© AIHTA Ingrid Zechmeister-Koss, Geschäftsführerin des Austrian Institute for Health Technology Assessment (AIHTA), über Entwicklungen in der Medizin, die ihr große Hoffnungen machen, und Reformideen.
Sie haben 2025 die Geschäftsführung des AIHTA übernommen. Welche Schwerpunkte setzten Sie seither? Der Wechsel in der Geschäftsführung fiel zeitlich mit dem Start eines neuen Aufgabenbereichs zusammen: der Erstellung von Health Technology Assessments (HTAs) für das Bewertungsboard für ausgewählte Arzneimittel. Gleichzeitig begann 2025 die Umsetzung der EU-HTA-Verordnung, in die das AIHTA aktiv eingebunden ist. Infolge dieser Entwicklungen ist das Institut innerhalb kurzer Zeit deutlich gewachsen. Das erste Jahr der neuen Geschäftsführung war daher maßgeblich von der internen Neuorganisation geprägt. Inhaltlich lag ein Schwerpunkt auf der Überführung von HTAs für das Bewertungsboard aus der Pilotphase in den Regelbetrieb. Dazu gehörte insbesondere der Aufbau eines Forschungsschwerpunkts im Bereich der Arzneimittelbewertungen, der bisher eine wesentlich geringere Bedeutung am Institut hatte. Ein weiterer Fokus war die Grundlagenarbeit für mehr und bessere gesundheitsökonomische Analysen in Österreich, etwa durch die Entwicklung fundierter Methoden zur Kostenberechnung.
Worauf möchten Sie sich in den nächsten Jahren fokussieren? In den nächsten Jahren wird es darum gehen, in den HTAs neben der Bewertung des klinischen Nutzens vermehrt auch andere entscheidungsrelevante Parameter abzubilden. Dazu zählen insbesondere ökonomische Auswirkungen, organisatorische Voraussetzungen für die Implementierung neuer Technologien in das System sowie ethische Aspekte. Ein weiterer Schwerpunkt wird die Bewertung digitaler, einschließlich KI-gestützter Gesundheitsanwendungen sein. Als Gegengewicht möchten wir aber auch mehr fundierte Evidenz zu Public Health Maßnahmen aufbereiten. Denn Ressourcen im Gesundheitssystem sinnvoll einzusetzen, setzt voraus, dass wir wissen, was wirkt, und das gilt für neue Wirkstoffe genauso wie für ein neues Screening-Programm.
Wie sehr werden Ärzt:innen und Angehörige anderer Berufsgruppen aus dem Gesundheitswesen in die Bewertung neuer Gesundheitstechnologien eingebunden? Bei der Erstellung unserer Berichte wurden Fachexpert:innen immer schon im Rahmen der Qualitätssicherung eingebunden. Mein Ziel ist, sowohl Fach- als auch Erfahrungsexpert:innen, also Patient:innen und Angehörige, im gesamten HTA-Prozess noch stärker einzubinden, soweit dies zeitlich und aus Kapazitätsgründen möglich ist. Das geschieht bereits systematisch bei den HTAs für das Bewertungsboard. Unsere Erfahrung zeigt, dass dadurch die Ergebnisse bei den Fachexpert:innen in der Praxis bekannter sind und diese die späteren Entscheidungen besser mittragen. Patient:innenrelevante Aspekte in den Assessments bekommen mehr Gewicht.
