Zur aktuellen Lage der Forschung in Österreich

Ziele der Industriestrategie 2035 der österreichischen Bundesregierung sind langfristiges Wachstum sowie die Sicherung und Wiedererlangung von wirtschaftlicher und technologischer Kompetenz. Dies soll durch die – erstmalige – Definition von Schlüsseltechnologien, die Entwicklung von strategischen Technologien von der Forschung bis zur Marktreife sowie verbesserte Anreize für industrielle Ansiedelungen und Innovationen über die Legislaturperiode hinaus erreicht werden. Zu den definierten Schlüsseltechnologien gehören auch Life Sciences & Biotech. „Wir wollen die Stärken der österreichischen Industrie stärken und Chancen nutzen sowie optimale Rahmenbedingungen für Forschung, Entwicklung, Innovation, Produktion und Export schaffen“, erklärt Dr. Wolfgang Hattmannsdorfer, Bundesminister für Wirtschaft, Industrie und Tourismus.1

Von der Pharmabranche wurde die Indus­triestrategie grundsätzlich positiv aufgenommen, allerdings wünschen sich viele Vertreter:innen aus der Pharmaindustrie eine weiterführende Life-Science-Strategie, wie es diese beispielsweise bereits in Deutschland gibt, um konkretere Maßnahmen festzulegen, unter anderem für den Bereich Forschung in Österreich. Denn hier bestehen einige Herausforderungen, denen es sich zu stellen gilt, um für die Zukunft gut gerüstet zu sein, so der allgemeine Tenor.

Europa verliert im globalen Wettbewerb

Der Nutzen von (klinischer) Forschung ist unbestreitbar: Ohne Forschung gibt es keine medizinische Innovation. Klinischen Studien kommt bei der Entwicklung neuer Therapien große Bedeutung zu. Doch die Zahl der klinischen Studien in Europa ist rückläufig: Während zwischen 2013 und 2023 weltweit die Anzahl klinischer Prüfungen um 38% angestiegen ist, ist die Anzahl der klinischen Forschungsprojekte im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) von 22% auf 12% gesunken.2

Auch in Österreich macht sich ein Abwärtstrend bemerkbar. „In Österreich ist die Zahl der klinischen Studien zwischen 2021 und 2024 um 28% gesunken“, erklärt George Tousimis, Vizepräsident des FOPI – Forum der forschenden pharmazeutischen Indus­trie in Österreich. Die Gründe dafür liegen seiner Ansicht nach unter anderem im zunehmenden globalen Wettbewerb, in dem USA und China derzeit die Nase vorn haben: „Europa – und damit auch Österreich – steht im internationalen Wettbewerb um Forschungsinvestitionen zunehmend unter Druck. Während die pharmazeutische Industrie in Europa jährlich rund 41 Mrd. Euro in Forschung und Entwicklung investiert, wachsen die Forschungsaktivitäten in den USA und in China deutlich schneller. Ein sichtbares Zeichen dafür ist der Rückgang klinischer Studien.“

Doch Tousimis ortet noch weitere He­­r­ausforderungen: „Parallel dazu hat sich der globale Schwerpunkt der Arzneimittelinnovationen verschoben. Während in den 1990er-Jahren noch rund die Hälfte aller innovativen Medikamente in Europa entwickelt wurde, stammt heute nur mehr etwa jedes fünfte aus Europa, fast die Hälfte hingegen aus den USA. Deshalb braucht es eine klare Strategie und konkrete Maßnahmen, um hier gegenzusteuern und die Attraktivität des Forschungsstandortes zu erhöhen.“

Langfristigere Investitionen erforderlich

Ähnlich sieht dies Mag. Alexander Herzog, Generalsekretär der PHARMIG, Verband der pharmazeutischen Industrie in Österreich: „Österreich verliert im internationalen Wettbewerb an Dynamik, weil andere Länder gezielter, langfristiger und strategischer in Forschung, Produktion und Fachkräfte investieren.“ Dazu kommen in seinen Augen geopolitische Spannungen, die es zu bedenken gibt. „Grundsätzlich müssen wir jetzt handeln, um die Forschung in Österreich zu stärken. Die Industriestrategie der Bundesregierung nennt diesbezüglich viele Überschriften. Jetzt braucht es konkrete Maßnahmen, verlässliche Finanzierungszusagen und Planungssicherheit für Unternehmen“, so Herzog weiter.

Österreich auf Platz 19 des Global Innovation Index

Univ.-Prof.in Dr.in Freyja-Maria Smolle-Jüttner, Präsidentin der Ludwig Boltzmann Gesellschaft, ist der Meinung, dass auch im Bereich der Forschung „die allgemein angespannte Finanzlage zu einer gewissen Verunsicherung beiträgt“. Sie weist auf den von der Schweiz angeführten Global Innovation Index hin: Hier liegt Österreich an 19., EU-weit an 9. Stelle. „Bemerkenswert ist, dass Länder mit einem geringeren Per-Capita-BIP wie Finnland, Deutschland, Frankreich oder Estland im Innovations­index vor Österreich liegen. Ursachen dafür könnten unterschiedliche Priorisierung von Themen, Erosionen im Bildungssystem, mangelnde kompetitive Leistungsanreize sowie die in Österreich besonders ausgeprägte Wissenschaftsskepsis sein“, so Smolle-Jüttner. Auch sie sieht China klar auf dem Vormarsch: „Die Präsenz Chinas – mittlerweile auf Rang 10 im Global Innovation Index – in der internationalen Forschungslandschaft gewinnt zunehmend an Impact. Während früher die Quantität der Publikationen beeindruckend war, ist es mittlerweile zunehmend auch deren Qualität.“ Auch das sinkende Vertrauen in die USA als verlässlicher Partner in Forschungsfragen stellt für sie eine der aktuellen Herausforderungen dar.

Strukturelle Nachteile in Österreich

Prim. Priv.-Doz. Dr. Arschang Valipour, Vorstand Innere Medizin & Pneumologie an der Klinik Floridsdorf und Leiter des Karl Landsteiner Instituts für Lungenforschung und pneumologische Onkologie, sieht zudem strukturelle Herausforderungen für die klinische Forschung in Österreich: „Durch Verschärfungen auf EMA-Ebene wurden Prozessbewilligungen erschwert. Dazu kommen dann noch aufwendige bürokratische Abläufe in Österreich; so sind zum Beispiel die Zeitabstände bis zur Durchführung von klinischen Studien zu lang. Das schaffen andere Länder schneller, was Österreich zum Nachteil gereicht. Dies fällt dadurch besonders ins Gewicht, dass die USA, die früher selbst langsam bei diesen Prozessen waren, jetzt deutlich schneller geworden sind. Auch Asien ist sehr schnell in diesen Abläufen“, stellt Valipour einen groben globalen Vergleich auf. Diese Rahmenbedingungen gilt es seiner Ansicht nach dringend zu ändern, denn „sie sind mit ein Grund dafür, dass die Zahl der Studien, die nach Österreich kommen, seit 15 Jahren sinkt“.