Forschungsstrategie für Österreich

Forschung ermöglicht Innovation. Innovative Medikamente ermöglichen eine bessere Versorgung von Patient:innen. Zudem ist Forschung ein wesentlicher Treiber wirtschaftlichen Wachstums und wirkt sich auch auf die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes aus. Lauter gute Gründe, um den Forschungsstandort Österreich zu stärken. Die befragten Expert:innen liefern vielseitige Vorschläge für eine (Neu-)Strukturierung der Forschungslandschaft und sehen auch Bedarf für gesellschaftspolitische Veränderungen.

Langfristige Planungssicherheit und bessere Finanzierung

Entwicklungen lassen sich nicht innerhalb weniger Monate ‚erledigen‘“, betont Univ.-Prof.in Dr.in Freyja-Maria Smolle-Jüttner, Präsidentin der Ludwig Boltzmann Gesellschaft. Längerfristige Planungssicherheit ist daher ihrer Ansicht nach eine Conditio sine qua non, um die Forschung in Österreich zu stärken. „Angesichts der Tatsache, dass Forschung und Entwicklung nach wie vor deutlich mehr von der Industrie als durch die öffentliche Hand finanziert werden, ist jegliche Erhöhung der diesbezüglichen Bundesmittel sehr zu begrüßen“, unterstreicht sie. „Denn die Medizinuniversitäten leisten sehr gute Forschungsarbeit“, führt sie weiter aus, „sind jedoch infolge der weitgehenden Bindung ihres Globalbudgets hinsichtlich der Finanzierung von neuen Forschungsprojekten limitiert. Das betrifft sowohl kleinvolumige Vorhaben des forscherischen Nachwuchses als auch längerfristige Großprojekte arrivierter Forscherinnen und Forscher.“ Für beide Bereiche sei es daher notwendig, dass ausreichend kompetitive Mittel bereitgestellt werden. „Trotz hochkarätiger Peer Reviews darf der Vergabeprozess weder bürokratisch überfrachtet noch mit monatelanger Wartezeit bis zur Entscheidung verbunden sein, denn Berufsjahre von Forschenden sind kostbar“, mahnt Smolle-Jüttner.

Image der Forschung verbessern

Smolle-Jüttner ist zudem überzeugt, dass es auch dringend einer Verbesserung des Images der Forschung wie auch der Forschenden bedarf. Diese würden durch ihre Arbeit den Wohlstand und die Zukunft des Landes sichern helfen und „es ist wenig förderlich, dass man Wissenschafterinnen bzw. Wissenschaftern unterstellt, Unwahrheiten zu verbreiten, wenn die Fakten dem sogenannten ‚gesunden Menschenverstand‘ widersprechen“.
Ähnliches kommt von Ute Van Goethem, Präsidentin des FOPI – Forum der forschenden pharmazeutischen Industrie in Österreich: Sie wünscht sich „eine Willkommenspolitik für Forschung und Innovation sowie adäquate Rahmenbedingungen, um klinische Forschung in die bestehenden Versorgungsstrukturen bestmöglich zu integrieren und sicherzustellen, dass wir weiterhin frühen Zugang zu innovativen Therapien haben“.

Institutionalisierung klinischer ­Forschung

Österreich stehe im Bereich der Forschung im Wettbewerb mit anderen Ländern und Regionen der Welt, daher sei es erforderlich, der Stärkung des heimischen Forschungsstandortes Priorität einzuräumen, erklärt Van Goethem weiter. „Ein Weg, um dies zu erreichen, ist die Erhöhung der Forschungsförderung sowie die Institutionalisierung klinischer Forschung als Teil einer modernen, zukunftsgerichteten Gesundheitsversorgung. Auch sollten dezentrale Studienelemente sowie digitale Technologien gestärkt werden. Weiters sollte man an standardisierten Vertragsklauseln und an der administrativen Entlastung der Studienzentren arbeiten“, fasst sie mögliche Ansatzpunkte zusammen.

Ausarbeitung einer Life-Science-Strategie

Auch Mag. Alexander Herzog, Generalsekretär der PHARMIG, sieht mehrere konkrete Hebel, um den Forschungsstandort Österreich nach vorne zu bringen. Dass die Life-Science- & Biotech-Branche als eine der neun Schlüsseltechnologien in der Indus­triestrategie der Bundesregierung verankert wurde, bewertet er als einen wichtigen Schritt. Nun brauche es jedoch eine weitere Konkretisierung der notwendigen Maßnahmen, ist er überzeugt: „Zu den zentralen Ansatzpunkten zählen unter anderem die Sicherung geistigen Eigentums, die Förderung der MINT-Fächer, wettbewerbsfähige Energiepreise sowie ein klares Bekenntnis zu ‚Made in Europa‘.
Wer industrielle Wertschöpfung in Europa halten will, muss auch bereit sein, dafür zu investieren. Diese Maßnahmen werden Geld kosten, darüber muss man sich im Klaren sein.“ Doch diese Investitionen seien unumgänglich, denn „Europa muss resilienter werden, weg von Abhängigkeiten, hin zu mehr Gestaltungskraft“, betont Herzog. Die von den USA thematisierten Preisunterschiede bei Medikamenten sieht er als Teil einer größeren Debatte „Eine faire Lastenverteilung ist legitim. Europa muss sich stärker bewusst machen, welchen Wert pharmazeutische Innovation hat, und entsprechend investieren. Derzeit bleiben wir bei eigenen Innovationen hinter anderen Regionen zurück. Das kann sich Europa auf Dauer nicht leisten.“