Welche Entwicklungen im Bereich der Medizin machen Ihnen besonders große Hoffnungen? Generell finde ich es wichtig, nicht nur die Entwicklungen in der Medizin im engeren Sinn zu betrachten. Die Kernfrage ist für mich vielmehr, welche der aktuellen Fortschritte dazubeitragen können, dass Menschen möglichst gesund leben und altern können − und zwar global und nicht nur in Österreich. Dazu zählt etwa der Rückgang des Rauchens in vielen Ländern, mehr Bewusstsein zu psychischen Erkrankungen in der Bevölkerung und in der Gesundheitspolitik oder innovative Projekte in der Wohnungslosenpolitik, wie etwa niederschwellige Gesundheitsversorgung für vulnerable Gruppen. Natürlich gibt es auch spannende Entwicklungen in der medizinischen Versorgung im engeren Sinn, beispielswiese einige innovative Therapien in der Onkologie. Hier sehen wir vor allem Fortschritte in der Lebensverlängerung, wissen aber wenig über die Fragen der Lebensqualität. Ein Hoffnungsträger ist sicherlich der Einsatz künstlicher Intelligenz. Am spannendsten finde ich hier die Anwendungin der Grundlagenforschung bei der Analyse großer Datensätze, Mustererkennung und der Simulation biologischer Prozesse, um neue Wirkstoffe bei Erkrankungen zu identifizieren oder zu testen, wo wir derzeit noch sehr im Dunkeln tappen – wie etwa bei ME/CFS.
Was empfinden Sie als besorgniserregend? Leider nehme ich viele Entwicklungen wahr, die besorgniserregend sind. Dazu gehört die niedrige Priorität, die wir gesundheits- und gesellschaftspolitisch der ‚planetaren Gesundheit‘ und somit unserer Lebensgrundlage überhaupt einräumen. Auch Blockaden auf der Systemebene gegenüber echten Reformen bei gleichzeitig enger werdenden budgetären Spielräumen betrachte ich mit Sorge. Damit gefährden wir das Kernprinzip des solidarischen Gesundheitssystems und riskieren, dass gesundheitliche Ungleichheiten zunehmen.
Könnte man den Weg von Innovationen zu den Patient:innen beschleunigen, und wenn ja, wie? Österreich gehört zu jenen Ländern, in denen neue Technologien sehr schnell verfügbar sind, insbesondere im Krankenhausbereich. Ich sehe daher hier keinen Bedarf an Beschleunigung, sondern vielmehr die Notwendigkeit, Entscheidungen über die Finanzierung und Systemimplementierung neuer Produkte verantwortungsvoll und nachvollziehbar zu treffen. Dazu braucht es eine fundierte Datenbasis. Das Bewertungsboard zeigt, dass solche Prozesse möglich sind, ohne den Zugang zu Innovationen zu verlangsamen. Wo es aus meiner Sicht hingegen sehr wohl einen Beschleunigungsbedarf gibt, ist bei der Umsetzung von Prozessinnovationen, zum Beispiel für eine bessere integrierte Versorgung, beigesundheitsfördernden sozialen Innovationen oder im Bereich Prävention. Hier fehlen uns aber oft die Daten, welche Ansätze einen nachgewiesenen Nutzen haben, als Entscheidungsgrundlage. Solche Datenlücken können nur mit einer Priorisierung und Umverteilung von Ressourcen geschlossen werden.
Wenn Sie Gesundheitsministerin wären: Welche Reformen würden Sie angehen? Ich würde zwei grundlegende Weichenstellungen vorantreiben: Nach dem Vorbild der aktuellen Gesundheitsreform in Deutschland würde ich das Grundprinzip gesetzlich verankern, dass Leistungen ohne nachgewiesenen Nutzen nicht erstattet werden sollten. Ziel muss es sein, den Zugang zu wirksamen Leistungen für alle nachhaltig zu sichern. Ich würde versuchen, hierfür einen Rahmen zu schaffen, der sowohl bereits bestehende Leistungen als auch neue umfasst. Ein anderes Thema ist, dass Veränderungen im Gesundheitssystem, wie die Schließung einzelner Krankenhäuser, oft auch an massiven Widerständen in der Bevölkerung scheitern, gegen die kein rationales Argument ankommt. Ich würde innovative Wege fördern, wie wir als Gesellschaft anders an diese Themen herangehen könnten. Wir sollten uns ansehen, wie Menschen in unterschiedlichen Beteiligungsformaten in Entscheidungen besser eingebunden werden können, wie wir alle ein Bewusstsein für limitierte Ressourcen und die Notwendigkeit von Prioritätensetzung entwickeln und Mitverantwortung für das Gemeinwohl übernehmen können. Das würde unser Gesundheitssystem und unsere Gesellschaft einen großen Schritt weiterbringen. (Das Interview führte Sabine Stehrer)