnte sie nicht in die Studie eingeschlossen werden, da die Thrombozytenzellzahl nicht ohne medikamentöse Interventionen und Dosismodifikationen stabil gehalten werden konnte.

    Ein alternativer Therapieversuch mit Fostamatinib konnte aufgrund der fehlenden Verfügbarkeit des Präparates in Österreich ebenso nicht erfolgen.

    Mit der Patientin wurden alle anderen aus unserer Sicht sinnhaften Optionen besprochen:

    • Milzentfernung (abgelehnt)
    • Dosiserhöhung Eltrombopag bzw. erneuter Umstellungsversuch auf Avatrombopag
    • Einschluss in eine Rezidivstudie an einem anderen Zentrum mit dem BAFF-Inhibitor Ianalumab
    • Fostamatinib, wenn doch irgendwie verfügbar
  • Oktober 2023
    Die Patientin entschied sich für einen erneuten Versuch mit Avatrombopag 40 mg/d

  • August 2025
    Am 21. 8. 2025 wurde die Patientin erneut mit T = 8,0 G/l und Blutungszeichen an Haut und Schleimhäuten vorstellig. Nach Rescue-Medikation (Erhöhung der Steroiddosis und IVIG-Gabe) erreichte die Patientin am 22. 9. 2025 nur T = 48 G/l.

Welche Thrombopoietin-Rezeptor-Agonisten (TPO-RA) sind in Österreich zugelassen und erhältlich? (3 richtige Antworten)

Einstellung auf BTK-Inhibitor Rilzabrutinib

  • September 2025
    Individueller Heilversuch mit Rilzabrutinib

    Nach Rücksprache mit der Herstellerfirma und Aufklärung der Patientin konnte über einen individuellen Heilversuch (Name Patient Use, NPU) Rilzabrutinib 2-mal 400 mg/d additiv zur laufenden Therapie verabreicht werden (Tag 1 = 24. 9. 2025).
    Avatrombopag verblieb zunächst auf 40 mg/d weiter, die Prednisolongabe auf 7,5 mg/d.

  • Oktober 2025
    Schon am 6. 10. 2025 (Tag 13) stieg die Thrombozytenzahl auf 399 G/l an. Nach 5-tägiger Pausierung der parallel laufenden Avatrombopag-Therapie mit 40 mg/d wurde dessen Dosis auf 20 mg/d ab 11. 10. 2025 reduziert.

    Prednison wurde ab 6. 10. 2025 von 7,5 mg/d auf letztlich 2,5 mg/d reduziert.

    Am 16. 10. 2025 kam es nochmals zu einem Thrombozytenabfall auf T = 21 G/l bei jedoch nur milden Blutungszeichen (orale Petechien). Avatrombopag wurde nun wieder auf 40 mg/d gesteigert. Rilzabrutinib wurde weiterhin 2-mal tägl. mit 400 mg verabreicht. Nun kam es sukzessive zu einer langsamen Stabilisierung der Thrombozytenzellzahl.

    Am 20. 10. 2025 betrug sie 51 G/l ohne Blutungszeichen.

    In der Kontrolle vom 29. 10. 2025 kam es zu einem Anstieg der Thrombozytenzellzahl auf T = 144 G/l. Die Patientin berichtete über keine Nebenwirkungen unter der Einnahme von Rilzabrutinib. Subjektiv verbesserte sich der aufgrund einer schon länger bestehenden chronischen Fatigue reduzierte Allgemeinzustand. Diese Müdigkeit bestand zuletzt nicht mehr, und die Patientin verzeichnete eine Verbesserung der körperlichen Belastbarkeit unter der nun laufenden Therapie.

    Die letzte ITP-spezifische medikamentöse Therapie besteht aus: Avatrombopag 40 mg/d, Prednisolon 2,5 mg/d und Rilzabrutinib 2-mal 400 mg/d.

