© Tanzer Jede:r Dritte verzichtet aus Kostengründen auf medizinische Leistungen, Zehntausende Menschen sind nicht krankenversichert, und immer mehr Menschen können im Bedarfsfall nicht auf soziale Unterstützung zählen. Die Warnsignale sind unübersehbar.
Die Zahlen, die dieser Tage veröffentlicht wurden, sprechen eine deutliche Sprache: Laut einer Umfrage im Vorfeld des Austrian Health Forum, das am Dienstag zu Ende gegangen ist, haben 29 Prozent der Befragten in den vergangenen zwölf Monaten aus finanziellen Gründen auf medizinische Leistungen verzichtet oder diese aufgeschoben. Ohne Zusatzversicherung waren es sogar 35 Prozent. Eine weitere Studie im Auftrag der Österreichischen Gesundheitskasse zeigte am Montag, dass Ende 2024 je nach Berechnung bis zu 57.000 Menschen ohne Krankenversicherungsschutz gewesen sein könnten. Aus Angst vor Kosten oder aus Scham nehmen viele Betroffene erst spät medizinische Hilfe in Anspruch. Gleichzeitig ist der Anteil jener Menschen, die bei persönlichen Problemen nur mit geringer sozialer Unterstützung rechnen können, von 7,6 Prozent im Jahr 2019 auf 13,6 Prozent gestiegen. Das zeigt die am Dienstag von der Statistik Austria veröffentlichte Gesundheitsbefragung 2025.
Diese Befunde ergeben ein besorgniserregendes Gesamtbild: Das soziale Netz, das Menschen in Krankheit und Not auffangen sollte, bekommt immer mehr Risse. Gesundheitliche Versorgung ist für einen wachsenden Teil der Bevölkerung keine Selbstverständlichkeit mehr. Wer wenig Geld, geringe soziale Unterstützung oder nicht die notwendigen Ressourcen hat, um sich im komplexen Sozialsystem zurechtzufinden, läuft Gefahr, durch die Maschen zu fallen. Dass Einrichtungen wie AmberMed diese Menschen vielfach nur dank ehrenamtlichen Engagements versorgen können, ist ein wichtiges Zeichen der Solidarität – aber kein tragfähiges Fundament für eine verlässliche Gesundheitsversorgung.
Und worüber diskutieren die Gesundheitsreformer:innen? Über Strukturreformen, Geldverschiebungen und Zuständigkeiten. Natürlich müssen Strukturen effizient organisiert und Finanzierungsfragen geklärt werden. Doch all das verfehlt seinen Zweck, wenn dabei jene aus dem Blick geraten, für die das System eigentlich da ist. Wer bekommt rechtzeitig Hilfe? Wer kann sich eine Behandlung leisten? Und wer bleibt krank, weil der Zugang zur Versorgung an finanziellen, bürokratischen oder sozialen Hürden scheitert?
Gesundheitsreform darf kein Machtpoker um Einflussbereiche sein. Sie muss sich daran messen lassen, ob sie Versorgungslücken schließt, soziale Sicherheit stärkt und Menschen tatsächlich erreicht. Denn ein System kann organisatorisch noch so gut geordnet und finanziell noch so ausgeklügelt sein: Wenn Menschen aus Angst vor den Kosten auf Behandlung verzichten müssen, hat es seinen gesellschaftlichen Auftrag verfehlt. Die entscheidende Frage für die kommenden Wochen lautet daher nicht nur, wie wir das Gesundheitssystem neu strukturieren. Sie lautet, wen dieses System noch trägt – und wen es bereits fallen lässt.