„Flächendeckenden Ausbau von Schmerzzentren vorantreiben“ 

Richard Crevenna Präsident der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG) über Veränderungen in der Schmerztherapie, welches Potenzial er für die KI sieht, und welche Maßnahmen er setzen würde, wenn er Gesundheitsminister wäre.   

Sie behandeln seit mehr als drei Jahrzehnten Schmerzpatient:innen. Was hat sich in dieser Zeit verändert? In dieser Zeit hat sich unser Verständnis von Schmerz grundlegend verändert. Schmerz wird heute nicht mehr ausschließlich als Symptom einer Gewebeschädigung verstanden, sondern genauer differenziert und als eigenständige Erkrankung betrachtet, diagnostiziert und behandelt. Als Erkrankung, die komplex ist, also auch biologische, psychologische und soziale Dimensionen hat. Dementsprechend ist die moderne Schmerzmedizin deutlich interdisziplinärer und interprofessioneller geworden. Neben einer differenzierten medikamentösen Therapie stehen heute aktivierende physikalische und multimodale Konzepte im Vordergrund. Dazu gehören die Physikalische Medizin mit Bewegungs- und Trainingstherapie sowie physikalischen Modalitäten, zunehmend auch regenerative physikalische Therapien und die Rehabilitation. Angewandt werden aber auch psychologische und psychotherapeutische Verfahren, die Patientenedukation als Empowerment sowie interventionelle Verfahren.

Um welche regenerativen physikalischen Therapien geht es? Da es seit einigen Jahren eine deutlich bessere wissenschaftliche Evidenz dafür gibt, werden Verfahren wie die fokussierte und radiale Stoßwellentherapie, die Photobiomodulation, neuromodulatorische Verfahren wie die aurikuläre Vagusstimulation, ausgewählte Formen der Elektrotherapie wie TENS oder die Hochtontherapie angewandt. Sie können Schmerzen reduzieren, was häufig der entscheidende Türöffner für eine erfolgreiche aktive Rehabilitation ist, also körperliche Aktivität, Training und letztlich gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht.

Gibt es auch bei der Diagnose Neuerungen? Ja, die diagnostischen Möglichkeiten, die evidenzbasierte Leitlinienorientierung und das Bewusstsein, dass Patient:innen aktive Partner:innen im Therapieprozess sind, haben sich verbessert. Trotz deutlicher Weiterentwicklungen aufgrund der Aktivitäten der ÖSG bestehen aber immer noch erhebliche Versorgungsdefizite, insbesondere was Patient:innen mit chronischen Schmerzen anbelangt.

Welche Defizite sind das? Chronische Schmerzen lassen sich nicht durch eine einzelne Disziplin erfolgreich behandeln. Wir benötigen dafür interdisziplinäre und interprofessionelle Teams. Aus meiner Sicht sollten insbesondere Fachärtz:innen für Physikalische Medizin und Rehabilitation noch stärker in die Versorgung eingebunden werden. Ebenso unverzichtbar sind Angehörige verschiedener weiterer Gesundheitsberufe wie Physiotherapeut:innen, Ergotherapeut:innen, klinische Psycholog:innen, Psychotherapeut:innen, Pfleger:innen mit schmerzmedizinischer Expertise, Sozialarbeiter:innen, etc. Chronische Schmerzen betreffen ja häufig nicht nur den Körper und die Seele, sondern auch den Beruf, die Familie und die soziale Integration.

Sollten noch mehr Berufsgruppen in die Therapie eingebunden werden? Zunehmend an Bedeutung gewinnt die Bewegungs- und Sportwissenschaft, da individuell angepasste Trainingsprogramme ein wesentlicher Bestandteil der modernen Schmerztherapie sind. Bei bestimmten Patient:innen können auch die Ernährungsmedizin und die Arbeits- und Betriebsmedizin einen wichtigen Beitrag leisten.

Sehen Sie in der Schmerzmedizin ein Potenzial für die Telemedizin und die KI? Digitale Technologien werden in der Schmerzmedizin niemanden ersetzen, aber als Ergänzung einer qualitativ hochwertigen persönlichen Betreuung dienen. Was wichtig bleibt, ist der Faktor Mensch. Chronische Schmerzen erfordern Empathie, Kommunikation und ein vertrauensvolles Ärzt:innen-Patient:innen-Verhältnis.

Können Sie Beispiele für den Einsatz nennen? Telemedizin kann bei Verlaufskontrollen, in der Nachbetreuung, bei der Edukation sowie in der Begleitung langfristiger Therapieprogramme wertvolle Unterstützung bieten, besonders für Patient:innen mit eingeschränkter Mobilität oder langen Anfahrtswegen. Die KI besitzt wiederum großes Potenzial bei der Analyse komplexer Verlaufsdaten, der Identifikation individueller Risikofaktoren, der Vorhersage von Therapieansprechen und der Unterstützung klinischer Entscheidungsprozesse. Auch digitale Schmerz- und Aktivitätstagebücher sowie Wearables werden künftig eine größere Rolle spielen.

Wenn Sie Gesundheitsminister wären, welche fünf Maßnahmen würden Sie setzen, um die Versorgung von Schmerzpatient:innen zu verbessern? Generell würde ich ein Bewusstsein dafür schaffen, dass eine moderne Schmerzmedizin keine Kostenbelastung ist, sondern eine Investition in Lebensqualität, Funktionsfähigkeit, gesellschaftliche Teilhabe und letztlich auch in die Nachhaltigkeit unseres Gesundheitssystems. Ansonsten würde ich erstens den flächendeckenden Ausbau interdisziplinärer und multimodaler Schmerzzentren vorantreiben, damit Schmerzpatient:innen wohnortnah Zugang zu evidenzbasierter Schmerzmedizin erhalten. Zweitens würde ich den Ausbau der ambulanten multimodalen Schmerztherapie fördern. Drittens würde ich die Prävention, Bewegung und Rehabilitation deutlich stärken. Denn eine frühzeitige Aktivierung, physikalische Medizin und Rehabilitation verhindern die Chronifizierung, erhalten die Erwerbsfähigkeit und verbessern die Lebensqualität. Viertens würde ich die Aus-, Fort-, und Weiterbildung in der Schmerzmedizin für alle Gesundheitsberufe weiter ausbauen. Fünftens würde ich digitale Gesundheitslösungen und die Versorgungsforschung gezielt fördern, um Innovationen rascher in die klinische Praxis überführen und gleichzeitig deren Nutzen wissenschaftlich evaluieren zu können. (Das Gespräch führte Sabine Stehrer)