  • November 2025
    Die Blutbildkontrolle vom 18. 11. 2025 ergab befriedigende Werte (Hb= 12,2 g/dl; T= 57 G/l,; L= 6,6 G/l; Retikulozyten= 14‰). Es zeigten sich keine Petechien, nur vereinzelt kleine, ältere Hämatome. Auch ein zwischenzeitlich aufgetretener milder, afebriler respiratorischer Infekt mit Husten, ohne CRP-Anstieg blieb ohne konsekutiven Thrombozytenabfall. Ein vorübergehender Thrombozytenabfall auf T = 21 G/l wurde in Zusammenhang mit einer stattgehabten Zahnextraktion gesehen und erforderte keine zusätzliche therapeutische Intervention. In kurzfristigen Folgekontrollen stiegen die Thrombozytenzahlen weiter an.

    Die aktuelle Kontrolle vom 25. 11. 2025 ergab eine weiter steigende Thrombozytenzahl T = 93 G/l. Die Rilzabrutinib-Einnahme läuft nun bereits den 63. Tag. Die Begleitmedikation mit Avatrombopag 40 mg/d und Prednison 2,5 mg/d wurde noch belassen. Es zeigten sich keine Blutungszeichen, und von der Patientin wurde keine Fatigue berichtet. Nebenwirkungen der laufenden Therapie wurden ebenso nicht reportiert. Derzeit sind noch Schwankungen der Thrombozytenzahlen in den Kontrollen zu verzeichnen, die jedoch auch der Reduktion der laufenden Kortikosteroiddosis geschuldet sein dürften. In weiterer Folge ist nach Möglichkeit ein komplettes Absetzen des Steroids geplant.

Welche Feststellungen zur Therapie der ITP mit Rilzabrutinib, einem Bruton-Tyrosinkinase-Inhibitor, sind richtig? (3 richtige Antworten)

Fazit

Die Immunthrombozytopenie ist eine seltene Autoimmunerkrankung (Orphan Disease), bei der autoreaktive Antikörper gegen Thrombozyten und Megakaryozyten gebildet werden. Diese führen im retikuloendothelialen System (Milz, Leber, Knochenmark) zur Zerstörung der Thrombozyten mit entsprechenden Blutungskomplikationen. Kortikosteroide zeigen zwar initial hohe Ansprechraten bis über 70 %, sind jedoch aufgrund ihrer Nebenwirkungen für eine Langzeittherapie nicht zu präferieren. Aufgrund des häufig chronischen Verlaufs mit rezidivierend krisenhaftem Abfall der Thrombozyten besteht trotz der seit den späten 2000er-Jahren verfügbaren Thrombopoietin-Rezeptor-Agonisten und der Zulassung des SYK-Inhibitors Fostamatinib Bedarf an zusätzlichen therapeutischen Optionen. Mit dem oralen Bruton-Tyrosinkinase-Inhibitor Rilzabrutinib zeigte sich in der Verum-Gruppe in der randomisierten, placebokontrollierten, doppelblinden Phase-III-Studie LUNA 3 auch bei mehrfach vorbehandelten ITP-Patient:innen ein überlegenes Ansprechen hinsichtlich des Erreichens einer Thrombozytenzahl > 50 G/l ohne additive Rescue-Medikation in mindestens 8 der letzten 12 Wochen (primärer Endpunkt erreicht bei 46 % vs. 31 %) und eine Halbierung des Einsatzes von Rescue-Therapien. Rilzabrutinib reduzierte auch die ITP-assoziierte Fatigue. Nebenwirkungen waren mild bis moderat ausgeprägt. Eine Zulassung der Substanz in der ITP-Therapie ab der 3. Linie wird angestrebt. Die Substanz wird derzeit auch in weiteren Indikationen in Studien untersucht.

Vielen Dank, dass Sie unseren digitalen Patientenfall durchgearbeitet haben!

Bereitgestellt von:
OA Dr. Michael Fillitz
3. Medizinische Abteilung, Hämatologie und Onkologie, Mein Hanusch-Krankenhaus der ÖGK, Wien

Redaktion:

 

Illustrationen © MedMedia/KI-generiert

 

Autor: OA Dr. Michael Fillitz

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