Bereits bei der Bildung ansetzen

Für Smolle-Jüttner ist es essenziell, bereits bei der Bildung anzusetzen, um die Situation der Forschung in Österreich langfristig auf sichere Standbeine zu stellen: „Eine Reform des Bildungssektors ist aus meiner Sicht alternativlos. Allerdings darf diese kein weiteres Drehen der Schraube in Richtung eines schwammig definierten ,Kompetenzerwerbs‘ anstatt des Aufbaus analogen Wissens bedeuten. Denn gerade – und ausschließlich – Letzteres ermächtigt uns, Fake News bzw. Halluzinationen der KI zu identifizieren.“ Zudem müsse bereits Kindern vermittelt werden, dass Wissenserwerb mit Arbeit verbunden ist. „Schule und Studium machen nicht immer ‚Spaß‘, die Notwendigkeit des Lösens von Aufgaben ist allerdings nicht gleich eine Überforderung und die erfolgreiche Bewältigung von Anforderungen macht zufrieden“, so Smolle-Jüttner, die sich in diesem Zusammenhang für klare und durchaus strenge Beurteilungen im Schulsystem ausspricht, denn „in der hoch kompetitiven Welt der Forschung wird niemand bestehen können, der nicht aus einem negativen Review lernen und darauf basierend erfolgreich weiterarbeiten und publizieren kann“.

Das sagen die Forschenden selbst

„Forschung als strategische Investition sehen“

Priv.-Doz. Dr. Markus Zeitlinger, Leiter der Univ.-Klinik für Klinische Pharmakologie, Medizinische Universität Wien, sieht grundsätzlich eine hohe Forschungsquote in Österreich, allerdings sei der strategische Fokus ein Problem: „Österreich investiert durchaus viel Geld in Forschung, doch die Forschungsthemen sind sehr breit gestreut. Hier wäre eine strategisch geplante Fokussierung erforderlich.“ Weiters wünscht er sich verlässlichere und langfristigere Budgets, sodass auch internationale Talente nach Österreich geholt und langfristig im Land gehalten werden können. „Derzeit schrecken die bürokratischen Hürden in Österreich viele Forschende ab. Die ,Time to Contract‘ dauert beispielsweise sehr lang und auch das Ethikvotum kostet viel Zeit. Diese Verzögerungen führen dazu, dass man teilweise bis zu zwei Jahre warten muss, bis das Geld ausgezahlt wird“, nennt Zeitlinger weitere aktuelle Hindernisse. Seiner Ansicht nach braucht es dringend gesetzliche und strukturelle Rahmenbedingungen, die die Forschung fördern, statt sie zu bremsen, wie dies derzeit der Fall ist. „Wenn weniger Zeit der Forschenden in Bürokratie fließt, bleibt mehr Zeit – und Geld – für effektive Forschung“, ist Zeitlinger überzeugt. Er ruft die Entscheidungsträger daher dazu auf, Forschung als strategische Investition zu sehen, denn: „Forschung ist nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für den Standort, das Gesundheitssystem, für Patient:innen und Angehörige und damit für uns als gesamte Gesellschaft von großer Bedeutung!“

„Monetären und nicht-monetären Wert von Forschung anerkennen“

Prim. Priv.-Doz. Dr. Arschang Valipour, Vorstand Innere Medizin & Pneumologie an der Klinik Floridsdorf und Leiter des Karl Landsteiner Instituts für Lungenforschung und pneumologische Onkologie, hält eine Forschungsstrategie in Österreich ebenfalls für absolut erforderlich: „Es braucht auf lokaler Ebene eine Unterstützung der Forschungslandschaft, sowohl der klinischen als auch der außeruniversitären Forschung. Der monetäre, aber auch der nicht-monetäre Wert von Forschung muss anerkannt werden. Wir brauchen beispielsweise Incentives für Forschende!“ Weiters betont Valipour, dass Forschung viele Vorteile mit sich bringt: „Die Behandlungsqualität wird verbessert, aber es geht darüber hinaus auch um die Attraktivität von Kliniken, die durch Forschungsprojekte gesteigert wird, sowie um die Förderung von Karrieren. Derzeit erleben wir das Rekrutieren von adäquatem Personal als Herausforderung, was beispielsweise auch daran liegt, dass es in Österreich keine formale Ausbildung für Study Nurses gibt. Auch diese Rahmenbedingungen erschweren in der Forschung unseren Arbeitsalltag.“ Neben einer formalen Unterstützung im Bereich Ausbildung durch Trainings-FH-Lehrgänge etc. plädiert Valipour für effizientere Vertragsstrukturen: „Verträge könnten rascher erstellt und abgewickelt werden, wenn wir eine zentrale Abwicklung, einen ‚One-Stop-Shop‘, für klinische Studien hätten, über den von der Vertragserstellung über die Ethikkommission bis zur Patientenrekrutierung alles läuft.“ Dies würde seiner Meinung nach Forschende und Industrie entlasten und Patient:innen einen rascheren Zugang zu innovativen Therapien ermöglichen, doch „derzeit ist das in Österreich viel zu kleinteilig organisiert“. Ein weiterer Verbesserungsansatz besteht für Valipour darin, dass sich die verschiedenen klinischen Einrichtungen miteinander vernetzen sollten, um gemeinsam die Industriepartner anzusprechen. „Das würde die Wahrscheinlichkeit, Studien – auch große Studien – nach Österreich zu holen, erhöhen“, ist er überzeugt. Abschließend unterstreicht Valipour einmal mehr, dass klinische Forschung einen hohen Mehrwert für den Standort Österreich bringen würde, „und zwar in monetärer wie auch nicht-monetärer Hinsicht“. Und er weist auf Einsparungspotenziale hin: „Allein in Wien könnte eine strukturierte Forschungslandschaft einen dreistelligen Millionenbetrag einsparen – und gerade jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, um Geld zu sparen!“