Österreich im EU-Vergleich

Mag. Alexander Herzog, Generalsekretär der PHARMIG, betont, dass Österreich zwar ein kleines, aber wirtschaftlich starkes Land sei, „und diesen Wohlstand können wir nur sichern, wenn wir uns kontinuierlich weiterentwickeln.“ Er sieht eine sehr starke Grundlagenforschung in Österreich und auch sehr hohe Qualitätsstandards in der Ausbildung, bei den Behörden sowie aufseiten der Industrie. „Auch die Versorgungssicherheit ist in Österreich sehr gut, da Industrie, Großhandel und Apotheken hierzulande eng und verlässlich zusammenarbeiten. Kaum ein zweites Land in der EU hat so eine gute Versorgung“, erklärt er. Gleichzeitig sieht Herzog bei den Rahmenbedingungen für klinische Forschung Luft nach oben: „Die Prozesse dauern hierzulande zu lange, es gibt zu wenig Digitalisierung, zu viel Bürokratie.“ Als Vorbilder nennt er Dänemark und Belgien, die zentrale „One-Stop-Shops“ für Unternehmen im Bereich klinischer Studien eingerichtet haben, was sich auf die dortige Forschungslandschaft sehr positiv ausgewirkt hat.

Nachhaltige Finanzierung erforderlich

George Tousimis, Vizepräsident des FOPI, weist zunächst auf die Vorteile Österreichs hin: So verfüge Österreich beispielsweise im europäischen Vergleich über sehr gute Voraussetzungen für die Durchführung ­klinischer Studien – hohe medizinische Qualität, erfahrene Ärzt:innen, anerkannte Studienzentren sowie verlässliche Abläufe. Auch die hohe Versorgungsqualität und das Vertrauen in das Gesundheitssystem fördern seiner Ansicht nach die Studienteilnahme von Patient:innen. „Ergänzt wird dies durch hohe Datenqualität, sorgfältige Dokumentation, die konsequente Einhaltung internationaler GCP-Standards sowie niedrige Abbruchraten“, so Tousimis weiter. Doch: „In der Praxis zeigt sich Aufholbedarf, denn trotz alledem geht die Zahl klinischer Studien in Österreich wie bereits erwähnt deutlich zurück“, unterstreicht Tousimis. Verbesserungsbedarf ortet er vor allem bei der nachhaltigen Finanzierung von Studienpersonal und der Infrastruktur in den Spitälern, beim Ausbau dezentraler Studienelemente sowie bei der konsequenten Nutzung digitaler Technologien.

Fehlende Forschungsnetzwerke

Eine sehr gute Basis für Forschung, ein früher Zugang zu innovativen Medikamenten und eine sehr gute Reputation, die unter anderem auf einer langen Historie und ­Tradition der Forschung beruht, sind für Prim. Priv.-Doz. Dr. Arschang Valipour, ­Vorstand Innere Medizin & Pneumologie an der Klinik Floridsdorf und Leiter des Karl Landsteiner Instituts für Lungenforschung und pneumologische Onkologie, Österreichs Pluspunkte. Doch gerade im EU-­Vergleich fällt seiner Meinung nach auf, wie sehr die regional verteilte Zuständigkeit – Stichwort: Föderalismus in Österreich – sowie das Fehlen von Forschungsnetzwerken und einer Verschränkung des Spitals- mit dem niedergelassenen Bereich Österreich zum Nachteil gereichen. „Die Niederlande und Belgien haben beispielsweise durch ihre Forschungsnetzwerke viel effizientere Study-Set-ups; Großbritannien und die Schweiz sind uns bei der Digitalisierung und Verknüpfung von Krankenhaus- und niedergelassenem Bereich deutlich voraus“, erklärt er. So gebe es in Österreich u.a. teils wenige Zuweisungen zu klinischen Studien aus dem niedergelassenen Bereich. „Andere Länder arbeiten hier mit Incentives, solche Modelle fehlen in Österreich“, so Valipour.

Starke Universitätsmedizin in Österreich

Priv.-Doz. Dr. Markus Zeitlinger, Leiter der Univ.-Klinik für Klinische Pharmakologie, Medizinische Universität Wien, und Vizepräsident der GPMed, Gesellschaft für pharmazeutische Industrie, schließt sich Valipour an und betont: „In Österreich gibt es eine starke Universitätsmedizin, das ist für die Forschung ein Vorteil! Auch von der Verknüpfung MedUni Wien und AKH profitieren wir hierzulande sehr. Mit dem neuen Center for Translational Medicine (CTM) entsteht zudem ein europaweit einzigartiges Forschungszentrum mit rund 14.000 m2 Gesamtfläche, das präklinische Forschung und klinische Anwendung miteinander verbinden wird.“

Zu starke Fragmentierung

Einen wesentlichen Nachteil für die Forschung in Österreich im Vergleich zu anderen EU-Ländern sieht auch Zeitlinger in der starken Fragmentierung: „Unsere unterschiedlichen Trägersysteme harmonieren nicht miteinander, das beginnt bei unterschiedlichen IT-Systemen, was z.B. auch das Übermitteln und Auswerten von Real-World-Daten schwierig macht. Hier sind uns die skandinavischen Länder weit vo­raus.“ Zudem wünscht sich Zeitlinger ein anderes Mindset in der Bevölkerung, denn „der Stellenwert der klinischen Forschung ist den meisten bewusst, aber die Bereitschaft, selbst an klinischen Studien teilzunehmen, ist dennoch gering …“. Nicht zuletzt plädiert Zeitlinger auch dafür, Forschung nicht als Zusatzaufgabe von Ärzt:innen zu sehen, sondern: „Wir brauchen Medizinerinnen und Mediziner, die Forschung als ihre eigentliche Aufgabe begreifen und dabei auch entsprechend unterstützt und gefördert werden!“